Mehr als 1000 Rückmeldungen und hunderte Gespräche: Die Bürgerbeteiligung zum Berliner Platz setzt neue Maßstäbe. Das Großprojekt Berliner Platz soll Verkehr, Städtebau und Mobilität in Lindau neu ordnen – ein Versuch an einem neuralgischen Punkt wird schon bald gestartet.
Es ist laut, am Zebrastreifen zwischen Apotheke und Bahnhof Reutin bildet sich Stau. Ein Radfahrer schlängelt sich zwischen den vielen Autos hindurch, es wird gehupt. Während eine Frau abbiegen möchte, um am Lindaupark zu parken, fährt ein Mann ihr von hinten fast auf. Solche Szenen sind am Berliner Platz Alltag.
Egal ob auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen – mit dem Auto, Zug, Bus, zu Fuß oder mit dem Fahrrad: viele Lindauerinnen und Lindauer müssen am Berliner Platz vorbei. Schlechte Erfahrungen sind dort an der Tagesordnung. „Es gibt wenige, denen der Berliner Platz so gefällt wie er ist“, sagte der Mobilitätsbeauftragte der Stadt, Jaime Valdés Valverde, am Freitagabend in der Inselhalle. Dort fand als Abschluss der Bürgerbeteiligung rund um die Umgestaltung des Berliner Platzes eine Marktplatz-Veranstaltung statt.
Am Berliner Platz herrscht immer viel Verkehr – vor allem zu den Stoßzeiten morgens und am späten Nachmittag.
Dass sich am Berliner Platz etwas ändern muss, darüber schienen sich Stadträtinnen, Verwaltungsmitarbeiter und die 60 Gäste, die zur Veranstaltung gekommen sind, einig zu sein.
Dem städtebaulichen Wettbewerb, der für 2026 vorgesehen ist, stellt die Stadt eine Bürgerbeteiligung voran. Auch wenn es noch lange dauern wird, bis das Projekt umgesetzt und vor allem bis es fertig sein wird – Alfons sprach bereits zum Start von einem „Jahrhundertprojekt“. Die Beteiligung war groß. Sie habe „neue Maßstäbe“ gesetzt, sagte Valdés Valverde.
1000 Rückmeldungen, 225 Gespräche
Über einen „Meckerbriefkasten“, Infostände und online seien in den vergangenen Monaten mehr als 1000 schriftliche Rückmeldungen eingegangen, über 700 Menschen haben mitgemacht und es wurden mehr als 225 Gespräche geführt. Befragt wurden Pendlerinnen, Einkaufstouristen, Anlieger und Lindauerinnen und Lindauer.
An verschiedenen Stationen konnten die Teilnehmenden am Freitagabend in der Inselhalle dann miteinander und mit Mitarbeitenden der Verwaltung über den Berliner Platz diskutieren, Kritik anbringen und Pläne schmieden. Es ging um Klimaschutz, Verkehr und Mobilität, Städtebau und Architektur oder die Frage nach einem lebendigen Quartier.
Besucherinnen und Besucher, die mit dem Auto nach Lindau kommen und auf die Insel wollen, sollen künftig am Berliner Platz abgefangen werden und dann mit Zug, Bus, Lastenrad, E-Roller und Co. weiter auf die Insel gelangen, ergänzte Bauamtsleiter Kay Koschka.
Noch sind die Pläne recht unkonkret. Umgebaut werden sollen aber nicht nur der Kreisverkehr und das Areal um den Bahnhof, sondern auch der Platz vor dem Lindaupark und die Rickenbacher Straße. Angedacht ist zum Beispiel eine Art Steg, der vom Lindaupark bis an den Bodensee führen soll.
Klar ist zum Beispiel auch, dass am Bahnhof Reutin ein Bahnhofsgebäude entsteht. „Die Bahn baut das aber nicht, das müssen wir selbst machen“, so Koschka. Die Stadt hat vor, das Gebäude mitzuplanen und das Baurecht über einen Bebauungsplan zu sichern. Bauen und bewirtschaften soll es ein Investor.
Was ist zu den Kosten und dem Zeitplan bekannt?
Einen Zeitplan gibt es für das Projekt noch nicht. „Grundsätzlich sprechen wir aber von Dekaden“, sagte Claudia Alfons.
Und auch die Kosten stünden noch nicht fest, sagte Stadtrat Thomas Hummler (CSU), der mit Laura Brombeis (Bunte Liste), Angelika Rundel (SPD) und Ulrich Schöffel (BU) sowie Mitarbeitenden der Verwaltung die Steuerungsgruppe bildet.
Eine finanzielle Herausforderung sei das Projekt aber durchaus, so Alfons. „Wir müssen überlegen, was wirklich wichtig ist – und das priorisieren wir hoch.“
Was wird kurzfristig unternommen?
Für viele ein Hauptproblem ist der Fußgängerüberweg zwischen der Apotheke und dem Bahnhof Reutin. Den Zebrastreifen dort müssen viele Leute täglich überqueren, was zu Stop-and-Go-Verkehr und Rückstau führt.
Schon vor zwei Jahren hat der Stadtrat beschlossen, dass dort testweise eine Ampel aufgestellt werden soll, erinnerte OB Alfons. Das staatliche Bauamt Kempten habe damals wegen Bedenken dieser Idee aber nicht zugestimmt.
Über diese Stelle am Berliner Platz wurde schon viel diskutiert.
Vor Kurzem habe sie nochmal beim staatlichen Bauamt angerufen. „Und es stimmt immer noch nicht zu“, sagte Alfons. „Aber wir können es trotzdem versuchen.“
Das Risiko liege dann bei der Stadt. Der Grund, warum das Bauamt Bedenken äußere: Wenn es an der Ampel lange Rotphasen gibt, könne der Kreisverkehr „zustauen“. Die Wahrscheinlichkeit, dass es schiefgeht, sei hoch, sagte die OB. Wann der Versuch gestartet wird, stehe noch nicht fest.
Wie geht es jetzt weiter?
„Wir haben jetzt viel zu tun“, sagt Bauamtsleiter Kay Koschka am Ende der Veranstaltung in der Inselhalle. Ab sofort setze sich das Team in der Verwaltung daran, die Antworten der Bürgerinnen und Bürger auszuwerten und zu clustern. „Im März wollen wir den Auslobungstext für den städtebaulichen Wettbewerb fertig haben.“ Dann soll darüber im Stadtrat abgestimmt werden. Ende 2026, so Koschkas Plan, solle der Wettbewerb abgeschlossen sein.
Oberbürgermeisterin Claudia Alfons erklärte es zum eindeutigen Ziel, der Berliner Platz besser zu machen. Da seien sich alle einig – und das sei in Lindau schließlich nicht selbstverständlich. „Es ist kein politisch belastetes Projekt“, sagte Alfons. „Das finde ich auch mal schön.“
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