Tee hat meinen Fasten-Aufenthalt in Grünenbach im Allgäu sehr geprägt: „Grüne Neune“, „Frosch im Hals“, „Ingwer Energie“ und „Geistesblitz“ – kreative Namen für Kräutertees, die immer wieder Mut machen, wenn beim Fasten eine Krise oder gar ein Einbruch droht.
Ich habe beschlossen, mich zwei Wochen aus dem Alltag zurückzuziehen, mich nur auf meine Verdauung und mich zu konzentrieren. Ich habe keinerlei Beschwerden und möchte nur etwas für meine Gesundheit tun.
Es ist jetzt meine dritte Fastenkur, der Aufenthalt im Landhaus König im Allgäu ist mir immer sehr gut bekommen. Bei der Mayr-Kur, benannt nach dem österreichischen Arzt Franz Xaver Mayr, geht es hauptsächlich darum, kleine Portionen langsam und bewusst zu essen.
Nicht einfach alles gedankenlos und schnell hinunterzuschlingen, sondern alles gut zu kauen. Der Darm soll mit dieser Maßnahme saniert, gereinigt und entgiftet werden, in jedem Fall wird er in diesen Tagen ordentlich durchgespült.
Mit einem Baum verglichen, sei der Darm das menschliche Wurzelsystem und für die Versorgung des Körpers zuständig, so die Idee der Kur. Dr. Harald Müller, Hausarzt im westlichen Allgäu und auf Mayr-Kuren spezialisiert, unterstützt diese Art des Fastens.
Es gibt auch Stimmen aus der Medizin, die die Mayr-Kur medizinisch kritisch betrachten. Sie bemängeln, dass wissenschaftliche Belege für deren Wirksamkeit fehlen und durch die einseitige Ernährung nicht ausreichend Nährstoffe zugeführt werden. Zudem sei das Konzept des Entgiftens medizinisch nicht plausibel.
Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Fasten die sogenannte Autophagie, das ist der Selbstreinigungsprozess der Zelle, unterstützt. Dr. Müller ist jedenfalls überzeugt, dass ein gesunder Darm und eine gesunde Verdauung entscheidend für das allgemeine Wohlbefinden sind und die Fastenkur vielen Krankheiten vorbeugen kann. Und ein Hauptziel der Kur ist ohnehin schlicht, sich des Essens und vor allem des Kauens wieder bewusst zu werden.
Fastenangebote in Hülle und Fülle
„Wer gibt schon einen Haufen Geld fürs Kauen aus?“, sagt Dr. Harald Müller und lacht, „da müssen die Gäste schon einen großen Willen und viel Überzeugung mitbringen.“ Eine Woche Fastenkur wird in Grünenbach ab rund 1000 Euro angeboten.
Der Markt für Fastenkuren ist unerschöpflich. Beim Studium der vielen Angebote wird schnell klar, dass man dafür auch noch mehr Geld wie in Grünenbach ausgeben kann. Unter dem Begriff „Heilfasten“ gibt es kostengünstige Schnuppertage, aber auch exklusive Offerten.
Vier-Sterne-Hotels bieten ein Fasten-Programm mit vielen Extras und medizinischen Anwendungen an. Heilfasten, Basenfasten, Teefasten, Intervall-Fasten, Ayurveda – eine immense Bandbreite. Bewusste Ernährung, gesund leben – das ist der große Trend. Für eine Fastenwoche zahlt man teilweise so viel wie für einen Pauschalurlaub mit Vollpension.
Zwei Wochen Mayr-Kur: viel kauen und wenig reden
Die Fastenkur im Allgäu ist weniger spektakulär und eher bodenständig. Morgens zum Frühstück gibt es in der Regel trockenes, leicht zähes Fladenbrot. Damit kann man das lange Kauen besser trainieren, der Joghurt dazu reguliert den Eiweißhaushalt.
Mittags Gemüsebrühe und später Gemüsesuppe – viel Flüssiges, weil das gut verdaulich ist. Abends wieder monotones Kauen mit Fladenbrot und natürlich reichlich Tee. Die Speisekarte ist bei einer Mayr-Kur stark reduziert.
Die Frage, ob sich das alles lohnt und bezahlt macht, stelle ich mir natürlich auch, aber das positive Gefühl, für seinen Körper etwas Gutes zu tun und trotzdem nicht hungern zu müssen, überwiegt. Sich einmal nicht allen Gelüsten einfach hinzugeben, bewusst Verzicht zu üben, ist ein wunderbares Gefühl.
Der Darm wird ordentlich durchgespült
Bittersalz am Morgen hilft, um den Darm durchzuspülen. Kein angenehmer Gedanke, aber es nützt. Bei der Einführung der neuen Gäste – jede Woche montags – erklärt Harald Müller, warum welche Maßnahmen wichtig sind. Immer wieder kommt er auf das zentrale Thema „Kauschulung“ zu sprechen.
„Wir essen zu schnell, zu viel, zu oft und zu spät“, bringt es der Mediziner auf den Punkt. Neben dem ausgiebigen Kauen gibt es zwei weitere Regeln: nicht trinken beim Essen – und nicht reden. Sprich: Stumm vor sich hin kauen, wie die Kühe auf der Weide im Allgäu.
Der Kurarzt meint es gut mit mir. Er hat mir die höchste Disziplin verordnet: Teefasten. Vier Tage meiner Kur nur Kräutertee, Basentee und viele andere gesunde Mischungen – wahlweise, als Highlight des Tages, eine Gemüsebrühe.
Schaffe ich das? Hab ich Hunger? Überlebe ich das? Die Bewunderung von den anderen Gästen am Tisch, die genüsslich ihr Fladenbrot kauen und verdauen, motiviert mich, durchzuhalten.
Klare Gedanken und freier Kopf
Mit meinem überdimensionalen Teekonsum fühle ich mich überraschend gut, habe klare Gedanken und plötzlich einen völlig freien Kopf. Deshalb schreibe ich gleich meinen Fastentext für Kolumna in diesem Hochgefühl.
Überraschend: Ich habe tatsächlich keinen Hunger. Nach vier Tagen Tee genieße ich nun die Belohnung und esse jetzt wieder Fladenbrot mit Joghurt und Gemüsebrühe.
Ich gebe zu, dass ich in den zwei Wochen immer wieder von einem Cappuccino, einem leckeren Frühstück, einer Pasta beim Italiener, einer schlichten Butterbrezel träume.
Aber die Umgebung in Grünenbach hilft mir. Sie ist für den Rückzug aus dem Alltag wie geschaffen. Ein ruhiger, beschaulicher Ort, viel Landwirtschaft, viele Kühe auf den Wiesen. Kaum Ablenkungen, keine schicken Restaurants oder Cafés, wo man den Fastenfrust und das Fastentief heimlich bei einem Stück Torte abladen könnte.
Nur ein kleiner Dorfladen ist vormittags geöffnet, der mit seiner Einrichtung und seinem Angebot schon fast wie ein Museum aussieht. Und eine Käserei gibt es auch. Aber das alles ist tabu. Wer gerade fastet, ist froh, wenn es nicht allzu viele Verführungen gibt.
Eine gewisse Leichtigkeit wird jetzt bei mir spürbar, ein Hochgefühl stellt sich ein, viele neue Gedanken nehmen in der Allgäuer Einsamkeit einfach ihren Lauf. Nicht nur der Darm, auch der Kopf fühlt sich wie durchgespült an.
Bauch weg, Kilos weg – euphorisch in den Alltag
Nach zwei Wochen kommt die mit Spannung erwartete Abschluss-Untersuchung mit modernem 3-D-Körperscan: Der Bauch ist (fast) verschwunden, einige Kilos auch, aber das ist nur ein Nebeneffekt.
Ich fühle mich voller Energie, leichter, wesentlich leistungsfähiger und starte euphorisch in den Alltag. Allerdings verbunden mit dem Vorsatz, wenigstens ein paar Essensregeln zu beachten. In Ruhe kauen und nichts reden. Dabei ist doch ein Essen mit Freunden so wunderbar kommunikativ.
3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
….schon eine Regel aus frühen Zeiten: Beim Essen wird nicht geredet !
Hallo Wolfgang, interessanter Bericht, der sich auch mit meinen Erfahrungen deckt.
Danke für den Artikel. Ich habe das tatsächlich dieses Jahr auch ausprobiert (Fasten nach Hildegard von Bingen) und kann die Erfahrungen nur bestätigen. Ich hatte mehr Energie, einen freien Kopf und ein viel besseres Körpergefühl. Ich habe mir die wichtigsten Infos und Rezepte vorher von den Fastenprofis aus dem Kloster Maria Stern in Gwiggen Hohenweiler geholt und dann zuhause gefastet. Die Ordensschwestern bieten im Oktober 20.-25.10.25 eine ganze Woche Hildegardfasten an. Lt Homepage gibt es noch Plätze.
https://kloster-mariastern.at