Kita muss wegen Personalmangels Zeiten kürzen: „So etwas habe ich noch nie erlebt“

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Lindau
Julia Ehm holt ihre Tochter vom Kindergarten ab (links). Seit Februar sind die Betreuungszeiten im Kindergarten St. Maria in Zech verkürzt und die Abholzeit damit früher. Leiterin Corina Zillgith (rechts) tut das leid – sie versucht alles, um Personal zu bekommen. Foto: Ronja Straub

Immer mehr Eltern brauchen Betreuung für ihre Kinder, aber in den Kindergärten fehlt das Personal. Ein Problem, das auch in Lindau besteht. Wie eine Kita in Zech damit umgeht.

Vor dem Zecher Kindergarten St. Maria ist viel los. Kinder springen umher, sie lachen. Es ist Abholzeit. Eine Mutter geht mit mehreren Kindern noch auf den Spielplatz. Die Eltern haben sich abgesprochen.

„Mir hilft es mittlerweile sehr, dass wir das Abholen aufteilen“, sagt die Lindauerin Julia Ehm. Besonders brenzlig ist die Situation seit Februar. Seitdem sind die Betreuungszeiten in dem Zecher Kindergarten verkürzt. Für viele Eltern bedeutet das Stress.

Im Inneren des Gebäudes am Kopernikus Platz neben der Kirche muss Corina Zillgith, Leiterin des Kindergartens, einiges organisieren. Denn der Kindergarten hat ein Personalproblem. Im September kündigte eine Erzieherin, weil sie Leiterin einer anderen Einrichtung wurde. Zwei Monate später die nächste Kündigung wegen eines Umzugs.

„Wir konnten das zunächst kompensieren, wir haben einige Praktikanten und zwei Integrationskräfte“, sagt Corina Zillgith. Aber irgendwann ging es nicht mehr. Das System, in das sie die Belegschaft und Kontingente ihres Kindergartens regelmäßig eingeben und abgleichen muss, blinkte rot. Das vorhandenen Personal reichte nicht mehr für die Anzahl der gebuchten Stunden der Kinder aus. Denn ab einem bestimmten Punkt  bekommt die Kita keine Förderung mehr – und dieser war erreicht.

"Das tut mir in der Seele weh", sagt Corina Zillgith. Die Leiterin des Kindergartens in Zech musste im Januar alle Eltern ihrer Kindergarten-Kinder anrufen und mitteilen, dass sie die Kleinen nur noch vier bis fünf Stunden am Tag in den Kindergarten bringen können. Der Leiterin ist das alles andere als leicht gefallen.
"Das tut mir in der Seele weh", sagt Corina Zillgith. Die Leiterin des Kindergartens in Zech hat im Januar alle Eltern ihrer Kindergarten-Kinder angerufen und ihnen mitgeteilt, dass sie die Kleinen nur noch vier bis fünf Stunden am Tag in den Kindergarten bringen können. Der Leiterin ist das alles andere als leicht gefallen. Foto: Ronja Straub

Weil ihr der persönliche Kontakt zu den Eltern viel bedeutet, rief die Kita-Leiterin die Eltern aller 47 Kinder einzeln an und teilte ihnen mit, dass nur noch eine Betreuung von vier bis fünf Stunden möglich ist. „Das tat mir sehr leid“, sagt sie.

Für die Eltern ist das ihre Existenz.

Schließlich brauche jeder Mensch Verlässlichkeit – für die Arbeitsstelle, aber auch aus persönlichen Gründen. Die Väter und Mütter seien verständnisvoll gewesen. „Aber das hört natürlich niemand gerne“. Für Corina Zillgith war das eine Ausnahmesituation. „Ich bin seit über 35 Jahren Erzieherin“, sagt sie. „Das hab ich noch nicht erlebt.“

Kein Platz und kein Personal

Seit Jahren fehlt es auch in und um Lindau in den Kitas am Personal. Denn der Bedarf wächst, immer mehr Eltern brauchen eine Betreuung für ihre Kinder. Werden Erzieherinnen krank, gibt es oft keinen Ersatz. Betreuungszeiten werden gekürzt. In drei Einrichtungen in Lindau war beziehungsweise ist das in diesem Kindergartenjahr der Fall.

Viele Kindergärten haben auch ein Platzproblem. Das wird jetzt nach und nach mit Neubauten gelöst – wie zum Beispiel in Bodolz und Hergensweiler. In den beiden Gemeinden sind neue Kindergärten in der Planung.

Ein Blick nach Zech – diesmal aber in eine andere Kita – zeigt allerdings: Selbst dort, wo genug Platz ist, kann dieser nicht immer ausgeschöpft werden. Die Kindertagesstätte Schatzkiste hat im Januar nach zwei Jahren Bauzeit eröffnet. Zwei städtische Kindergärten gehen darin auf. Zwei zusätzliche Krippengruppen können aber gar nicht in Betrieb genommen werden. Es fehlt am Personal. „Sodass diese 28 Plätze derzeit nicht belegt werden können“, schreibt Stadt-Sprecherin Bettina Wind.

Die Kita Schatzkiste in Zech wurde im Januar eröffnet. Foto: Stadt Lindau

Hohe Anforderungen, mehr Arbeit

In manchen Kitas müssen Betreuungszeiten auch deshalb gekürzt werden, um Mitarbeitende nicht zu sehr zu belasten, schreibt Sybille Ehreiser, Sprecherin des Landratsamts. Kinder mit erhöhtem Förderbedarf binden mehr Personal.

Die Anforderungen sind hoch, der Beruf ist mit viel Verantwortung verbunden. „Die Kinder werden herausfordernder“, sagt Susanne Roshdy, Leiterin der Kindertagesstätte Sankt Verena in Reutin. Sie können gut verstehen, wenn man den Beruf heutzutage nicht mehr machen möchte.

Einige Kinder bräuchten mehr Förderung – zum Beispiel bei der Sprache. „Trotzdem ändert sich nichts am Personalschlüssel“, kritisiert sie. In Susanne Roshdys Kindergarten sind zwei Stellen unbesetzt. Das bedeutet, dass 14 Plätze nicht belegt sind. Die Warteliste ist lang.

Lindau ist in keiner guten Lage

Das Personalproblem besteht bayernweit. Lindau steht aber durch seine Lage vor einer besonderen Herausforderung. Österreich und die Schweiz auf der einen und Baden-Württemberg auf der anderen Seite machen es nicht gerade leicht, Personal zu finden. Erzieherinnen können sich längst aussuchen, wo sie hingehen.

„Wir sind der letzte Zipfel“, sagt Leiterin Corina Zillgith, deren Kindergarten St. Maria in Zech sich kurz vor der Grenze zu Österreich befindet. Es gibt freie Stellen, aber keine Bewerbungen.

Die Arbeitsbelastung in den Einrichtungen fördert außerdem Fluktuation in andere Berufe. Obwohl Lindau eine Fachakademie für Sozialpädagogik hat, reicht das Personal vorne und hinten nicht aus. Viele Absolventinnen und Absolventen bleiben nicht in Lindau.

Wie aber das Problem lösen?

Um mehr Erzieherinnen einsetzen zu können, bildet die Stadt Lindau seit einigen Jahren eigenes Personal aus. „Wobei es aus städtischer Sicht nicht hilfreich ist, dass angehende Erzieherinnen und Erzieher in der vierjährigen Ausbildung erst im letzten Ausbildungsjahr bezahlt werden“, schreibt Stadtsprecherin Bettina Wind.

Situationen wie die in Zech seien Ausnahmen und „meist nur vorübergehend“, schreibt Robert Bläß von dem Kita-Zentrum St. Simpert. Es ist Träger der Zecher Kita St. Maria und einiger anderer in Lindau. Andere Kitas könnten St. Maria teilweise mit Personal unterstützen. Ansonsten setzte man auf Menschen mit pädagogischer Vorbildung oder auf die gezielte Schulung von Hilfskräften. 

Mit einem Programm für Quereinsteiger versucht auch das Land Bayern das Problem zu lösen. Es ist bundesweit einzigartig. Menschen, die eigentlich einen anderen Beruf haben, werden weiter- und ausgebildet zur Erzieherin oder Hilfskraft.

Die Lindauerin Jana Schilling ist eine von ihnen. Eigentlich ist sie Hauswirtschaftlerin, jetzt arbeitet sie in der Kita Sankt Verena. Noch als Praktikantin. „Ich wollte schon immer mit Kindern arbeiten“, sagt sie. Dass es in der Branche gerade auch viele Probleme gibt, hat die 21-Jährige nicht abgehalten.

Jana Schilling macht bei einem Programm des Landes Bayern mit und lässt sich als Quereinsteigerin zur Erzieherin ausbilden. Foto: Ronja Straub

Können Quereinsteigerinnen das Problem lösen?

Die meisten in dem Kurs von Jana Schilling sind deutlich älter als sie, erzählt Susanne Becker, die die Kurse in Kempten leitet. Becker bildet berufsbegleitend Quereinsteigerinnen zu Hilfskräften, Ergänzungskräften oder Fachkräften aus. Das Sozialministerium habe vor einigen Jahren erkannt, dass Fachkräfte eklatant fehlen, sagt Susanne Becker. Sie sei eine der ersten „Multiplikatoren“ in Bayern gewesen, die ausgebildet wurden – um selbst auszubilden. Mittlerweile sei das Programm ein Selbstläufer, die Kurse meistens voll.

Aber reicht das, um das Problem zu lösen? „Es ist auf jeden Fall keine kurzfristige Lösung“, sagt Susanne Becker aus Kempten. Denn auch diese Ausbildung dauere bis zu vier Jahren.

Immerhin: Auch in Zech hat eine Quereinsteigerin dafür gesorgt, dass sich die Betreuungszeit der Kita St. Maria zumindest etwas ausweiten konnte.

Für viele Eltern ist das Problem damit nicht gelöst, aber immerhin hat es sich etwas verbessert.

Kita-Leiterin Corinna Zillgith versucht weiterhin alles, um Personal zu finden. Der Kindergarten hat eine neue Homepage, Flyer wurden großflächig verteilt und auch im Internet wurden Anzeigen geschaltet.

Wir versuchen alles ein wenig ‚anders‘ zu machen

sagt Zillgith, der es wichtig ist, dass jedes Kind sich wohl fühlt. In dem Kindergarten gibt es zum Beispiel jeden Morgen ein Frühstücksbüffet. „Jede Idee bringt uns weiter, macht aus unsere Kita etwas Besonderes“.

Der Kindergarten St. Maria in Zech ist besonders liebevoll eingerichtet. Es gibt zum Beispiel jeden Tag ein Frühstücksbüfett für die Kinder. Foto: Ronja Straub

Die Kita-Leiterin hat noch weitere Träume. Sie sieht viel Potenzial in dem Gebäude, das direkt an die Kirche anschließt. Einige Räume stehen dort zur Verfügung. Falls ein Ausbau klappt, sollen dort ein Personalraum, Lagerplatz, Integrationsräume und eine Mensa reinkommen. „Ich habe viele, viele Ideen.“

Vieles hänge aber von der Finanzierung und dem Denkmalschutz ab. Aktuell wird eine Machbarkeitsstudie gemacht, die Stadt und der Träger unterstütze die Kita bei den Plänen. Ob und wie sie diese umsetzen kann, stehe noch in den Sternen. Aber eines steht für sie fest: „Ich gebe nicht auf.“

Anmeldungen für das neue Betreuungsjahr, das im September startet, können noch bis zum 31. März direkt in der jeweiligen Einrichtung vorgenommen werden. Die Stadt weist in einer Pressemitteilung darauf hin, dass es keine zentrale Anmeldestelle gibt. Um aber allen Familien einen Betreuungsplatz zu ermöglichen, werden alle Anmeldungen, die bis zum 31. März in den Lindauer Kindertageseinrichtungen eingegangen sind, in eine Anmeldeliste eingetragen, die mit allen Einrichtungen abgestimmt wird. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass der Anspruch auf Kinderbetreuung gewährt wird.

Und werden Plätze reichen?

Die Stadt Lindau gehe davon aus, dass es ausreichend Plätze gibt, schreibt Pressesprecherin Bettina Wind auf Nachfrage. „Leider werden wohl aufgrund des Personalmangels nicht alle belegt werden können.“ Einen Anspruch auf eine Wunscheinrichtung bestehe nicht. Eltern müssten dann einen Platz in einer nderen Einrichtung wahrnehmen oder auf die Wunscheinrichtung zu warten.

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