Von körperlichen Angriffen bis zu verbalen Übergriffen: Die Gewalt nimmt zu. Aber die Branche steht auch vor anderen Herausforderungen wie den hohen Spritpreisen. All das war Thema bei der Verkehrsministerkonferenz diese Woche in Lindau.
Vorfälle wie Anfang dieser Woche im Lindauer Stadtbus lassen aufhorchen: Weil der Busfahrer ihn aufgrund eines Hausverbots nicht in den Stadtbus lässt, reißt ein 27-Jähriger einen Pfosten aus der Verankerung, schlägt damit mehrfach auf den Boden und bedroht den Fahrer.
Es ist ein Extremfall, der sich am Zentralen Umsteigeplatz (ZUP) in Lindau abgespielt hat. Aber Aggression und Gewalt im Stadtbus sind für Busfahrer Michael nichts Neues. „Wir sind deren Blitzableiter, wenn sie schlecht gelaunt einsteigen“, sagt er. Da reiche es auch schon, dass der Stadtbus mal zu spät kommt.
Dann wird es schnell unangenehm.
Nicht selten komme es vor, dass Busfahrer beleidigt, bedroht werden – teilweise wird es körperlich, sagt auch sein Chef René Pietsch, Betriebsleiter des Stadtbusses. Er spricht von einem „allgemeinen Frust“, den Leute am Busfahrer oder der Busfahrerin auslassen. Viele Situationen seien bewältigbar. „Da bereite ich meine Mitarbeiter darauf vor.“
Der Mann von dem Vorfall diese Woche tauche immer wieder auf. Er ist auch der Polizei bekannt und war schon mehrmals vor Gericht gestanden. „Trotzdem taucht er immer wieder auf“, sagt Pietsch.
Für eine Branche, die ohnehin unter Personalmangel leidet, wiegen solche Vorfälle besonders schwer. Die Fluktuation sei vor allem bei Busfahrerinnen hoch, so der Stadtbus-Chef. „Wir bemühen uns seit Jahren, Frauen einzustellen.“
Beleidigungen und Aggression gehören zum Berufsalltag
Der Lindauer Polizeichef Michael Jeschke spricht ebenfalls von einer Zunahme von Beleidigungen und Bedrohungen im öffentlichen Raum – und im ÖPNV. Vorfälle im Lindauer Stadtbus, die die Polizei in den vergangenen Jahren erfasst hat, haben in den letzten Jahren zugenommen.
Auch im Berufsalltag von Zugbegleitern ist Bedrohung und Beschimpfung längst angekommen. Um darauf aufmerksam zu machen, hat die Gewerkschaft der Eisenbahner (EVG) diese Woche vor der Lindauer Inselhalle demonstriert. Drinnen tagten die Verkehrsminister der Länder zu dem Thema Sicherheit in Zügen und an Bahnhöfen. Mehr als drei Viertel der 5000 von der Gewerkschaft befragten Bahnmitarbeiter haben bereits Vorfälle erlebt.
Anlass der Gewerkschaft für ihre Forderungen nach mehr Sicherheitsmaßnahmen war ein aktueller Vorfall in Rheinland-Pfalz. Ein Zugbegleiter soll dort bei einer Fahrscheinkontrolle so schwer gegen den Kopf geschlagen worden sein, dass er später starb.
Ganz so negativ wie die Gewerkschaft klingt man bei dem Bahnunternehmen Arverio nicht. Einen gesellschaftlichen Wandel dahingehend, dass Menschen in Uniformen im Allgemeinen und speziell auch Zugbegleiter häufiger angegangen werden, bestätigt zwar auch Pressesprecher Winfried Karg. Grundsätzlich gebe es aber ein „gutes Sicherheitsempfinden“ bei Fahrgästen. Zugbegleiter belegten Deeskalationstrainings, Bodycams seien in der Planung.
Trainings zu Deeskalation und Selbstverteidigungskurse machen auch Fahrerinnen und Fahrer des Lindauer Stadtbusses. In den Beförderungsrichtlinien ist beispielsweise festgelegt, dass Betrunkene nicht einsteigen dürfen. Die Stadtbusse seien mit Videokameras ausgestattet und sporadisch wird Sicherheitspersonal eingesetzt, erzählt Betriebsleiter René Pietsch. Das alles helfe aber nicht, wenn jemand wirklich ausrastet, sagt er. Dann brauche es mehr Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden.
Was kann die Politik tun?
Auch die Verkehrsminister der Länder sprechen sich für einen besseren strafrechtlichen Schutz von Beschäftigten im öffentlichen Personenverkehr aus, sagt Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter auf unsere Nachfrage nach der Konferenz diese Woche. Konkreter wird er in diesem Punkt aber nicht.
In Risikosituationen solle es mehr Personal geben. Außerdem solle Zug- und Servicepersonal eng zusammenarbeiten und man brauche die Polizei für schnelle Interventionen.
Eine zentrale Forderung der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft schlägt Bernreiter aus. Die Gewerkschaft pocht darauf, dass Zugbegleiter zur eigenen Sicherheit künftig überall in doppelter Besetzung unterwegs sein sollen. Darüber solle regional und bedarfsorientiert entschieden werden, findet der Minister.
Hohe Spritpreise werden zum Problem
Die Verkehrsbetriebe belastet noch ein weiteres Thema: die hohen Spritpreise. „Wenn die Politik nichts unternimmt, trägt der ÖPNV davon einen eklatanten Schaden“, sagt René Pietsch. Noch gebe es im Tanklager Diesel auf Vorrat. „Damit kommen wir noch ein paar Wochen über die Runden.“ Aber die nächste Lieferung werde sicher teuer.
Lindau steckt viel Geld in neue Elektrobusse. Wenn die Stadt, über deren Haushalt der Stadtbus finanziert wird, auch noch solch hohe Dieselkosten begleichen muss, könne sie sich das irgendwann nicht mehr leisten, befürchtet Pietsch. Die Finanzierung des Stadtbusses ist ein Problem für die Stadt Lindau und den knappen Haushalt.
Dieses Problem wollen die Länder-Verkehrsminister über eine „Übergewinnsteuer“ lösen. Fordern soll die der Bund. Dabei geht es um eine Art Extra-Steuer auf kriegsbedingte Profite, die dann die Gaskonzerne abgeben müssen.
Ob es tatsächlich zu einer solchen Steuer kommt, ist unklar. Erste Maßnahmen hat der Bundestag diese Woche beschlossen. So dürfen Tankstellen künftig nur noch einmal am Tag die Preise erhöhen. Das Problem der Busse wird das aber sicher nicht lösen.
Betriebsleiter René Pietsch hofft, dass sich in Zukunft etwas ändert. Schließlich sei der Stadtbus für die Stadt Lindau und die Menschen wichtig. Seinem Mitarbeiter Michael ist es wichtig, auch die dankbaren Fahrgäste nicht zu vergessen. „Viele sind einfach froh, dass es uns gibt.“