„Wir sehen uns als Familie“ – wie diese Schule seit 20 Jahren die Mittagsbetreuung wuppt

Eine Collage
Vida, Milan, Diego, Nils und Konstantin gehen gerne in die Mittagsbetreuung ihrer Grundschule.
Foto: Ronja Straub

Ab nächstem Jahr haben Eltern in Bayern einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz. In vielen Gemeinden gibt es bereits eine Mittagsbetreuung – aber der Platz wird knapp. Weißensberg hat eine Lösung. Ein Überblick über alle Gemeinden von Ronja Straub und Isabel de Placido.

Am frühen Nachmittag herrscht in der Weißensberger Grundschule Hochbetrieb. Gleich gibt’s Mittagessen. Die Schülerinnen und Schüler haben sich in einer Reihe aufgestellt und warten geduldig. Niemand drängelt, alle sind gut gelaunt. „Uns ist eine gute Stimmung wichtig“, sagt Rosi Wetzel. „Wenn die Tür zur Mittagsbetreuung zugeht, ist Schluss mit Schule.“

Rosi Wetzel leitet die Mittagsbetreuung der Weißensberger Grundschule seit 19 Jahren. Angefangen hat die Erzieherin mit 28 Schülerinnen, mittlerweile sind es 100. Über die Jahre haben sie und ihr Team vieles ausprobiert, Konzepte entworfen und wieder verworfen. Mittlerweile ist sie bei einem Schema angekommen, das sich bewährt.

In zwei Gruppen essen die Kinder in der eigenen Mensa, dann ist Hausaufgabenzeit. „Wir legen Wert darauf, dass alles Schriftliche erledigt ist, wenn die Kinder heimgehen“, sagt Rosi Wetzel. Für die restliche Zeit ist Freizeit angesagt. Dann wird gebastelt, gespielt, Sport gemacht. Jeden Donnerstag kochen Kinder und Erzieherinnen gemeinsam etwas Kleines, am „blauen Montag“ dürfen die Kinder entscheiden, was gemacht wird.

Eine Person
Rosi Wetzel leitet seit 19 Jahren und damit fast von Anfang an die Mittagsbetreuung der Weißensberger Grundschule.
Foto: Ronja Straub
Fünf Kinder.
Vida, Milan, Diego, Nils und Konstantin gehen gerne in die Mittagsbetreuung ihrer Grundschule.
Foto: Ronja Straub
Mittagsbetreuung heißt auch Freizeit: auf dem Pausenhof wird getobt und gespielt.
Foto: Ronja Straub

„Wir sehen uns als Familie“, sagt Rosi Wetzel. Wenn es einen Engpass bei den Eltern gebe, springe sie gerne ein. „Weil es den Stress aus den Familien herausnimmt, und das ist uns unheimlich wichtig.“

Immer mehr Familien sind auf eine Ganztagsbetreuung angewiesen. „Wir nehmen einen steigenden Bedarf wahr“, sagt die Weißensberger Rektorin Sonja Albersmann-Neher, auf deren Schule auch die Sigmarszeller Kinder gehen. Der Grund dafür sei meistens, dass beide Elternteile arbeiten möchten – oder das aus finanziellen Gründen müssen.

Bedarf steigt auf 70 bis 80 Prozent

Was an der Weißensberger Grundschule seit vielen Jahren Alltag ist, wird bald Normalität. Ab dem kommenden Jahr haben Eltern einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder. Dieser wird stufenweise eingeführt. Ab August 2026 startet er für die Erstklässler und wird Jahr für Jahr erweitert, sodass er ab dem Schuljahr 2029/30 für Kinder der Klassen 1 bis 4 gilt. Das Land Bayern rechne damit, dass der Bedarf auf 70 bis 80 Prozent steigen werde, sagt Sonja Albersmann-Neher.

Eine Frau
Sonja Albersmann-Neher ist Rektorin an der Grundschule in Weißensberg.
Foto: Ronja Straub

Viele Kommunen und Schulen stellt das vor Herausforderungen – denn Platz und Personal sind rar. Auch die Räume der Weißensberger Mittagsbetreuung sind klein und werden spätestens mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung zu eng. Aber dort ist man vorbereitet. Die Schule bekommt einen Anbau.

Der Bauantrag sei laut Bürgermeister Hans Kern beim Landratsamt eingereicht worden. Im März 2026 soll es mit den Bauarbeiten losgehen.

Holzbau über drei Stockwerke wird an die Schule angebaut

Platz ist dort dann für die Mittagsbetreuung, ein Klassenzimmer sowie die sogenannte Flex-Klasse, ein Projekt des Landkreises, bei dem Kinder, die nicht so leistungsstark sind wie andere, gefördert werden.

Die Mensa bleibt im Erdgeschoss des alten Gebäudes und wird um ein Klassenzimmer erweitert.

Eine Schule
Grundschule Weißensberg
Foto: Ronja Straub

„In einem Stock soll gearbeitet und im anderen entspannt werden“, sagt Rektorin Albersmann-Neher, die den Anbau auch deshalb wichtig findet, weil Mittagsbetreuung mittlerweile einen anderen Stellenwert habe als früher noch.

Wir sind in einer ganz anderen Erziehungsverantwortung als zu Zeiten, in denen die Kinder um halb 12 heimgegangen sind.

Der Anbau kostet etwa 3,7 Millionen Euro. Außerdem müssen in der Schule Rohre, Elektro- und Brandmeldeanlagen sowie Jalousien erneuert werden. Alles zusammen liegt das Projekt bei etwa 4,2 Millionen Euro und wird zu einem recht großen Teil bezuschusst.

Dass Weißensberg sich ein solches Projekt leisten kann, ist nicht selbstverständlich. In vielen Gemeinden fehlt aktuell an allen Ecken und Enden das Geld. Das weiß auch die Rektorin. „Wir können uns sehr glücklich schätzen, dass das alles so gut abgelaufen ist.“ Im Oktober 2027 soll der Anbau fertig sein.

Es sei nicht ganz vorherzusehen, wie viele Kinder die Ganztagsbetreuung in Anspruch nehmen werden. Kalkuliert mit einer künftigen Betreuungsquote von 80 Prozent, wären bei 200 Kindern in der Grundschule Weißensberg dann etwa 168 Kinder in der Ganztagsbetreuung.

In Nonnenhorn wird sich nicht viel ändern

Mit einem solchen Anstieg rechnet der Nonnenhorner Bürgermeister Rainer Krauß offenbar nicht. Die Gemeinde will erst einmal nichts ändern und abwarten, wie der Bedarf der Eltern tatsächlich ist. Zu bedenken sei, dass Nonnenhorn ein Dorf mit nur 60 Schulkindern sei. „Die einen brauchen eine Mittagsbetreuung, die anderen nur manchmal und wieder andere gar nicht.“ Bis sich daran etwas ändere, werde Nonnenhorn sein System weiterführen.

Portrait von einem Mann.
Rainer Krauß, Bürgermeister von Nonnenhorn.
Foto: Christian Flemming

In Nonnenhorn könne die Mittagsbetreuung grundsätzlich ab Schulschluss bis 16 Uhr stattfinden, in der Grundschule stehen zwei Räume dafür zur Verfügung. Betreut werden die Kinder von einer pädagogischen Fachkraft und zwei Helferinnen.

Wasserburg kann den Anbau an die Grundschule nicht finanzieren

Wasserburg hatte eigentlich geplant, das Grundschulgebäude für eine Mittagsbetreuung zu erweitern. Wegen der prekären Haushaltslage sind diese Pläne vorerst auf Eis gelegt. Aber, so versicherte Bürgermeister Harald Voigt, „wir bekommen alle Kinder, die ab nächsten Jahr einen Rechtsanspruch haben, unter“. Sprich: Erstklässler haben Priorität.

In Wasserburg können die Eltern zwischen der normalen Mittagsbetreuung von elf bis 14 Uhr und der verlängerten Mittagsbetreuung von elf bis 16 Uhr wählen. Die Betreuung findet im Bürgerbegegnungshaus statt. Die derzeit 82 Kinder werden von einer pädagogischen Fachkraft und ihrem Team betreut.

Bodolz kommt schon jetzt an seine Grenzen

Auch in Bodolz kommt die Mittagsbetreuung bereits an ihre Grenzen. Aber es gibt einen Plan. Sobald die neue Kita 2027 fertig ist, können die Schulkinder in den alten Kindergarten einziehen und hier betreut werden. „Der Schulstandort Bodolz gewinnt dann an Qualität“, ist sich Bürgermeister Felix Eisenbach sicher. Denn dann stünden mehr Räume zur Verfügung und auch der Pausenhof sei schöner und grüner.  

Aktuell sind etwa 60 Kinder in der Mittagsbetreuung. In einem Raum mit Küche wird zu Mittag gegessen, die Hausaufgabenbetreuung samt Förderungen findet in den Klassenzimmern statt.

Bei der Ferienbetreuung wollen die Seegemeinden sich zusammentun

Ab 2026 haben Eltern auch Anspruch auf Ferienbetreuung. Schulen dürfen dann nur noch drei Wochen im Jahr schließen. Das macht den drei Gemeinden am See noch zu schaffen. Deshalb wollen sich Nonnenhorn, Wasserburg und Bodolz zusammentun. Sie seien erst ganz am Anfang der Planung, sagt Nonnenhorns Bürgermeister Rainer Krauß. “Was es nicht gehen wird ist, dass die Kommunen auf den Kosten für die Ferienbetreuung sitzen bleiben. Die muss nahezu kostendeckend sein“, sagt Rainer Krauß.

Das Thema der Ferienbetreuung sei im gesamten Landkreis, besonders bei den ländlicheren Gemeinden, eine große Herausforderung, schreibt Sibylle Ehreiser, Sprecherin des Landratsamts, auf Nachfrage. Man wolle dem auch mit Angeboten des Kreisjugendrings begegnen. Der Gesetzgeber sei dabei, Vorgaben nachzujustieren, sodass auch Angebote der Jugendarbeit den Rechtsanspruch erfüllen.  

Ein Punkt, der in allen Gemeinden nicht endgültig geklärt ist, ist die Finanzierung. Laut Ehreiser sollten die Betreuungszeiten für die Familien finanzierbar sein, andererseits stünden die Gemeinden insgesamt „unter erheblichem finanziellem Druck in einem Kostensegment, das nur schwer zu kalkulieren ist“. 

Die Grundschule in Hergensweiler. Foto: Thomas Bergert

Grundsätzlich stellt sich in vielen Gemeinden auch die Personalfrage. Wegen der Ferienbetreuung braucht Hergensweiler mehr Personal. Dort gibt es bereits eine Mittagsbetreuung, die 65 von 90 Kindern besuchen. Weil es langsam eng wird, plant die Gemeinde, Räume in der Umgebung anzumieten, wie die zweite Bürgermeisterin, Sibylle Engelmann, sagt. Welche das genau sind, werde noch besprochen. Sie geht davon aus, dass der Bedarf steigt.

Rosi Wetzel in Weißensberg ist optimistisch, was das Personal angeht. Erst kürzlich stellte sich heraus, dass eine Praktikantin, die während ihrer Ausbildung in der Mittagsbetreuung war, übernommen werden kann. Und das Allerbeste: Auch eine Initiativbewerbung ist ins Haus geflattert – das ist in dieser Branche durchaus etwas Besonderes.

Wie die Situation in Lindau ist, lest ihr hier.

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