„Wir sind es wert, für uns einzustehen“ – Dieses Stück berührt Herzen

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Lindau
„Fliegen lernen“ kann man auf unterschiedliche Weise. Das zeigt das Stück eindrücklich. Alle Fotos: Ernesto Marino

Die beiden Aufführungen des inklusiven Theaterstücks „Fliegen lernen“ waren ein großer Erfolg. Am Freitag und Samstagabend hatten die Zuschauer Gelegenheit, Hauptfigur Ronnies Geschichte zu verfolgen. Dabei wurde viel gelacht, gejubelt und gefeiert, aber auch die eine oder andere Träne vergossen.

Tosender Applaus und minutenlange Standing Ovations – so endet die letzte der beiden Aufführungen des Stücks „Fliegen lernen“ im Theater Lindau.

Mit strahlenden Gesichtern verbeugen sich Darsteller und Darstellerinnen des Kannwas-Kollektivs, Tänzerinnen vom Tanzhaus Lindau, Choreografin Anne Thaeter sowie die beiden Regisseurinnen Thekla Lanz und Ainhoa Guerrero Tetas immer und immer wieder. Zwei Vorstellungen vor einem vollen Stadttheater bringen die Vorbereitungen und Proben zu einem Abschluss – ein großer Erfolg.

„Fliegen lernen“ ist nicht nur ein unterhaltsames Stück. Die inklusive Theatergruppe bearbeitet damit auch politische und gesellschaftliche Themen. Es geht um Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und um die Anerkennung von Fähigkeiten und Leistungen aller Menschen.

Mit dem Stück setzt sich Kannwas Kollektiv für einen fairen Lohn, gleiche Arbeitsrechte und den Abbau von Vorurteilen ein und stellt die Frage: Wie kann ein inklusiver, gerechter Arbeitsmarkt aussehen?

Ein junger Mann sucht seinen Weg

Die Hauptfigur des Stücks, ein junger Mann namens Ronnie, wird von Cleo Lanz gespielt. Ronnie ist verträumt und scheint sich oft in seiner eigenen Welt zu befinden. Und er liebt Musik und Tanzen – etwas, wofür seine Familie gar kein Verständnis hat.

Als Ronnie gelingt es Cleo Lanz bereits von Beginn des Stücks an, die Herzen der Zuschauer für sich zu gewinnen. In den ersten Szenen wirkt er unglücklich, bedrückt und zurückhaltend; aber wenn er seine Kopfhörer aufsetzt und sich zu der Musik bewegt, gewinnt er etwas an Leichtigkeit.

Ein Gefühl, das sich direkt auf das Publikum überträgt, welches bei Ronnies Tanzszenen begeistert mitklatscht.

Der für ihn vorgesehene Lebensweg will einfach nicht zu Ronnie passen.

Als Ronnie seinen ersten Arbeitstag in der Putzfirma hat, in der auch sein Vater arbeitet, trifft er auf eine Tanzgruppe, die ihm einen Ausweg aus der Monotonie seines vorgeplanten Lebens zeigt.

Die Tänzerinnen sind ganz anders als das, was Ronnie bisher kennt: bunt, laut, mutig und voller Lebensfreude. Er ist fasziniert und erhält dann ein verlockendes Angebot. Um bei einem Wettbewerb antreten zu können, sucht die Gruppe dringend noch ein siebtes Mitglied.

Und als Ronnie gemeinsam mit der Gruppe tanzt, erscheint zum ersten Mal ein breites Lächeln auf seinem Gesicht – und er bringt ihnen seine Tanzschritte bei.

Ronnie findet Anschluss in einer Tanzgruppe.

 

Die Tänzerinnen aus dem Tanzhaus Lindau bringen mit ihren stimmungsvollen Choreographien ein besonderes Element in das Theaterstück ein. Die Tänze, die von Anne Thaeter choreografiert wurden, sind mal voller Energie und mal tieftraurig. So unterstreichen sie die Stimmung des Stücks und der Charaktere und holen das Publikum emotional an den richtigen Stellen ab.

Eine Frau, die für sich einsteht

Doch „Fliegen lernen“ erzählt nicht nur Ronnies Geschichte, sondern auch die seiner Mutter. Diese ist bereits früh gestorben und in der Familie wird nie über sie gesprochen. Das Theaterstück lebt von geschickten Zeitwechseln zwischen Ronnies Geschichte in den 1980er-Jahren und der seiner Mutter in den 1960ern.

Mithilfe von Licht und Wechseln zwischen der rechten und linken Bühnenseite, werden Parallelen zwischen Ronnie und seiner Mutter geschaffen.

Ein Tanz, welchen Ronnie mit seiner Oma beginnt, wird von Mutter Rose und der jungen Oma auf der anderen Bühnenseite aufgegriffen; eine Bewegung, die erst von Ronnie und dann von Rose ausgeführt wird, sorgt für elegante Übergänge zwischen den Zeiten.

Ronnies Mutter Rose, gespielt von Lisa Dornheim, wird den Zuschauerinnen und Zuschauern als lebenslustige, mutige Frau vorgestellt. Sie arbeitet als Polsterin in einer Autofabrik. Doch es sind die 60er Jahre und obwohl die Polsterinnen fähige, gelernte Arbeiterinnen sind, werden sie nicht wie solche bezahlt.

Etwas, was sich die Frauen und besonders Rose nicht länger gefallen lassen wollen. Schnell ist jedoch klar: Die Männer haben kein Interesse daran, etwas an der Situation zu verändern.

Nicht der respektlose Gewerkschaftsvorsitzende, welcher die Arbeiterinnen offensichtlich nicht ernst nimmt, und erst recht nicht die vier Geschäftsführer. Diese beschäftigen sich lieber mit ihrem eigenen Wohlbefinden, als dem Anliegen der Frauen zuzuhören. Einer trägt eine Feuchtigkeitsmaske, ein anderer flirtet, zur allgemeinen Belustigung, lieber mit dem Publikum. Rose hat genug und organisiert einen Streik der Polsterinnen.

Die Polsterinnen streiken für bessere Arbeitsbedingungen.

Es werden Verbindungen geschaffen

Ronnie ist unterdessen Teil der Tanzgruppe geworden. Doch als sein Vater davon erfährt, kommt es zu einem heftigen Streit. Ronnie ist wütend und verletzt. Doch er fügt sich dem Willen seines Vaters und gibt das Tanzen auf.

Auch Roses Situation spitzt sich zu. Der Streik scheint erst großartig zu laufen, die Frauen sind laut und mutig, zum ersten Mal stehen sie für sich und ihre Rechte ein. Die Stimmung ist beschwingt, alles scheint möglich.

Als Rose, das Sprachrohr der Gruppe, jedoch überraschend einen Zusammenbruch erleidet, scheint der Streik so schnell wieder zu enden, wie er begonnen hat. Die Frauen sind mutlos, Roses Mann bringt keinerlei Verständnis für sie auf. Alles scheint verloren.

Doch dann geschieht etwas Besonderes. Bisher waren Roses und Ronnies Geschichten getrennt. Sie fanden zwar parallel auf der Bühne statt, doch nie gab es eine Interaktion zwischen den beiden Seiten.

Doch nun überquert Rose die unsichtbare Grenze und es kommt zu einer berührenden Szene. Als Rose den Kopf ihres Sohnes tröstend im Schoß hält, werden im Publikum die Taschentücher gezückt.

Als Ronnie und Rose sich auf der Bühne begegnen, rollen im Saal einige Tränen.

 

Das Stück endet hoffnungsvoll. Ronnie versöhnt sich mit seinem Vater und kann mit seiner Unterstützung doch noch mit seiner Gruppe beim Tanzwettbewerb antreten. Am Schluss tanzen alle gemeinsam: Ronnie, die Tanzgruppe, Mutter Rose und die anderen Polsterinnen, begleitet von tosendem Applaus.

Gleichberechtigung in der Arbeitswelt

In „Fliegen lernen“ geht es um Gleichberechtigung für Frauen in der Arbeitswelt. Inspiriert vom Streik der Frauen 1968 bei Ford in England, setzen sich auch die Polsterinnen im Stück für die Anerkennung ihrer Leistung, faire Bezahlung und gleiches Arbeitsrecht ein.

Heute sind wir gesellschaftlich beim Thema Gleichberechtigung der Geschlechter weiter – wenn auch nicht am Ziel.

Menschen mit Behinderung verdienen jedoch oft immer noch kaum etwas für die Arbeit, die sie in Werkstätten oder Einrichtungen leisten. „Fliegen lernen“ soll auch auf dieses wichtige Thema aufmerksam machen, wie es im Flyer des Theaterstücks heißt: „Talente werden aufgrund von Vorurteilen und strukturellen Ungleichheiten nicht anerkannt oder ganz übersehen.“

Anders ist das beim Kannwas-Kollektiv. Die Regisseurinnen Thekla Lanz und Ainhoa Guerrero Tetas haben so ein Stück geschaffen, das in Erinnerung bleibt.

Transparenzhinweis: Cleo Lanz ist Teil des Kolumna-Teams und hat auch schon Texte für Kolumna geschrieben.

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