Vom Krisenmodus zur Zuversicht: Kehrtwende bei der Lindauer Wirtschaft?

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Lindau
Sebastian Gruber, Unternehmer und Vorstandmitglied der IHK-Regionalversammlung Lindau-Bodensee, Annalena Richter, IHK-Regionalgeschäftsführerin, Rolf Thomann, Unternehmer und IHK-Regionalvorsitzender und Dorothee Buhmann, Unternehmerin und stellvertretenden IHK-Präsidentin der IHK Schwaben.
Foto: Ronja Straub

Der Wirtschaft im Landkreis Lindau geht’s wieder besser – das jedenfalls zeigt eine Umfrage der IHK Schwaben, für die im Januar fast 400 Unternehmerinnen und Unternehmer im Landkreis Lindau und im Allgäu befragt wurden. Der Positivtrend hängt auch mit der Rüstungsindustrie zusammen. Aber viele Sorgen bleiben.

Coronapandemie, Ukrainekrieg, US-Zölle: Schon seit einigen Jahren geht’s der Wirtschaft nicht besonders gut. Vom Wachstum können auch viele Unternehmerinnen und Unternehmer in und um Lindau nur träumen. Aktuell sind die Unternehmerinnen und Unternehmer im Landkreis Lindau nicht nur zuversichtlicher – auch ihre Geschäftslage ist offenbar besser. Woran liegt’s?

Bergauf geht es zum Beispiel beim Tourismusgewerbe. „Das ist im Frühjahr meist optimistischer als im Herbst“, sagt Annalena Richter, Regionalgeschäftsführerin der IHK Schwaben. Aber auch bei den Dienstleistungsunternehmen sei ein positiver Trend zu erkennen und selbst das Baugewerbe hat sich laut Umfrage der IHK erholt. In der Industrie geht es erstmals seit 2023 bergauf. Einzig im Einzelhandel hat sich die Lage – trotz Weihnachtsgeschäft – nicht verbessert.

„Die Menschen halten ihr Geld zusammen“, sagt Richter. Viele würden sich eher dafür entschieden, in Urlaub zu gehen, anstatt das Geld beim Einkaufen auszugeben – das spiegle sich in der Branche direkt wider.

Die Insel von Lindau

Die Urlaubsregion beschert der Wirtschaft in und um Lindau einen kleinen Aufschwung

 

Noch vor etwa einem Jahr ging es der Wirtschaft nirgendwo zwischen Donauwörth, dem Allgäu und dem Bodensee so schlecht wie in Lindau. Jetzt hat sich das Bild komplett gedreht: Lindau liegt hinter der Stadt Augsburg auf Platz zwei des Konjunkturindex.

Mit diesem Index misst die IHK, wie es der Wirtschaft geht. Er setzt sich zusammen aus der Geschäftslage der Unternehmen und den Erwartungen der Unternehmerinnen und Unternehmer.

Überraschendes Ergebnis

Vertreterinnen und Vertreter der IHK sind selbst über das Ergebnis überrascht. „Die Gründe können wir nur teilweise nachvollziehen“, sagt Annalena Richter. Zum einen trage die „Talfahrt“ der vergangenen Monate zum Optimismus der Unternehmer bei.

Das ist kein Durchbruch, aber eine Stabilisierung

, sagt Sebastian Gruber, Lindenberger Unternehmer und Vorstandsmitglied der IHK-Regionalversammlung.

Die Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent trage ebenfalls zur Entspannung bei. Außerdem gehe es dem Reise- und Gastgewerbe besser.

Für viele Unternehmerinnen und Unternehmer öffne sich zudem ein ganz neues Geschäftsfeld: die sogenannte Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. „Das ist ein Zugpferd, von dem auch andere profitieren“, sagt Richter.

Rucksäcke nicht nur zum Wandern – auch fürs Militär

Ein Drittel der Befragten findet den Markt interessant, ein Viertel ist bereits Zulieferer für Hersteller von militärischen Produkten – oder von sogenannten „Dual-Use-Produkten“ – sie werden zivil und militärisch genutzt.

Rolf Thomann, der sich vor kurzem auf einer Messe über das Thema informiert hat, gibt ein Beispiel: Der Rucksackhersteller Deuter aus Augsburg stelle Rucksäcke nicht mehr nur zum Wandern her, sondern auch für Soldaten. Und Hersteller von Schwerlasttransporter könnten diese auch an das Militär verkaufen. Luftfahrtelektronik, Schiffstechnik und Werkstoffe – die Liste mit Beispielen ist lang.

Viele Unternehmen denken jetzt darüber nach, wie sie ihre Produkte der Branche anbieten könnten, sagt der Inhaber der Thomann GmbH, Stahlversorger für Industrie und Handwerk. Auch in seinem Geschäftsfeld könne das Sinn ergeben. „Ich kann mir das vorstellen“.

Die Ansprüche an die Produkte seien hoch. Schließlich gehe es häufig um das Leben der Soldaten und Soldatinnen.

Hohe Arbeitskosten und zu viel Bürokratie

Trotzdem: Auch wenn viele ihre Geschäftslage als besser bewerten als noch vor einem halben Jahr – komplett erholt hat sich die Wirtschaft längst nicht. In der Industrie, im Einzelhandel und im Großhandel werden nach wie vor Stellen ab- und nicht aufgebaut, sagt Sebastian Gruber. Etwa im Gesundheits- und Sozialwesen bräuchte man mehr Personal.

Der Fachkräftemangel bestehe nach wie vor – nur andere Herausforderungen hätten diesen mittlerweile überlagert, sagt Dorothee Buhmann, stellvertretende IHK-Präsidentin. „Wir können es schon alle nicht mehr hören, aber die Bürokratie belastet die Unternehmen nach wie vor sehr.“ Dazu kämen andere Herausforderungen durch das Lieferkettengesetz und geopolitische Unsicherheiten.

Auf Platz zwei der größten Risiken für Unternehmen sei die geringe Inlandsnachfrage, gefolgt von hohen Arbeitskosten. Arbeitgeber in Deutschland koste eine Arbeitsstunde durchschnittlich 43,40 Euro. Der europaweite Schnitt liege zehn Euro darunter, so Buhmann. „Wir fordern, dass für Arbeitnehmer mehr Netto vom Brutto bleibt“, fügt Rolf Thomann hinzu.

Unternehmensübergabe ist oft ein Problem

Eine große Sorge für viele Mittelständler sei die Übergabe ihres Unternehmens. „Ich habe das bereits hinter mir, aber für viele ist das sehr schwierig“, sagt Buhmann. Im bayerischen Teil von Schwaben stünden 18.000 Übergaben an. „Wenn die Hälfte klappt, ist das ein Erfolg“, sagt Dorothee Buhmann, die in Lindenberg ein Unternehmen für Verpackungslösungen leitet. Oft fehlten junge Menschen, die bereit sind, ein Unternehmen zu führen.

Mindestens genauso problematisch findet die Unternehmerin es aber, wenn eine Reform der Erbschaftssteuer kommt, wie die SPD sie vorschlägt.

Mit ihrer Reform will die Partei eigentlich große Vermögen stärker besteuern und kleine und mittlere Erbschaften entlastet. Für Firmen sind Freibeträge von fünf Millionen Euro ​vorgesehen. Damit, so die SPD, wolle man Familienbetriebe sichern.

Laut Buhmann würde allerdings das Gegenteil passieren. Der Freibetrag von fünf Millionen Euro sei viel zu niedrig angesetzt. Diese Regel mache es für viele Unternehmen unmöglich, ihr Geschäft weiterzugeben.

Grundsätzlich fordere die IHK aber durchaus Reformen aus der Politik. Die Erbschaftssteuer sollte etwa „nachfolgegerecht“ sein, die„“Rente mit 63“ sollte abgeschafft werden und die Unternehmenssteuer gesenkt werden.

 Wir erwarten viele zusätzliche Wachstumsimpulse aus Rathäusern und Landratsämtern

, ergänzt Sebastian Gruber.

Lindau habe in der Region der IHK-Schwaben nach Augsburg den zweithöchsten Hebesatz bei der Gewerbesteuer. „Wir müssen dafür sorgen, dass er nicht weiter steigt“, sagt Thomann.

Die Vergabe der Flächen im Lehrgut Priel habt schon gestartet. Foto: Christian Flemming

 

Flächen für Gewerbe in Lindau seien wichtig. Das neue Lindauer Gewerbegebiet Lehrgut Priel freue die IHK, so Richter. Allerdings blicke man kritisch auf die hohen Kosten für Unternehmen. Pro Quadratmeter zahlten diese 400 Euro. Für Ingenieurbüros vielleicht unproblematisch, aber für „flächenintensive Betriebe“ sei das nicht machbar, so Thomann. „Es braucht auch noch andere, günstigere Flächen.“

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