Anfang Juli übernimmt der Arzt Michael Ruoff aus Ulm die Praxis in Oberreitnau. Ganz an den Nagel hängen wird Josef Ott sein Stethoskop aber nicht.
Die meisten Patienten wissen schon Bescheid. Für viele ist es in diesen Tagen vielleicht schon der letzte Termin bei ihrem Dr. Ott. „Es fällt mir natürlich nicht leicht“, sagt Josef Ott. „Das ist mein Lebenswerk. Meine Patienten sind meine Freunde.“
Vor 35 Jahren hat der Oberreitnauer die Praxis im Ort gemeinsam mit seiner Frau, einer medizinischen Fachangestellten, übernommen. Damals war er gerade 30 Jahre alt. Von da an spielte sich der Großteil seines Lebens dort ab.
Der enge Kontakt zu all den Menschen und Familien, die er jahrzehntelang begleitet hat, wird ihm fehlen.
Spricht man mit seinen Patienten, dann ist Dr. Ott einer, der sich Zeit nimmt. Hausbesuche sind für ihn noch selbstverständlich, einfach abgefertigt wird in der kleinen Praxis keiner. Ist die Symptomatik etwas komplexer, dann sucht er so lange, bis er die Ursache findet.
„Ein bisschen Detektivarbeit gehört dazu“, sagt der 65-Jährige. Er habe immer versucht, die Medizin nicht nur zu lernen, sondern wirklich zu verstehen. „Man muss Zusammenhänge erkennen und in die richtige Form bringen – gerade als Allgemeinmediziner.“
Dass er seine Arbeit all die Jahre mit viel Herzblut gemacht hat, merkt man. „Aber als Arzt sieht man eben auch, dass das Leben endlich ist.“ Mit dem Alter kam der Wunsch nach etwas mehr Freizeit.
Ein paar Jahre hätte er aber schon noch weitergemacht – hätte sich nicht ein Nachfolger gemeldet, dem er seine Patienten mit gutem Gefühl übergeben kann.
Nachfolger erfüllt sich einen kleinen Lebenstraum
„Normalerweise heißt es, dass eine Praxisübergabe etwa drei Jahre dauert“, erzählt Ott. Vorsorglich habe er darum Mitte vergangenen Jahres eine Anzeige bei der kassenärztlichen Vereinigung geschaltet.
Schon ein paar Wochen später meldete sich Michael Ruoff. Seitdem haben sich die beiden schon mehrmals getroffen. „Und ich habe das Gefühl, dass es passt“, sagt Josef Ott. Diese Gelegenheit habe er nutzen müssen, vor allem für seine Patienten. „Die Gefahr ist viel zu groß, dass ich in zwei oder drei Jahren niemanden mehr finde.“
Das Praxis-Team hat der 59-jährige Ruoff bereits kennengelernt, an diesem Dienstagmorgen läuft er zum ersten Mal im Betrieb mit. Mit der eigenen Praxis am Bodensee erfüllt er sich einen kleinen Lebenstraum.
Michael Ruoff (links) besucht Josef Ott in seiner Praxis. Foto: Julia Baumann-Scheyer
Die Bodenseeregion lieben seine Frau und er schon lange, seit vielen Jahren machen sie Wohnmobil-Urlaub auf dem Campingplatz Gohren in Kressbronn.
Eigentlich hatten die beiden vor, im Ruhestand hierherzuziehen, erzählt er. „Aber dann haben wir gesagt: Das sind noch zehn Jahre – warum nicht vorher hier noch etwas leisten?“
Ruoff ist gelernter Anästhesist. Nach seiner Facharztausbildung arbeitete der gebürtige Heidenheimer an der Uniklinik in Ulm als Oberarzt der Anästhesie, bevor er vor zehn Jahren Partner einer Gemeinschaftspraxis wurde.
Ein Teil des Teams geht, ein Teil bleibt
Am Bodensee habe er sich mehrere Praxen angeschaut, die von Dr. Ott habe ihm sofort gefallen. „Wir haben uns schnell so gut verstanden“, erzählt Ruoff. Außerdem habe er ganz bewusst nach einer „typischen Landarztpraxis“ fernab der großen Stadt gesucht. „Hier muss man phantasievoll sein, um die Leute gut zu versorgen“.
Und was andere vielleicht eher abschreckt, mache für ihn die eigene Praxis erst attraktiv: „Die Selbstständigkeit möchte ich nicht mehr missen“, sagt Ruoff. „Die Praxis wird dann von mir geprägt.“
Wenn er am 6. Juli gemeinsam mit seiner Frau, die gelernte Krankenschwester und medizinisch-technische Angestellte ist, übernimmt, dann möchte er vieles so lassen, wie es ist. Die kräftigen Farben der Vorhänge und Bilder gefallen ihm, sagt er.
Ausstattung und Geräte seien noch so gut in Schuss, dass man alles übernehmen könne. Auch Hausbesuche werde er weiter anbieten.
Nur bei der EDV möchte er etwas aufrüsten. „Terminbuchung wird in Zukunft auch online möglich sein, um das Telefon zu entlasten“, sagt er.
Ein Teil des jetzigen Teams bleibt, manche werden aber auch mit Josef Ott in die Rente gehen. Die ersten Bewerbungsgespräche laufen schon. „Wir bilden dann gemeinsam ein neues Team“, sagt Ruoff. „Dann gibt es für uns einen Neuanfang, und für die Patienten bleibt trotzdem vieles beim Alten.“
Josef Ott wird man vermutlich trotzdem noch ab und an in der Praxis treffen
Sein Vorgänger habe ihn von Anfang an „extrem unterstützt“, erzählt Ruoff. Nicht nur bei der Personalsuche, sondern auch bei der Suche nach einer neuen Wohnung.
„Und das ist tatsächlich das schwierigste Problem.“ Einen unterzeichneten Mietvertrag habe er noch nicht. Zur Not, sagt Ruoff und lacht, könne er ja übergangsweise auf den Campingplatz ziehen.
Wenn er Ende Juni seinen Praxisschlüssel übergibt, will Josef Ott erst einmal ein paar Monate abschalten.
Dann ist er mit dem Segelboot oder dem Stand-Up-Paddle-Board auf dem Bodensee zu finden. Beim Tennisspielen, Angeln, Bogenschießen, Fahrradfahren oder in der Natur mit seinem Hund. Auch die eine oder andere Reise möchte er mit seiner Frau unternehmen.
Danach wird man ihn aber vermutlich auch ab und an wieder in seiner alten Praxis treffen. „Ich stehe natürlich zur Verfügung, wenn man mich braucht“, sagt er. „Als Vertreter, im Notdienst, beratend – da gibt es viele Möglichkeiten.“
Eins ist jedenfalls klar: „Ich werde mein Stethoskop nicht einfach an den Nagel hängen.“
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