Unverpacktladen, Mittagstisch, Café und Eisdiele – Silke Nickels Laden „Lecker Unverpackt“ in Reutin ist mehr als ein Geschäft. Ende des Monats schließt er. Über die Schwierigkeiten und Bereicherungen der letzten sieben Jahre.
Es ist gleich 17 Uhr, kurz vor Ladenschluss. Doch die Tür von Silke Nickels Unverpacktladen steht noch sperrangelweit offen. Lachen und angeregte Gespräche dringen heraus. Liebevoll gestaltete Dekorationen schmücken den Laden, eine große Regenbogenflagge hängt an der Wand. Silke Nickels steht hinter ihrem Verkaufstresen und füllt Eisbecher.
Seit sieben Jahren betreibt sie den Laden „Lecker Unverpackt“ mitten in Oberreutin. Ihre Partnerin Monika Plieninger unterstützt sie dabei. Inspiriert wurde sie durch einen Unverpacktladen in ihrem früheren Wohnort Tübingen. Eine Kombination aus Mittagstisch und unverpacktem Einkauf, dieses Konzept hat ihr gut gefallen. So etwas habe sie dann auch machen wollen, erzählt sie.
Doch nun steht das Ende kurz bevor. Ende April wird sie den Laden schließen müssen.
„Es ist ein Herzblutgeschäft und irgendwann reicht das eben nicht mehr“,
sagt Silke Nickels.
„Es ist immer okay gelaufen, nichts, wovon man reich wird“, erzählt Monika Plieninger.
Die letzten Jahre sei es jedoch finanziell immer schwieriger geworden. Und letztes Jahr im Dezember musste dann eine Entscheidung getroffen werden. Zusammen mit ihrem Buchhalter hätten sie alles durchgerechnet. Das Ergebnis: Energiekosten, Miete und andere laufende Kosten sind zu hoch und steigen weiter an, die Einnahmen reichen nicht aus.
Das war eine Enttäuschung für die Inhaberin, aber das Ergebnis ist eindeutig: Das Konzept wird nicht so angenommen, wie erhofft. „Wir haben die Reißleine gezogen, bevor es gefährlich wird“, sagt Silke Nickels.
Die meisten Gläser sind bereits leer, es ist Ausverkauf im Laden.
Das Konzept des unverpackten Einkaufs gibt es noch nicht sehr lang. Die Hochphase fand vor allem in den Jahren 2019 und 2020 statt, in dieser Zeit haben bundesweit die meisten Läden eröffnet. Die Idee: Kunden bringen ihre eigenen Gefäße und Behälter mit. Diese werden zunächst leer gewogen und können dann an Abfüllstationen mit Lebensmitteln, Gewürzen oder auch Non-Food Produkten wie Seife und Waschmittel befüllt werden. So wird Verpackungsmüll eingespart und die Kunden können genau so viel einkaufen, wie sie tatsächlich brauchen.
„Die Idee finden die Leute immer gut“, sagt Plieninger. Aber unverpackt einkaufen, das erfordere Planung. Die Kunden müssen vorab überlegen, was und wie viel sie brauchen und die passenden Behälter dabei haben. Außerdem ist das Sortiment bei „Lecker Unverpackt“ nicht gerade groß. Ohne den Mittagstisch hätte der Laden bereits deutlich früher schließen müssen.
In Lindau gibt es künftig keinen Unverpacktladen. Der 2021 eröffnete Laden „Inselliebe“ auf der Insel hat bereits vor Jahren geschlossen. Auch an vielen anderen Orten kämpfen Unverpacktläden seit Jahren oder sind bereits wieder verschwunden.
Ein Ort, der Begegnungen schafft
Fehlen werden ihnen vor allem die Begegnungen, erklären Nickels und Plieninger. Denn der kleine Laden ist in den letzten Jahren zu einem richtigen Treffpunkt geworden. „Wir haben Stammkunden von überall aus Lindau“, sagt Nickels und ihre Partnerin ergänzt: „Von klein bis ganz alt.“
Da sei zum Beispiel der 95-jährige Mann, der täglich zum Mittagessen kommt. „Silke hat ihn auch immer verwöhnt“, sagt Monika Plieninger und lächelt. Oder die Gruppe älterer Damen, die von Silke Nickels immer einen „Spezialcocktail“ aus alkoholfreiem Sekt bekämen. Oder die Dame aus Friedrichshafen, die sich immer dann zum Mittagstisch anmeldet, wenn es ein ganz bestimmtes Gericht gibt. Und natürlich auch die Nachbarskinder, die sie alle mit Namen kennt.
Der kleine Laden hat Menschen zusammengebracht. Dafür sind auch Silke Nickels und Monika Plieninger selbst ein Beispiel. Im Jahr 2020, ein Jahr nach der Eröffnung des Ladens lernten sich die beiden im Unverpacktladen kennen, als Monika Plieninger in ihrer Mittagspause mit ihrer Kollegin zum Kaffeetrinken kam.
Wie geht es weiter?
Silke Nickels ist traurig darüber, den Laden schließen zu müssen. Die besonderen Begegnungen und Menschen werden ihr fehlen. Aber auch um das Konzept selbst trauert sie. „Ich finde die Idee immer noch toll“, sagt sie.
Dennoch bringt der Abschied vom Laden auch Schönes mit sich. Die gelernte Köchin hat bereits eine neue Arbeitsstelle gefunden und freut sich auf die geregelten Arbeitszeiten, die ihr mehr Freizeit und auch Zeit für ihre Beziehung ermöglichen.
Was bleibt, das seien wertvolle Bekanntschaften, Dankbarkeit und Verbundenheit, sagt Silke Nickels und, an ihre Partnerin gewandt: „Wir bleiben uns auch.“
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