Seit 75 Jahre kommen die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten für zwei Wochen nach Lindau. Anlässlich dieses Geburtstages schauen wir ins Fotoalbum der Tagung – und picken einige Besonderheiten heraus.
1950 ging es los
Es war die zweite Maiwoche 1950, als die Lindauer Tagung zum ersten Mal stattfand. Ins Leben gerufen hatte sie der Psychiater Ernst Speer aus München. Er war mit Clara Stolze von der Betreiberfamilie des Bayerischen Hofs verheiratet. So hatte es ihn nach Lindau verschlagen.
Speer hielt auch den allerersten Vortrag bei der Tagung. Es ging um „Die schizophrene Reaktion“, wie der Programmplan von damals zeigt (siehe Foto). Auch autogenes Training oder Hypnose stand auf dem Programm. Die Tagung dauert in den Anfängen nur eine Woche.
Anlässlich des 60. Geburtstags der Tagung wurde in der Publikation „Vergessen und Erinnern“ die Historie aufgearbeitet. Darin geht es auch um die Nazi-Vergangenheit von Ernst Speer, der während der NS-Zeit Mitglied der NSDAP war. Mehr zu den Hintergründen könnt ihr in der Publikation nachlesen.
Schon bald, nämlich neun Jahre später, übernahm Speers Neffe, Helmut Stolze (vorne links), die Leitung der Tagung. Auf dem Bild spricht er bei einem Empfang im Foyer des Hotels Reutemann.
Mit Stolze wurde eine zweite Woche mit Übungen und Seminaren eingeführt.
1967 wurde die „Vereinigung für psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung e. V.“ unter dem Vorsitz von Paul Kluge gegründet, die als juristischer Träger der Lindauer Psychotherapiewochen fungiert.
Stolze war 20 Jahre im Amt. 1978 zog er sich aus der aktiven Verantwortung zurück. Der Vorstand der Trägervereinigung übertrug die wissenschaftliche Leitung der Lindauer Psychotherapiewochen an Peter Buchheim, Helmuth Remmler und Theodor Seifert.
Schon ab 1951 fanden auch immer wieder Veranstaltungen im Lindauer Stadttheater statt – bis heute. Das Foto zeigt eine der Veranstaltungen in den Siebziger Jahren, bei denen immer viel los war.
Außergewöhnlich waren in den 1980er-Jahren die Märchen-Lesungen von Verena Kast. „Da war es brechend voll“, erinnert sie sich bei einer Podiumsdiskussion während der diesjährigen Tagung anlässlich des 75. Geburtstags. Viele Teilnehmende seien auf dem Boden gesessen. „Das war ein tolles Zeichen, dass so viele gekommen sind.“
Wie war es dazu gekommen? Helmut Remmler, der damalige Leiter, habe gesagt, „man brauche ein Schmankerl“, erinnert sich Verena Kast.
Die 80er-Jahre waren aufregend, weil man hier bei den Psychotherapiewochen alles gemacht hat, was man woanders nicht gemacht hat
, sagt Verena Kast. Sie hat die Lindauer Psychotherapiewochen viele Jahre lang geprägt. 1980 war sie zum ersten Mal dabei, ab 2000 bis 2020 Teil der wissenschaftlichen Leitung.
Für ihr Engagement um den Verbleib der Lindauer Psychotherapiewochen in Lindau wurde der Professorin der goldenen Bürgerring der Stadt Lindau verliehen.
Bis Verena Kast dazu kam, hatten ab 1998 Peter Buchheim und Manfred Cierpka die Tagung zu zweit geleitet.
Nicht nur Vorträge – auch Sportkurse und mehr sind bei den Psychos geboten. Schon ab den 1970er-Jahren entwickelten sich die Wochen von einer reinen Vortragsveranstaltung zu einer Tagung, bei der in immer größerem Umfang Kurse, Seminare und Übungen stattfinden.
Das Programm wurde so gegliedert, dass jede der beiden Wochen unabhängig von der anderen besucht werden kann.
Mit der Zeit wurde die Tagung immer größer und wuchs heran zu einer Veranstaltung mit mehreren tausend Teilnehmenden und einem großen organisatorischen Aufwand.
Auch Feiern und Partys kommen bei den Psychos nicht zu kurz – wie hier 2009 bei der „Psychofete“ mit den Air Bubbles in der alten Inselhalle.
Traditionell finden die Psychotherapiewochen in der Inselhalle statt. Für den Umbau der Halle entschied man sich auch deswegen, um den Anforderungen der großen Tagungen wie den Psychotherepiewochen und der Nobelpreisträgertagung, gerecht zu werden.
Während der Umbauphase tagten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Lindauer Psychotherapiewochen zwei Jahre lang in einem Zelt auf der Hinteren Insel.
In der Lindauer Zeitung wurde das Thema damals in Form einer Karikatur aufgegriffen.
Wegen der Coronapandemie fand die Tagung 2021 nur online statt. Auch das verlangte den Veranstaltern viel Organisation ab.
Seitdem wird die Tagung zwar wieder wie immer in der Inselhalle abgehalten – allerdings bleibt die Möglichkeit bestehen, dass Therapeutinnen und Therapeuten sich auch digital zuschalten können.
Bis heute finden die Psychotherapiewochen in Lindau statt. Was ist das Besondere für Teilnehmende und Veranstalter? „Die Möglichkeit der Begegnung und die vielen kleine Gespräche zwischendurch“, sagt Barbara Wild, Mitglied des Vorstands, bei der Jubiläums-Veranstaltung. Und das funktioniere auf der Insel ganz besonders gut.
Heute sind Peter Henningsen (seit 2011), Dorothea Huber (seit 2017) und Cord Benecke (seit 2020) in der wissenschaftlichen Leitung.