Was die Bunte Liste der CSU vorwirft – und was die dazu sagt

Ein Luftbild von einem Gelände am Bodensee.
Das Grundstück hinter der Therme, auf dem aktuell die Thermenparkplätze und Schrebergärten untergebracht sind, soll entwickelt werden. Rechts unten im Bild ist gut die Fläche zu erkennen, die ohne Genehmigung gerodet wurde.
Foto: Stadt Lindau

Fast ein Jahr lang hat der Beteiligungsprozess bisher gedauert, bei dem die Verwaltung einen Kompromiss für das 80.000 Quadratmeter große Gelände hinter der Therme finden will. Doch nach der Stadtratssitzung vergangene Woche haben sich die Fronten wieder ein Stück weit verhärtet. Ist ein Kompromiss noch möglich?

Eine von der CSU angeführte Mehrheit mit den Freien Wählern/Freien Bürgern, Bürgerunion und FDP habe dem Befriedungsprozess ein abruptes Ende gesetzt, kritisiert die Bunte Liste in einer aktuellen Pressemitteilung. 

Indem sich diese Mehrheit gegen den Vorschlag der Verwaltung gewandt hatte, eine „tragfähige Lösung zu erarbeiten“, und stattdessen für die „unpopulärste Variante“ gestimmt habe, habe sie den Befriedungsprozess „faktisch torpediert“, so die Bunten. Das Versprechen an die Kleingärtner sei dadurch gebrochen und Vertrauen zerstört worden.

So wird Politikverdrossenheit geschürt“, schreibt die Bunte Liste. Der CSU wirft sie vor, diese setze auf „Macht statt Verständigung“ und sei ausgeschert, „um eigene Interessen durchzusetzen und Wahlkampf zu führen“.

Was ist passiert?

Der Konflikt um das Eichwaldquartier schwelt seit vier Jahren. Thermeninvestor Andreas Schauer will das Gelände, das er für die Thermenparkplätze kaufen musste, bebauen. Dabei bezieht er sich auf eine Absichtserklärung des Stadtrats (ihr findet sie im Original hier verlinkt). Als klar wurde, dass die rund 100 Schrebergärten, die bisher etwa die Hälfte des Geländes belegen, einer Bebauung weichen müssten, wehrten sie sich. Den Gärtnerinnen und Gärtnern war im Zusammenhang mit dem Bau der Therme zugesichert worden, sie müssten sich um ihre Gärten keine Sorgen machen.

Ein Kompromiss sollte her – auch, um einen Bürgerentscheid zu verhindern. Die Stadt startete ein Beteiligungsverfahren. Ein wichtiger Zwischenschritt war die Einigung auf ein sogenanntes Strukturkonzept. Das ist eine erste, grobe Aufteilung des Geländes.

Basis dafür waren die Gespräche mit Interessensvertretern von Grundstücksbesitzer Schauer, Kleingärtnern, Bund Naturschutz sowie Eishockey- und Alpenverein, die dort eine Eis- und Kletterhalle bauen wollen.

Eine sogenannte Steuerungsgruppe aus Räten von SPD, BL und CSU sowie Vertretern von Verwaltung, Grundstücksbesitzer und Kleingärtner hatte sich zunächst auf drei Varianten geeinigt. Kurz vor Schluss flog allerdings diejenige raus, in der eine verhältnismäßig große Fläche für die Gärtner eingezeichnet war. Eine Prüfung hatte ergeben, dass sie nicht wirtschaftlich wäre.

Bunte Liste: „Ein fauler Kompromiss zerstört Vertrauen“

Übrig blieben zwei Varianten, in denen für die Gärtner noch etwas mehr als ein Viertel ihrer jetzigen Fläche bleibt. So viel war für sie schon in einem Nutzungskonzept vorgesehen gewesen, das Schauer der Verwaltung bereits vor drei Jahren vorgelegt hatte – und wogegen die Gärtnerinnen und Gärtner protestiert hatten. 

„Ein ,Kompromiss‘, der diesen Namen nicht verdient und die Kernforderung der Kleingärtnerinnen und Kleingärtner missachtet“, schreibt die Bunte Liste.

Obwohl der Widerstand vonseiten der Gärtner und Naturschützer gegen die beiden verbliebenen Varianten noch sehr hoch war, beschloss die Mehrheit aus CSU, FW/FB, BU und FDP, auf Basis der sogenannten Variante G weiterzuplanen, die neben den Gärten eine maximale Bebauung vorsieht.

Die Variante G ist die Variante, auf deren Basis die Mehrheit des Stadtrats das finale Strukturkonzept entwickeln will. Hier sind für die Schrebergärten etwa 10.000 Quadratmeter vorgesehen (türkis). Im Nordosten, und damit auch im Gebiet, in dem ohne Genehmigung gerodet wurde, sollen Wohnungen entstehen (rot). Die orangefarbene Fläche zeigt ein Mischgebiet, die graue ein Gewerbegebiet. Grünflächen sind grün, Wasser ist blau.
Skizze: Stadt Lindau

„Damit wird nicht nur eine Fläche vollständig bebaut, die ohne Genehmigung zum Teil gerodet wurde – es entsteht auch der fatale Eindruck, dass Rechtsverstöße von Investoren nachträglich belohnt werden“, schreibt die Bunte Liste.

Auch Jürgen Müller von der Lindau Initiative (LI) findet: Diese Variante „mit einer massiven Bebauung selbst der illegal gerodeten Flächen muss gestoppt werden“. Er glaubt ebenfalls, dass der Beschluss vergangene Woche Vertrauen „in ehemals städtische Aussagen“ zerstört habe.

„Hier wurde eine Chance vertan“, schreibt Müller, der glaubt, dass der Widerstand „heftig“ sein wird. Kleingärtner und Bund Naturschutz haben bereits mit Klagen und Bürgerbegehren gedroht.

Das sagen CSU und Freie Wähler/Freie Bürger

Sie habe sich mit ihrer Abstimmung an den ursprünglichen Vorschlag der Verwaltung gehalten, verteidigt sich die CSU in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit FW/FB gegen die Vorwürfe von Bunter Liste und LI.

Die Variante G sei diejenige gewesen, die im Stadtrat den geringsten Widerstand hervorgerufen habe. „Damit setzen wir ein Zeichen für eine verantwortungsvolle und nachhaltige Stadtentwicklung im Eichwaldquartier.“

Im Vorfeld seien alle Belange der verschiedenen Interessensgruppen „sorgfältig geprüft und abgewogen“ worden, so die Gruppierungen in ihrer Pressemitteilung weiter. „Zusätzlich wurden externe Gutachten eingebunden und ein Mediator eingesetzt, um einen fairen und ausgewogenen Prozess zu gewährleisten.“

CSU und FW/FB versichern, dass sie es ausdrücklich begrüßen, „dass sämtliche Anregungen und Kritikpunkte weiterhin in die nun anstehende vertiefte Bearbeitung einfließen“. 

CSU: Variante G bietet die „größtmögliche Flexibilität“

Warum hat sich die CSU am Ende ausgerechnet für die Variante G entschieden, die bei Gärtnern und Naturschützern maximalen Widerstand hervorgerufen hatte? „Wir glauben, dass wir damit die größtmögliche Flexibilität haben“, sagt Fraktionsvorsitzende Jasmin Sommerweiß auf Nachfrage.

Sie könne sich zum Beispiel vorstellen, dass auf einem Teil der Flächen bei der Gleisharfe, die in der Variante G mit Wohnungen überplant ist, noch weitere Kleingärten unterkommen.

Noch handle es sich beim Strukturkonzept um eine reine Flächendarstellung. Bei einem städtebaulichen Wettbewerb könnten Träger öffentlicher Belange, Anwohner und weitere Interessierte ihre Einwände noch einbringen. Erst dann würde die Fläche mit konkreten Inhalten gefüllt.

Schon jetzt von einer ,Betonwüste‘ oder ,massiver Bebauung am See‘ zu sprechen, greift daher zu kurz und ist sachlich nicht haltbar“, schreiben CSU und FW/FB in ihrer Pressemitteilung. „Es besteht weiterhin großer Gestaltungsspielraum und wir setzen darauf, ihn verantwortungsvoll zu nutzen.“

Um „parteipolitische Machtspiele“ gehe es nicht. „Unser gemeinsames Ziel ist ein lebenswertes Quartier, das neuen Wohnraum schafft, die Wirtschaftlichkeit sichert, Grünflächen und Kleingärten darstellt, Freizeitangebote für Jung und Alt ermöglicht und Vereinen ein neues Zuhause bietet“, heißt es weiter. „Das ist kein fauler Kompromiss, sondern ein verantwortungsvoller Schritt im Interesse aller Lindauerinnen und Lindauer.“

Was ist mit der Wirtschaftlichkeit?

Eine Entscheidung für eine wirtschaftlich „nicht tragfähige Variante wäre aus unserer Sicht nicht verantwortbar“, schreiben CSU und FW/FB weiter. Zu groß sei das Risiko, dass die Fläche am Ende gar nicht entwickelt werde.

Das fürchtet auch die Bürgerunion, die sich in einer Pressemitteilung ebenfalls gegen die Vorwürfe der Bunten wehrt. „Der desolate Zustand der alten Bahn-Brache mit dem angrenzenden, vermüllten Ödland hat wenig Erhaltenswertes“, so die BU. „Ohne Investitionen zementiert man den unbefriedigenden Status quo.“

Dass sich Mitglieder der Steuerungsgruppe plötzlich gegen die von ihnen erarbeiteten und ausgewählten Varianten aussprechen und der Stadtratsmehrheit den Vorwurf machen, dass sie ihren Vorschlägen folgt, sei „kaum zu glauben“. Die Bunte Liste verlange eine „Fortsetzung des Beteiligungsverfahrens bis zum Erreichen des von ihnen gewünschten Ergebnisses“, schreibt die BU.

Auch die BU glaubt, dass die Variante G genügend Spielraum für eine „Ausdehnung der Gartenareale“ ermögliche. CSU und FW/FB betonen, dass die Entscheidung für Variante G auf einer „unabhängigen Wirtschaftlichkeitsprüfung“ basiere. „Wir vertrauen auf die Seriosität dieser Einschätzung“, schreiben sie.  

Die Bunte Liste hingegen findet Zweifel an der Wirtschaftlichkeitsprüfung berechtigt. „Jede Planung bedeutet eine massive Aufwertung des Grundstücks von Herrn Schauer“, schreibt sie. „Ob die von der Firma Cima geprüfte ,Wirtschaftlichkeit‘ realistisch ist, muss offengelegt werden.“

Wie soll es jetzt weitergehen?

Die Bunte Liste verspricht: „Wir stimmen keinem Vorschlag zu, den die Gärtner:innen nicht mittragen.“ Auch der Bund Naturschutz müsse sein Okay für die Planungen geben. Entlang der Bahnlinie können sich die Bunten Gewerbeflächen vorstellen, wo auch Kletter- und Eissporthalle unterkommen könnten. Wohnungsbau hingegen dürfe „an dieser Stelle nicht zum Deckmantel für Luxuswohnungen werden, die am Bedarf vorbeigehen“.

Die Bunten rufen die Bevölkerung auf, „sich hinter die Forderung nach mehr Grün und für einen deutlich größeren Anteil der Kleingärten im Eichwaldareal zu stellen“ – schreiben aber auch, dass sie weiterhin kompromissbereit bleiben wollen. „Wir sind sogar bereit, die Fläche zum ursprünglichen Preis zurückzukaufen, um eine Lösung im Sinne der Stadtgesellschaft möglich zu machen.“

Ähnlich hatte sich auch Oberbürgermeisterin Claudia Alfons in der Stadtratssitzung vergangene Woche geäußert. Allerdings sagte Schauer im Gespräch mit Kolumna bereits, dass er das Grundstück „nach dieser ganzen Zeit der Entwicklung“ nicht mehr verkaufen werde. Er sagte aber auch, dass er sich eine Lösung wünsche, „die für alle möglichen Nutzer zu einem akzeptablen Ergebnis führt“.

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