Noch keine konkreten Pläne, aber eine Vision: Stadt startet „Jahrhundertprojekt“ mit Bürgerbeteiligung

Top-Thema
Lindau
Sie alle sind zum Pressegespräch an den Berliner Platz gekommen (von links): Annika Höntsch (Stadtplanung), Jaime Valdés Valverde (Städtischer Mobilitätsmanager), Kay Koschka (Stadtbaumeister), Norman Dietrich (Garten- und Tiefbaubetriebe Lindau), Oberbürgermeisterin Claudia Alfons, Daniel Obermayr (Bunte Liste) und Ulrich Schöffel (Bürger Union). In ihrer Mitte ist der neue „Mecker-Briefkasten“.
Foto: Stadt Lindau

Aus dem Berliner Platz soll das neue Zentrum des Festlands werden – mit „Mobilitätsdrehscheibe“ und viel Aufenthaltsqualität. Bis alles fertig ist, wird es allerdings noch eine Weile dauern.

Es ist regnerisch an diesem Dienstagvormittag. Fast so, als wollte das Wetter die Tristesse des Orts unterstreichen. Die Stadt hat zum Pressegespräch an den Berliner Platz eingeladen.

Bauamtsleiter Kay Koschka lässt sich seine Laune durch das Wetter nicht trüben. Dass es mit den Planungen für den Berliner Platz jetzt endlich losgehe, sei „ein freudiges und befreiendes Gefühl“, sagt er. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung beschäftigen sich schon seit vielen Jahren mit dem Gebiet rund um den großen Kreisverkehr, in dessen Mitte ein kleiner Berliner Bär steht.

„Wir sind jetzt an einen Punkt gekommen, dass wir dort einiges ordnen müssen“, sagt Oberbürgermeisterin Claudia Alfons. Die Stadt wolle den Platz „einfach besser“ machen. „Schlimmer als jetzt geht es kaum.“

Die Anforderungen an den neuen Berliner Platz sind hoch. „Er muss ganz viel können“, sagt Alfons. Er soll das neue Eingangstor der Stadt werden und damit ein Ort, an dem sich Einheimische und Besucherinnen gern aufhalten.

Außerdem soll dort eine „Mobilitätsdrehscheibe“ mit Busbahnhof, übersichtlichem Leitsystem, einem Parkhaus für Park&Ride, einer überdachten Fahrradgarage, Taxistellplätzen und Mietfahrrädern entstehen. Die nötigen Grundstücke rund um den Bahnhof Reutin hat die Stadt zum großen Teil bereits gekauft.  

Luftbild von einem Kreisverkehr, Bahngleisen und einem großen See.
Der Berliner Platz soll umgestaltet werden.
Foto: Archiv von Christian Flemming

In die Planungen einbezogen werden nicht nur der Kreisverkehr und das Areal um den Bahnhof, sondern auch der Lindaupark und die Rickenbacher Straße. Angedacht ist zum Beispiel eine Art Steg, der vom Lindaupark bis an den Bodensee führen soll.

Konkret ist noch nichts. „Wir haben keine konkreten Pläne, aber eine Vision“, sagt Koschka. Es sei wichtig, dass die Lindauerinnen und Lindauer ihre Alltagserfahrung einbrächten, sagt Alfons, die aber auch betont: „Der Beteiligungsprozess ist natürlich kein Wunschkonzert.“ Vielmehr gehe es um ein ehrliches Feedback der Bürgerinnen und Bürger.

Am Bahnhof Reutin gibt es jetzt einen Mecker-Briefkasten

Dafür haben sie ab sofort verschiedene Möglichkeiten. Sie können ihre Anregungen online einbringen, zudem wird es verschiedene Pop-Up-Stände, Quartiersspaziergänge und eine Veranstaltung auf dem Marktplatz geben (siehe Kasten).

Neu ist auch der „Mecker-Briefkasten“, der jetzt am Bahnhof Reutin steht. Mit Sprüchen wie „Lindau, bitte ärgere dich“, „Was dich nervt, macht unsere Planung besser“ oder „In Lindau große Klappen gesucht“ wähle die Stadt bewusst eine neue, freche Art der Kommunikation. „Das ist eine Kampagne, über die man stolpern soll“, sagt Alfons. „Wir wollen die negativen Aspekte aufgreifen und daraus ableiten, was sich ändern muss.“

So sieht der Mecker-Briefkasten aus, der jetzt am Bahnhof Reutin steht.
Foto: Julia Baumann-Scheyer

Für den Beteiligungsprozess hat die Stadtverwaltung gleich zwei Agenturen engagiert. Die Vergangenheit habe gezeigt, wie viel Arbeit Bürgerbeteiligungen machen, so Alfons. „Und wie viel Know-how nötig ist.“ Die Stadt arbeitet nun mit dem Kommunikationsbüro Clavis zusammen, das sich auch um den Prozess beim Zechwald-Areal gekümmert hat.

Die Augsburger Marketingagentur M&M soll zusätzlich helfen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Jahrhundertprojekt zu lenken. Für die Kosten Bürgerbeteiligung habe die Stadt bereits eine Förderzusage: „Die Regierung von Schwaben hat direkt anerkannt, dass auch die Projektkommunikation gefördert wird“, sagt Alfons. 80 Prozent der Ausgaben würden übernommen.

Wie bei anderen Bürgerbeteiligungen auch, wird es eine Steuerungsgruppe aus Stadträtinnen und Stadträten geben, die den Prozess koordiniert. Die wird es dieses Mal verhältnismäßig einfach haben, glaubt Ulrich Schöffel, Mobilitätsbeauftragter des Stadtrats. „Das ist ein riesengroßes Projekt, das aber wenig politischen Zündstoff beinhaltet“, sagt er.  Der Stadtrat hat in einer Sondersitzung vergangenes Jahr im Oktober bereits grünes Licht gegeben.

Die Geschichte des Berliner Platzes

Es hat einige Jahrzehnte gedauert, bis sich der Berliner Platz zu einem der am höchsten frequentierten Orte in Lindau entwickelt hat. „Vieles ist dort einfach so passiert“, sagt Koschka, der sich bei seiner Recherche auch durch Geschichtsbücher gewühlt hat. Die heutige Bregenzer-, Kemptener- und Rickenbacherstraße waren einst von viel Grün umgeben. Wo jetzt der Bahnhof Reutin ist, war zum Beispiel mal ein Ried mit Schilfgürtel.

Mit dem Wirtschaftsboom in den 1870er-Jahren wurde aus der Rickenbacher Straße eine kleine „Prachtallee“ mit inhabergeführten Geschäften, nach und nach entwickelte sich dort ein Verkehrsknoten mit Bahnhof. Der wurde 1981 stillgelegt, dafür kam im Jahr 2000 der Lindaupark, der laut Koschka viel Verkehr anzieht. Gut 20 Jahre später wurde in Reutin dann wieder ein Bahnhof eröffnet – allerdings ohne Bahnhofsgebäude. Der heruntergekommene Bau wurde erst vor gut drei Jahren abgerissen.

Im 19. Jahrhundert gab es am Berliner Platz weder einen Kreisverkehr, noch einen Bahnhof, zeigt Bauamtsleiter Kay Koschka.
Foto: Julia Baumann-Scheyer

Seit wann genau es am Berliner Platz einen Kreisverkehr gibt, konnte der Bauamtsleiter nicht herausfinden. In den 1960er-Jahren sei er jedenfalls schon da gewesen. Vor der Gartenschau baute die Stadt ihn um zu einem sogenannten Turbokreisel, bei dem der Verkehrsfluss durch die bestimmte Führung der Fahrstreifen beschleunigt werden soll.

Eine Notlösung, um die Besucherströme abzufangen, so Koschka. „Als Dauerlösung ist der Turbokreisel völlig ungeeignet“, sagt er. „Gerade für Fußgänger und Radfahrer ist die Verkehrssituation ungenügend.“

Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern will die Verwaltung nun Lösungen erarbeiten, die die Situation für alle Verkehrsteilnehmer verbessert. Ob das am Ende mit einer hoch technisierten Ampellösung gelingt (eine Vorprüfung hat bereits ergeben, dass dies die leistungsfähigste Lösung wäre) oder mit einer anderen Idee – auch das lässt die Stadt bewusst offen.

„Der Berliner Platz kann einen riesigen Beitrag dazu leisten, dass der Verkehr in der Stadt entlastet werden kann“, ist Koschka überzeugt. Das große Ziel der Stadt: Besucherinnen und Besucher sollen in Zukunft ihr Auto in Reutin abstellen und auf Zug, Bus, Fahrrad oder Elektroscooter umsteigen.

Das ist der Zeitplan

Der Bürgerbeteiligungsprozess wird bis November dauern. Dann wird sich die Verwaltung in einer „Ruhephase“ etwa ein halbes Jahr lang mit dessen Ergebnissen befassen. Im kommenden Frühjahr soll sich dann der Stadtrat das nächste Mal mit dem Thema beschäftigen und einen städtebaulichen Wettbewerb ausloben.

Auch dafür habe die Stadt bereits eine Förderzusage von 60 Prozent. Die Kosten für den Wettbewerb seien ebenso wie die für die Bürgerbeteiligung bereits in Haushalt und Finanzplan eingearbeitet, sagt Alfons. Laut Stadtverwaltung sind noch gut eine Million Euro Restmittel für Projekte der Städtebauförderung vorhanden, die abgerufen werden können.

Wie teuer die komplette Umgestaltung des Berliner Platzes wird, lasse sich jetzt noch nicht abschätzen. Fest steht aber: Die Kosten muss die Stadt mithilfe von Förderungen allein stemmen. „Die Bahn macht sich da einen schlanken Fuß“, sagt Alfons. Der Konzern beteiligt sich an dem Projekt nicht.

Um das Bahnhofsgebäude zu realisieren, will die Stadt mit einem Investor zusammenarbeiten. Den gibt es noch nicht, wie Koschka auf Nachfrage sagt. Noch ist dafür Zeit, denn bis der neue Berliner Platz fertig ist, wird es laut Alfons etwa zehn Jahre dauern. Mit dem Bahnhofsneubau will die Verwaltung sich dann auch nochmal um das Thema Barrierefreiheit kümmern.

Die Vorplanungen sind abgeschlossen, die Förderanträge bewilligt. Er freue sich darauf, jetzt endlich ins Tun zu kommen, sagt Koschka. „Und die Zukunft des Berliner Platzes gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern zu gestalten.“

Im Rahmen der „Europäischen Mobilitätswoche“ werden an Pop-up-Ständen Meinungen der Lindauer Bevölkerung, von Pendlern und Reisenden, Gästen und Einkaufskundschaft eingeholt. Diese stehen am Mittwoch, 17. September, an der Bushaltestelle vor dem Geschäft „Sport Roman“, am Samstag, 20. September, am Lindaupark und am Montag, 22. September, am Bahnhof Reutin. Zusätzlich sollen Quartiersspaziergänge sowie eine große „Marktplatz-Veranstaltung“ stattfinden. Details zu diesen Angeboten wird die Stadt Lindau noch gesondert kommunizieren.

Teile diesen Artikel mit deinen Freund*innen

Dir brennt ein Thema auf der Seele? Wir kümmern uns!

Bei Kolumna wollen wir uns um die Themen kümmern, die dir wichtig sind. Schicke uns deine Anregungen oder Recherche-Hinweise über unseren Briefkasten, den wir extra dafür eingerichtet haben.

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Werner Tillmetz
    10.09.2025 10:16

    Zunächst müsste es einen professionell ausgearbeiteten Masterplan geben, der folgende Themen detailliert bearbeitet:
    Durchgangsverkehr in Richtung Insel, Friedrichshafen, Kempten, Bregenz;
    Fernverkehr und Regionalverkehr Bahn und Bus; ÖPNV (Bus);
    eine große Zahl an Supermärkten und Geschäften im Umkreis von 500 Metern mit starkem Einkaufstourismus aus Vorarlberg und der Schweiz; Freizeit und Sportzentren im Eichwald und dann auch noch Anwohner! Das alles über den Knoten Berliner Platz zu realisieren ist eine Herkulesaufgabe und sollte zuerst sehr detailliert von Profis analysiert werden, bevor es eine Bürgerbeteiligung gibt und Stadträte diskutieren.

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.

Das könnte dich auch interessieren