Was es in der ersten Ausstellung zur Nazi-Zeit in Lindau alles zu lernen gibt

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Lindau
Eine Jungenstatue, ohne Kopf und Füße, der auf einer umgehängten Trommel spielt
Das ist die Statue des Trommlerjungen, die einst auf dem heutigen Kinderfestbrunnen stand.
Foto: Emma Willig

Eine kopflose Statue und ein NSDAP-Bürgermeister – im Cavazzen arbeitet Lindau erstmals seine Nazi-Vergangenheit auf. Unsere Praktikantin Emma Willig hat sich dort umgeschaut.

Nach etwa sechs Jahren Renovierung wurde der Cavazzen im Mai wiedereröffnet, und damit auch eine neue Ausstellung, die sich rund um die Zeit des Nationalsozialismus in Lindau dreht. Warum gab es eine solche Ausstellung nicht schon früher?

Laut Museumsleiterin Barbara Reil waren die alten Ausstellungen im Cavazzen teils noch so, wie sie 1930 und 1931 eingerichtet wurden. In den 50er Jahren habe es zwar Erneuerungen gegeben, jedoch war man damals noch nicht so weit, dass man sich im Stadtmuseum mit der NS-Zeit beschäftigt habe, erklärt Reil.

Abgesehen davon habe man zu diesem Zeitpunkt nicht viele Objekte aus der NS-Zeit in der Sammlung besessen. Und natürlich sei das auch nicht einfach zu finanzieren gewesen.

„Aber für uns war von Anfang an klar, dass wir das angehen“, sagt Barbara Reil. Durch die Neukonzeption des Museums sollte die NS-Zeit einen festen Platz bekommen. Die Verteilung der Ausstellung wurde so gewählt, dass die unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema sichtbar gemacht werden.

Ein Rundgang durch die Ausstellung zur NS-Zeit

Eine riesige Stoffkugel sticht sofort ins Auge. Sie nimmt fast den ganzen Raum ein. Drumherum befinden sich Bildschirme, auf denen die Zeitzeugen Anni Kemper, Winfried Schlegel, Hans-Peter Willhalm und Fritz Scheiner von Erlebnissen und Erinnerungen aus der NS-Zeit berichten.

Da die Geschichten der vier Zeitzeugen Besucherinnen und Besuchern auch mal ein kleines Schmunzeln aufs Gesicht zaubern können, solle die Kugel verhindern, dass man sich zu wohlfühlt, sagt Barbara Reil. „Der Elefant im Raum, von dem alle wissen, er ist da, aber keiner spricht drüber.“ Die Kugel soll außerdem die Besucher dazu animieren, Fragen zu stellen und sich Gedanken zu machen.

Es ist eine große, graue Stoffkugel zu sehen, die mitten in einem Raum steht.
Diese große Stoffkugel soll ein unwohles Gefühl erzeugen.
Foto: Emma Willig

Ein Raum weiter kann man etwas über die „Appelle der Nobelpreisträger und -trägerinnen“ lesen, die diese 1955 und 2015 unterzeichneten. Damit wollten sie klarmachen, dass sie für die Wissenschaft arbeiten, um das Leben der Menschen zu verbessern. Es sei erschreckend für sie, dass genau diese Wissenschaft dazu genutzt wird, der Menschheit Mittel zu geben, sich selbst zu zerstören, wie es dort heißt.

Gleich nebendran wird über die „Wirtschaft und Wunder“ Lindaus berichtet. Es folgen kleine Täfelchen, die von Fakten oder verschiedenen Ereignissen Lindaus erzählen, und es wird über die Nobelpreisträger und die erste „Europa-Tagung der Nobelpreisträger“ berichtet. Man kann sich etwas über den Grenzverkehr Lindaus durchlesen und sich einen Film dazu ansehen.

Der polnisch-ukrainische Junge Iwan Bacić

Im dritten und letzten Raum kann man sich gleich zu seiner Rechten die Geschichte des polnisch-ukrainischen 19-jährigen Iwan Bacić ansehen. In Form einer Graphic Novel, eine Art Comic, wird vom ihm erzählt. Iwan Bacić wurde demnach 1925 geboren und 1944 hingerichtet – aufgrund falscher Anschuldigungen, wie man heutzutage weiß.

Das ist die Graphic Novel, in der die Geschichte des Jungen Iwan Bacic erzählt wird.
Foto: Emma Willig

Warum die Trommler-Statue keinen Kopf hat

Gegenüber kann man sich über einen digitalen Zeitstrahl die Geschichte und Entwicklung der Trommler-Statue ansehen, die einen Jungen aus der Hitlerjugend verkörpern soll. Dieser stand früher auf dem heutigen Kinderfestbrunnen.

Die Statue wurde zum 80. Geburtstag des Ehrenbürgers Ludwig Kick, der eine Stütze des NS-Regimes in Lindau war, im März 1937 errichtet. Die Statue war der Hitlerjugend geweiht, wie es im Museum heißt.

Es gab einige Auseinandersetzungen wegen der Statue. 1990 wurden der Kopf und die Füße der Statue bei Vandalismus abgebrochen und seien seitdem verschollen.

Seit 2000 steht ein freundliches Lindauer Kinderfest-Pärchen auf dem Brunnen an der Ecke von Maximilianstraße und Bürstergasse.

Eine Jungenstatue, ohne Kopf und Füße, der auf einer umgehängten Trommel spielt
Das ist die Statue des Trommlerjungen, die einst auf dem heutigen Kinderfestbrunnen stand.
Foto: Emma Willig
Ein Mädchen und ein Junge die in Festkleidung, als Statuen auf einem Brunnen stehen
Das ist der Kinderfestbrunnen.
Foto: Emma Willig

Die Geschichte der jüdischen Familie Spiegel

Außerdem wird von dem Schicksal der Familie Spiegel erzählt, deren Haus heute immer noch in der Cramergasse steht. Während des Zweiten Weltkriegs lebte dort das jüdische Ehepaar Emil und Chlothilde Spiegel. Die beiden hatten mehrere Kinder, steht auf einer Tafel im Museum.

Die Tochter Erna Spiegel sei um 1906 auf dem Weg zur Schule ermordet worden. Das Ehepaar, wie auch die andere Tochter Martha, kamen im Ghetto oder Konzentrationslager ums Leben.

Der Sohn Max Spiegel überlebte, indem er sich als polnischer Zwangsarbeiter ausgab, wie es im Museum heißt. Etwa 1938 bat Emil einen Mitarbeiter, ihm das Geschäft abzukaufen. Emil Spiegel hatte Angst, dass ihm das Geschäft durch Zwangsenteignung abgenommen wird.

Der Mitarbeiter soll versprochen haben, das Geschäft in den Besitz der Familie Spiegel zurückzugeben, falls sich die politische Lage wieder ändert. Er hielt sein Wort und gab im Winter 1945 das Geschäft an Max Spiegel zurück. Seitdem ist das Geschäft wieder im Besitz der Familie.

Lindauer Bürgermeister war in der NSDAP

Gleich daneben wird über den damaligen Bürgermeister Ludwig Siebert geschrieben. Dieser trat demnach um 1931 der NSDAP bei und machte Lindau somit zur ersten bayrischen Kommune mit NSDAP-Oberbürgermeister. Sein Sohn Friedrich übernahm 1933 die Amtsgeschäfte in Lindau, nachdem Ludwig Siebert zum Ministerpräsidenten der bayrischen NS-Regierung ernannt wurde.

Nicht zuletzt diese Geschichte zeigt, dass die Nazi-Regierung im Alltag der Menschen in Lindau eine Rolle gespielt hat. „Es ist einfach unabdingbar, für Stadtmuseen und kulturell geschichtliche Museen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen“, sagt Museumsleiterin Barbara Reil.

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