Weil die Gemeinde kurzfristig Einnahmen brauchte, hatte sie den Erlös aus dem Bahnhofsverkauf in den Haushalt eingerechnet. Veräußert hat sie das Gebäude bisher noch nicht. Die Entscheidung wurde jetzt erst einmal vertagt – und der Kunstverein hängt in der Luft.
Die Bilder sind alle abgehängt, Skulpturen und Installationen sind verstaut: Der Wasserburger Kunstbahnhof ist in der Winterpause. Das gibt Vera Noé und ihrem Team zwar Zeit zum Durchschnaufen, zur Ruhe kommt der Verein zurzeit aber nicht.
Die Gemeinde hat angekündigt, den Bahnhof zu verkaufen – und die 180 Vereinsmitglieder haben Sorge, dass das das Aus für die zeitgenössische Kunst in Wasserburg bedeutet. Denn eine echte Alternative zu den rund 140 Quadratmetern Ausstellungsfläche im Bahnhof gibt es bislang nicht.
„Uns wurde eine Garage angeboten und ein Container am Bauhof“, ärgert sich Noé, die Vorsitzende des Wasserburger Kunstvereins. „Da fehlt uns gegenüber einfach die Wertschätzung.“
Verein will auch ein jüngeres Publikum ansprechen
Der Verein bespielt seit zwölf Jahren das Erdgeschoss des Bahnhofs. Dort werden nicht nur die Werke von Mitgliedern ausgestellt, sondern auch nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler. 56 Anfragen hätten sie allein im vergangenen Jahr gehabt, erzählt Noé. „Die Leute wollen bei uns ausstellen.“
Mit seinen Ausstellungen will der Verein auch ein jüngeres Publikum ansprechen. „Wir haben den Raum geöffnet für Kunst und Kultur“, sagt die Vorsitzende. Da kann es schonmal passieren, dass der Boden im Kuba voller Sand ist und die Wände voller Farbe. Und wenn der ORF zur langen Nacht der Museen einlädt, dann gehört der Kunstbahnhof (Kuba) zu den wenigen Institutionen auf der deutschen Seite, die mitmachen.
Seit zwölf Jahren ist der Kunstverein im Bahnhof daheim – aktuell ist Winterpause. Foto: Julia Baumann-Scheyer
In den Ferien gibt’s im Kunstbahnhof auch ein Programm für die ganz Kleinen. Das werde angenommen, die Ausstellungen ebenso – allerdings sind es nicht die Einheimischen, die ihnen regelmäßig die Bude einrennen, erzählt Jeannette Dubielzig. Sie ist Vereinsmitglied – und stellt als Künstlerin selbst im Kuba aus.
„Unser Radius ist etwa bei 100 Kilometern“, sagt sie. Und das, glaubt sie, könnte auch der Grund sein, warum das Fortbestehen des Kubas in der Gemeinde nicht die höchste Priorität habe.
„Dabei bringt der Kuba dem Ort viel, nur wird das überhaupt nicht wahrgenommen“, sagt Dubielzig. Nicht nur, dass der Bahnhof das erste sei, was Besucherinnen und Besucher sehen, wenn sie mit dem Zug in Wasserburg ankommen. Manche Touristen legten ihre Urlaubszeiten sogar nach dem Ausstellungskalender, andere ließen sich Kunst nach Hause schicken.
Gerüchte gibt es schon länger, jetzt macht die Gemeinde ernst – oder doch nicht?
Mit der Frage, ob der Kuba in seiner jetzigen Form bestehen bleiben kann, setzt sich Vera Noé schon eine ganze Weile auseinander. Zuerst habe die Gemeinde das Gebäude sanieren wollen, vor etwa zwei Jahren sei dann zum ersten Mal das Gerücht aufgekommen, dass die Verwaltung es verkaufen könnte. „Wir haben nachgefragt – doch es hieß immer nur, wir sollen uns keine Sorgen machen.“
Im Sommer machte die Verwaltung dann ernst: Weil Geld fehlte, plante sie kurzerhand 1,2 Millionen Euro Einnahmen aus dem Verkauf von Grundstücken und Immobilien in den Haushalt ein. Dass unter diesen Immobilien der Bahnhof ist, hat den Verantwortlichen im Kunstverein zunächst keiner gesagt, öffentlich wurde es durch unsere Recherche.
Tatsächlich hatte es zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal einen Beschluss zum Verkauf des Bahnhofs gegeben, weswegen sich die Gemeinde nicht nur vor dem Kunstverein, sondern auch vor dem Landratsamt rechtfertigen musste.
Bürgermeister Harald Voigt hatte damals versichert, dass die Gemeinde vor einem Beschluss erst eine Lösung mit dem Kunstverein erarbeiten wolle. Den Beschluss zog der Gemeinderat im September nach, die Lösung für den Kunstverein nicht.
„Mir persönlich wäre es recht, wir hätten eine“, sagt Voigt. Ihm sei es nach wie vor wichtig, dass der Kuba eine Zukunft habe. Als alternative Ausstellungsfläche bringt er einen Schuppen neben den Fahrradständern am Bahnhof ins Spiel.
Entscheidung zum Bahnhofsverkauf nochmal vertagt
Vorerst könne der Verein allerdings im Bahnhof bleiben. Die Kündigungsfrist für den Mietvertrag beträgt ein Jahr, gekündigt werden kann immer zum Jahresende – und er werde in diesem Jahr nicht mehr kündigen, so Voigt. Dann könnte der Verein bis Ende 2027 im Bahnhof bleiben. „Und wenn ein Verkauf stattfindet, muss man mit dem neuen Vermieter sprechen.“
Jedes Jahr findet im Kuba eine Mitgliederausstellung statt. Foto: Christian Flemming
Auf unsere Nachfrage räumt Voigt allerdings auch ein, dass im Gemeinderat ganz aktuell wieder diskutiert werde, ob das denkmalgeschützte Gebäude doch in Gemeindehand bleiben könnte. Zwar gebe es einen konkreten Kaufinteressenten, „aber in der Diskussion war dann die Tendenz, die Entscheidung nochmal zu vertagen“, so Voigt. Seiner Ansicht nach solle der Verkauf aber stattfinden. „Wir haben einen Grundsatzbeschluss und das Geld in den Haushalt eingeplant.“
Verein wünscht sich Planungssicherheit
Der Frust bei den Mitgliedern des Kunstvereins ist groß. „Diese Intransparenz ist uns gegenüber unfair“, findet Vera Noé. Dass die Gemeinde dem Verein noch kein ernstzunehmendes Angebot gemacht hat, ärgert sie. Schließlich plane der Verein seine Ausstellungen immer mindestens zwei Jahre im Voraus und brauche Sicherheit.
Die Miete, die der Verein bezahlt, ist gering: 600 Euro plus Nebenkosten pro Jahr. „Trotzdem sind wir Mieter“, sagt Vera Noé, „nur werden wir als solche überhaupt nicht wahrgenommen.“
Dabei seien Kunst und Kultur „so viel mehr als nur Schmückendes“, sagt Jeannette Dubielzig – und in Wasserburg wäre noch so viel mehr möglich. Ideen hätten die Verantwortlichen im Kunstverein genügend. „Wir könnten uns in Zusammenarbeit mit dem Museum im Mahlhaus eine Martin-Walser-Lesestube vorstellen, aber auch noch mehr Workshops mit Kindern oder dem Seniorenheim Hege.“
Verlässt der Kunstverein Wasserburg?
Doch das ist Zukunftsmusik. Zuerst wünscht sich der Verein Informationen – und gegebenenfalls eine ernstzunehmende Alternative. „Aktuell werden wir einfach gar nicht mehr informiert“, sagt Vera Noé. Im Januar habe der Verein noch einen Termin mit dem Bürgermeisterkandidaten Pius Hummler. „Davon machen wir unser Fortbestehen in Wasserburg abhängig.“
Zum Selbstverständnis des Kunstvereins gehöre es, über den Tellerrand hinauszuschauen, sagen die beiden Frauen. Nicht nur, was die Kunst anbelangt. Der Verein könne sich auch vorstellen, die Suche nach Ausstellungsräumen auch auf andere Gemeinden auszuweiten.
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