Sie möchte eine Kommunalpolitik ohne Frust, sagt Lindaus Oberbürgermeisterin. Ganz einfach war ihre erste Amtsperiode nicht. Wie sie auf die Stimmung im Stadtrat und die Affäre rund ums Bauamt blickt, wie sie mit Kritik umgeht, die oft auch ihre Mutterschaft betrifft – und was sie in den kommenden sechs Jahren anders machen will.
Ich treffe Claudia Alfons in ihrem Büro, das in ihrem Stil eingerichtet ist: Neben dem großen Besprechungstisch aus Holz stehen weiße Möbel, an der Wand hängt ein Bild in knallpink. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, von ihrem Balkon aus hat sie einen traumhaften Blick auf den Bodensee – wahrscheinlich ihr meistgeteiltes Bild auf Instagram.
Frau Alfons, vor sechs Jahren war das Rennen noch knapp: Sie waren eine von fünf Kandidatinnen und Kandidaten, erst in der Stichwahl wurden Sie schließlich zur Oberbürgermeisterin gewählt. Dieses Mal war ihr Vorsprung schon im ersten Durchgang sehr deutlich. Was macht das mit Ihnen?
Es erfüllt mich jeden Tag mit Dankbarkeit. Ich bin sehr guter Dinge, was die zweite Amtszeit anbelangt, weil ich den Eindruck habe, dass das Vertrauen gewachsen ist: innerhalb des Stadtrats, aber auch das der Bürgerinnen und Bürger. Das freut mich enorm. Ich werde alles dafür tun, dieses Vertrauen zu erhalten – und weiter auszubauen zu denen,die es vielleicht noch nicht in dem Maße haben wie andere.
Was würden Sie heute der Claudia Alfons von vor sechs Jahren sagen?
Dranbleiben. Lass dich nicht beirren und versuche, bei dir und dir treu zu bleiben. Ich bin damals aus demselben Grund angetreten, aus dem ich jetzt weitermachen möchte: Es ist mir wirklich ein Anliegen, dass wir hier gemeinsam mit Stadtrat, Verwaltung und Bürgerschaft zeigen,dass man Kommunalpolitik auch anders und gut machen kann.Nicht so, dass alle nur Frust davontragen und genervt sind, sondern so, dass man wirklich das Gefühl hat, wir können hier miteinander was bewegen.
Sie waren vorher nicht in der Kommunalpolitik aktiv.Was war Ihr wichtigstes Learning?
Kommunalpolitik ist an vielen Stellen sehr komplex. Ich glaube, das wird oft unterschätzt. Viele denken, sie wäre Politik für Anfänger. Das ist sie nicht. Sie ist wahnsinnig vielschichtig.Die Themen, an denen wir arbeiten, sind meistens interdisziplinär. Oft sind viele verschiedene Fachbereiche und unterschiedliche Behörden betroffen – und natürlich immer unmittelbar unsere Bürgerinnen und Bürger. Und es gibt eine hohe Dynamik – nicht nur, aber auch wegen der verschiedenen Krisen der vergangenen Jahre. Diese Mischung aus Komplexität und Dynamik ist schon sehr anspruchsvoll.
Die Stimmung im Stadtrat war in der vergangenen Periode oft angespannt, vor allem Mitglieder von CSU, Freien Wählern und Freien Bürgern waren mit Ihrer Arbeit nicht immer zufrieden. Die Mehrheit der Rätinnen und Räte hatten Sie in den vergangenen Jahren allerdings hinter sich. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man sich an Ihren Start erinnert: Im Wahlkampf 2020 hatten Sie sich gegen die Bebauung der Hinteren Insel ausgesprochen – und damit gegen einen bestehenden Stadtratsbeschluss. Heute gehören die Bunte Liste und die SPD, die große Verfechter der Bebauung waren, zu Ihren Unterstützern. Wie kam es dazu?
Erst einmal ist mir wichtig zu betonen, dass ich die Bebauung der Hinteren Insel nicht zum Wahlkampfthema gemacht habe. Ich hatte das nicht forciert. Erst als das Thema über Wahlprüfsteine in der Zeitung abgefragt wurde, wurde mir klar, dass ich da eine ganz andere Position habe als alle anderen. Es wurde dann zum Wahlkampfthema, weil das der größte Unterschied zwischen uns Kandidaten war.
Nach der Wahl war im Stadtrat dann schnell Konsens, dass wir das Thema den Bürgern über ein Ratsbegehren zur Entscheidung vorlegen. Das war ein gutes, gemeinsames Vorgehen – wenn sicherlich mit unterschiedlicher Zielsetzung. Ich habe mich im Vorfeld des Entscheids dann völlig rausgehalten. Meine Meinung war aus der Zeit des Wahlkampfs bekannt, als Oberbürgermeisterin hatte ich neutral zu sein. Entschieden haben dann die Bürgerinnen und Bürger. Dass die Entscheidung gegen die Bebauung so klar war, empfinde ich als hilfreich.
Letztlich sehe ich es vor allem als Verdienst der beiden genannten Fraktionen, dass sie es geschafft haben, darüber hinwegzukommen. Dass wir zueinandergefunden haben und gemeinsam nach vorn schauen konnten. Ich konnte nicht viel anbieten, außer als OB in meiner Rolle zu bleiben, mich neutral zu verhalten und das Ganze nicht auszuschlachten. Alles andere war die Leistung der anderen.
Bei der Kommunalwahl am 8. März wird Claudia Alfons mit mehr als 64 Prozent der Stimmen wiedergewählt.
Es entstand auch der Eindruck, dass diese Fraktionen enger mit Ihnen zusammengerückt sind, je schlechter das Verhältnis zu Ihrem Stellvertreter Mathias Hotz wurde. Schon während Ihres ersten Mutterschutzes Ende 2021 hatte es in Ihrer Abwesenheit verschiedene Sondersitzungen mit Beschlüssen zu wichtigen Themen gegeben. Als er während Ihres zweiten Mutterschutzes im Sommer 2023 dann aber eine von Ihnen vorbereitete Tagesordnung änderte, lehnte die Mehrheit des Stadtrats es ab, über die geänderten Punkte zu diskutieren.
Diese Sondersitzungen in meinem ersten Mutterschutz haben mich geärgert. Mein zweites Kind kam nicht zufällig in der Sommerpause. Die Sitzung im Sommer 2023 war dann tatsächlich ein Wendepunkt.
Das Verhältnis zu Ihrem Stellvertreter war danach zerrüttet und hat sich bis zum Ende nicht mehr erholt. Sehen Sie da auch bei sich selbst einen Anteil?
Natürlich frage ich mich, was ich noch hätte tun können. Es gab persönliche Differenzen und Spannungen, da gibt es nichts schönzureden. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass es anders gewesen wäre, weil ein sachliches, professionelles Verhältnis für die Stadt besser gewesen wäre. Und natürlich gehören da immer zwei dazu. Ich kann nur sagen, dass ich alles dafür tue und auch wirklich davon ausgehe, dass es im Leitungsteam der Stadt Lindau nicht noch einmal eine solche Situation geben wird.
Was haben Sie konkret gemacht, um das Verhältnis zu Ihrem Stellvertreter zu retten?
Ich habe versucht, die Themen, die vorgefallen waren in meinem ersten Mutterschutzund dann auch später im zweiten Mutterschutz, im persönlichen Gespräch anzusprechen. Ich habe klar artikuliert, was mich daran irritiert oder gestört hatund wie ich mir die Zusammenarbeit in Zukunft wünsche oder vorstelle. Aber es hat sich dann einfach nicht mehr eingespielt, wir sind nicht mehr zusammengekommen.
Wenn es Kritik gegen Sie gibt, dann bezieht sie sich oft auf das Thema Mutterschutz und die Tatsache, dass Sie während Ihrer ersten Amtszeit drei Kinder bekommen haben. Trifft Sie das?
Ich kann es ein Stück weit verstehen,dass Leute darüber irritiert sind oder sich erst dran gewöhnen müssen,dass es so etwas gibt. Man sieht das sonst einfach nicht oft: Auch heute noch sind 90 Prozent der Bürgermeister männlich und gehen natürlich nicht in Mutterschutz.
Dann hört es für mich aber auch schon auf. Ich kann niemanden mit Worten überzeugen. Ich kann nur versuchen, gute Arbeit zu leisten und zu zeigen, dass die Stadt bei mir ganz oben steht und ich mir meiner Verantwortung bewusst bin. Für mich ist ganz klar, dass ich 24/7 gerade und parat zu stehen habe. Unser Familienleben ist so organisiert,dass ich diesem Anspruch nachkommen kann.Und alles andere ist wirklich unsere persönliche Angelegenheit.
Vergangenes Jahr hat Claudia Alfsons ihr drittes Kind bekommen. Foto: Kolumna
Ich freue mich wirklich sehr über meine drei Kinderund glaube auch, dass sie der Grund sind, dass ich mental, moralisch und physisch fit und gut aufgestellt bin für das Amt. Sie sind mein Ausgleich und zeigen mir jeden Tag, worauf es wirklich ankommt. Täglich sehe ich diese kleinen Bürgerinnen und Bürger,die in ein paar Jahren oder Jahrzehnten hier leben und vielleicht auch Verantwortung übernehmen werden.
In Ihrem aktuellen Wahlkampf haben Sie viel über das Thema Transparenz gesprochen – ausgelöst durch die jüngsten Geschehnisse im Bauamt. Bei verschiedenen Bauprojekten soll es Ungereimtheiten in den Akten gegeben haben, zudem wurden Näheverhältnisse zwischen Verwaltungsmitarbeitern, Geschäftsleuten und Politikern offenbar. Einige hatten das Gefühl, dass manches nicht mit rechten Dingen zugeht. Sie haben gesagt, dass es mit Ihnen keine Hinterzimmerpolitik gibt. Was tun Sie dafür?
Ich kann natürlich keine Garantie aussprechen, dass so etwas nicht passiert. Das wäre, als würde man eine Garantie aussprechen, dass keiner mehr bei Rot über die Ampel fährt. Die Bürgerinnen und Bürger können sich aber darauf verlassen,dass ich Hinterzimmerpolitik immer aufdecken werde,wenn ich etwas in diese Richtung mitbekomme.Ich kann also garantieren, dass ich sofort und klar reagiere und solche Fälle, wie geschehen, auch den Strafverfolgungsbehörden melde.
Was das Bauamt konkret anbelangt, sind jetzt, glaube ich, gute Weichen gestellt.Wir bekommen zum 1. Juli 2026 eine neue Bauamtsleitungund haben mit Herrn Dr. Spennemanneine überaus erfahrene Führungsperson,die den juristischen Sachverstand mitbringt, um auch die Fälle aus der Vergangenheit aufzuarbeiten.Wir haben eine neue Leiterin der Bauordnungsabteilung,sodass wir da jetzt personell wieder gut aufgestellt sind.
Unter unserem Interimsleiter, Herrn Ordelheide, haben wir bereits strukturelle Veränderungen getroffen. Mittlerweile gilt immer ein Sechs-Augen-Prinzip, damit es eine weitere Kontrollebene gibt. Außerdem haben wir die Kompetenzenzwischen Bauverwaltung und Bauausschuss nachgeschärft.Im engen Zusammenspielzwischen OB, Bauamtsleitung und Bauausschuss werden wir jetzt alles aufarbeiten und in die Gremien bringen, um da wieder zu einer Verlässlichkeit zu kommen.
Parallel dazu laufen noch die staatsanwaltlichen Ermittlungen. Juristisch ist noch nichts nachgewiesen.
Und so lange gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung. Es kann also immer noch sein, dass die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen einstellt und es nie zu einer Anklage oder einem Urteil kommt. Was dann bleibt, ist ein möglicher Interessenskonflikt und das Gefühl von zu viel Nähe zwischen den Beteiligten. Was sagen Sie denen, die behaupten, diese Nähe sei nicht verwerflich – und in einer kleinen Stadt vielleicht sogar unvermeidlich?
Nähe per se ist nicht verwerflichund dass man sich kennt und duzt und befreundet ist, ist auch nicht verwerflich. Entscheidend ist die Transparenz, die ich als Beteiligter darüber herstelle.Dass ich das offenlege, mindestens gegenüber mir als Oberbürgermeisterin und dem Stadtrat als Gremium – egal, ob ich politischer Vertreter bin oder Mitarbeiter der Verwaltung. Dass man es gegenüber dem Bauausschuss offenlegt, wenn es eine Nähe zu bestimmten Projekten gibt.
Es kommt immer wieder vor, dass bei Projekten oder Bebauungsplänen Grundstücke oder Rechte von Stadträten oder deren Verwandten betroffen sind. Entscheidend ist der transparente Umgang damit.
Wenn sie auf die nächsten sechs Jahre blicken: Wie kann dann das angespannte Verhältnis im Stadtrat wieder gekittet werden?
Ich sehe die Verantwortung für das Klima und die Stimmung im Stadtrat ganz klar bei mir. Und ich bin sehr froh, dass wir jetzt in die zweite Amtszeitunter ganz anderen Vorzeichen starten als 2020 mit Corona. Damals saßen wir in der Inselhalle, jeder an einem einzelnen Tischmit zwei Metern Abstand dazwischen. Nicht einmal in der Sitzungspause konnte man zusammen etwas essen oder trinken.
Ich kann dieses Mal machen, was ich letztes Mal auch schon machen wollte: eine Auftaktklausur mit dem Stadtrat. Wir fahren für anderthalb Tage weg und nehmen uns die Zeit, uns nochmal anders kennenzulernen und uns auf bestimmte Spielregeln zu einigen. Darauf freue ich mich sehr.
Wir hatten mit dem letzten Stadtrat bereits eine gute Abschlussklausur, in der wir Resümee gezogen haben darüber, was gut gelaufen ist und was nicht – und was wir dem nachfolgenden Gremium mitgeben möchten. Dabei wurde auch deutlich, dass sich einige mehr informellen Austausch wünschen. Dass wir auch außerhalb von Sitzungen gemeinsam Lösungen erarbeiten. Das halte ich für absolut unterstützenswert. Außerdem möchten wir es zur Gewohnheit machen, nach den Sitzungen ab und an noch gemeinsam was trinken zu gehen.
Nach der Hinteren Insel gab es in Ihrer Amtszeit keinen Bürgerentscheid mehr – für Lindau ist das ungewöhnlich. Bleibt das ein Ziel für die kommenden sechs Jahre?
Ja, das bleibt weiterhin mein Anspruch. Ich glaube, das A und O ist, die Leute auf den verschiedensten Ebenen mitzunehmen.Das fängt schon an, wenn die Verwaltung Lösungsvorschlägeoder Ansätze für bestimmte Projekte erarbeitet, und geht weiter mit dem Einbinden von Stadtrat und Bürgern.
Natürlich haben wir eine repräsentative Demokratie mit 30 Stadträtinnen und Stadträten, die sich in Themen intensiv einarbeiten und dann natürlich auch entscheiden. Trotzdem halte ich Bürgerbeteiligung für sehr wichtig. Sie muss aber frühzeitig beginnen und nicht erst dann, wenn man schon eine fertige Idee für ein Projekt hat.
Außerdem versuchen wir, kontinuierlich in den Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern zu gehen, zum Beispiel mit unserem neuen Format Stadtrat on Tour.
Was wünschen Sie sich persönlich für die nächste Amtszeit?
Dass wir das gute Miteinander und das Vertrauen weiter ausbauen können. Dass die überwiegende Mehrheit das Gefühl hat,dass wir hier in Lindau gut gemeinsam gestalten.Das heißt nicht, dass wir einer Meinung sein müssen. Aber ich möchte, dass sich die Menschen mit der Art, wie hier Politik gemacht wird, identifizieren können.
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