Schmuck, Symptom oder Selbstfindung: Was Tattoos über uns verraten

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Lindau
Gisela Zeller-Steinbrich lebt in Basel und hat bei der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Tagung in Lindau einen Vortrag zum Thema "Hautsache Tattoo" gehalten. Fotos: Canva/Ronja Straub

Tattoos sind längst Mainstream – doch was steckt psychologisch dahinter? Eine Therapeutin erklärt, warum Tätowierungen manchmal helfen, innere Konflikte zu lösen – und weshalb sie in manchen Fällen suchtartige Züge annehmen können.

Ein Tattoo mit Familienwappen eines Patienten brachte Gisela Zeller-Steinbrich dazu, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die psychoanalytische Psychotherapeutin wollte die Hintergründe verstehen. Am Rande der Lindauer Tagung für Kinder- und Jugendpsychotherapie sprach Ronja Straub mit ihr über die Bedeutung eines Massenphänomens.

Ich überlege mir schon seit Längerem, ein Tattoo stechen zu lassen. Was sagt das über mich aus?

Wenn Sie nicht spontan handeln, heißt das, dass Sie nicht unter Druck stehen. Sie können es sich überlegen. Die Zeit, die man sich gibt, spricht eigentlich schon dafür, dass da kein großer Drang dahinter ist.

Was es sonst noch aussagt, das können Sie am besten selbst überlegen. Da sind Sie die Fachperson Ihres seelischen Erlebens und Ihrer eigenen Motivationen.

Damit will ich nicht sagen, dass man das von außen nie sagen kann. Aber ich muss die Person und die Persönlichkeit kennen.

Ein konkretes Motiv habe ich noch nicht im Kopf. Für mich wäre ein Tattoo zunächst eher eine ästhetische Entscheidung, also eine Art Verschönerung des Körpers. Ich frage mich, ob dahinter manchmal auch mehr steckt. In Ihrem Vortrag bei der Lindauer Tagung für Kinder- und Jugendpsychotherapie haben Sie erwähnt, dass Tattoos auch Ausdruck tieferliegender Konflikte oder Problematiken sein können. Was genau meinen Sie damit?

Die Gründe fürs Tätowieren reichen von der Idee „Ich möchte einfach was hübsch Dekoriertes haben“ bis zu suchtartigen Tätowierungen mancher Menschen, die damit nicht mehr aufhören können. Sie lassen sich jeden freien Zentimeter, inklusive Zungen, Genitalregionen und so weiter, tätowieren.

Aus therapeutischer Sicht steckt dann eine tiefe Not dahinter. Die Person selbst wird es wahrscheinlich nicht so erleben, weil das Handeln ja die Lösung ist. Also es könnte jedenfalls gut sein, dass sie kein Problem damit haben, weil das Tätowieren die Lösung für ihre Schwierigkeiten ist.

Fragen Sie Ihre Klienten in der Therapie, ob sie Tattoos haben? Spielt das eine Rolle bei einer therapeutischen Herangehensweise?

Als ich jetzt die ersten Kontakte auf der Tagung in Lindau hatte und die Leute wussten, worüber ich schreibe, wurde ich doch tatsächlich von einem wildfremden Menschen gefragt: „Haben Sie Tattoos?“

Auf manchen Dating-Plattformen gehören Fragen nach Tattoos mittlerweile oft zu den ersten Fragen überhaupt. Als wäre das eine wichtige Aussage über die Persönlichkeit. In der Therapie frage ich das natürlich nicht. Außer es ergibt sich im Gespräch.

Und, haben Sie selbst Tattoos?

Meine Beschäftigung mit dem Thema kommt tatsächlich aus therapeutischen Begegnungen und nicht aus einer eigenen Tätowierung. Und ich bin grundsätzlich eher zurückhaltend mit sehr privaten Auskünften.

Das hat auch mit meiner therapeutischen Methode zu tun. Ich arbeite analytisch und stelle mich als reale Person nicht in den Vordergrund. Menschen sollen im therapeutischen Raum die Möglichkeit haben, eigene Phantasien und Gefühle in Bezug auf mich zu entwickeln, ohne dass schon viel über mich bekannt ist.

Gisela Zeller-Steinbrich lebt in Basel und hat bei der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Tagung in Lindau einen Vortrag zum Thema „Hautsache Tattoo“ gehalten.

 

Das verstehe ich. Wie genau sind Sie denn zu dem Thema Tattoo gekommen?

Es war ein junger Mann, der mich dazu gebracht hat. Nach einer abgeschlossenen Kindertherapie kam er als junger Erwachsener wieder und war erneut in eine schwierige Situation gelangt, konnte aber über sich nachdenken.

Er hatte sich ein Tattoo stechen lassen und konnte recht genau sagen, warum er dieses Tattoo jetzt brauchte. Ich wollte das besser verstehen.

Was war das für ein Tattoo?

Das war einerseits ein Landeswappen, andererseits das Familienwappen seines Vaters. Der Vater hatte eine sehr wichtige, stabilisierende Funktion. Und der Betreffende sagte: „Ich möchte zeigen, wo ich zu Hause bin und wo meine Familie ist.“ Der Vater hat sehr weit entfernt gelebt und ist nicht mit ihm aufgewachsen. Das war ein Wunsch, sich nochmal zu beheimaten und sich dort zu verankern.

Er hatte von früher gelernt, zu reflektieren, und konnte genau sagen, wozu er das Tattoo wollte. Er hat das auch nicht geleugnet, sondern sofort etwas ironisch gesagt: „Wer schön sein will, muss leiden“.

Welche Rolle spielt der Schmerz beim Tätowieren?

Der Schmerz erzeugt ein intensives Körpergefühl und kann Menschen das Gefühl geben: „Hier fange ich an, hier höre ich auf.“ Außerdem erleben viele dabei, dass sie etwas aushalten können.

Für manche Menschen wirkt das psychisch stabilisierend. Der Schmerz findet an der Körperoberfläche statt und kann innere Spannungen regulieren. Das kann auch erklären, warum Tätowieren bei manchen Menschen suchtartige Züge annimmt.

Schwierig wird es dann, wenn jemand irgendwann keinen freien Zentimeter Haut mehr hat und dadurch in eine Krise gerät, weil diese Form der Bewältigung plötzlich wegfällt.

Kann man grundsätzlich aus therapeutischer oder psychologischer Sicht Rückschlüsse aus Tattoos ziehen? Verarbeitet jemand, der stark tätowiert ist, zum Beispiel viel?

Es ist nicht unbedingt so, dass die Größe des Tattoos mit der Stärke der Verarbeitungsnotwendigkeit zusammenhängt. Wenn jemand kommt und hat ein verstecktes Tattoo, dann ist das für mich der Hinweis: Das ist etwas, was diese Person verborgen halten möchte. Das ist nicht für die Öffentlichkeit. Es ist zunächst auch nicht für jemanden, der die Person kennenlernen will.

Ich würde nie sagen: Da hat jemand dies und jenes Tattoo, das heißt jetzt das und das. Wer bin ich? Das wäre ja sehr anmaßend. Aber ich sehe natürlich einen Unterschied zwischen einem Tattoo, das provozierend sein soll, und einem Tattoo, bei dem ganz offensichtlich etwas verschönert werden soll.

Ich habe meine Entscheidung nach einem eigenen Tattoo ja noch nicht getroffen – aber gibt es denn Menschen, denen sie abraten, sich zu tätowieren?

Abraten ist vielleicht nicht das richtige Wort, ich bin keine Beraterin. Aber ich würde jedem raten, sich gut zu informieren und sich wirklich Zeit zu lassen. Und sich auch zu überlegen: Ist es mir das wert, auch gesundheitliche Risiken einzugehen? Oder kann ich das, was mich innerlich bewegt, vielleicht auch anders verarbeiten?

Mittlerweile gibt es außerdem deutliche Hinweise darauf, dass sich Farbpartikel in den Lymphknoten anreichern und das Immunsystem dauerhaft beschäftigen können. Das wird medizinisch gerade intensiver erforscht.

Wir Psychotherapeuten versuchen oft, Themen vom Körperlichen weg ins Seelische zu bringen, weil man sie dort bearbeiten kann. Das soll aber nicht heißen, dass jeder, der Themen an seinem Körper abhandelt, ein großes Problem haben müsste.

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