Vom Gastgeber zum Krisenmanager: Warum das Restaurant „Strandhaus“ schließt

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Lindau
Die 17. Saison des Restaurants Strandhaus am Parkcamping in Lindau liegt vor Jasmin und Klaus Winter und sie wollen sie mit ganzem Herzen genießen, denn es ist die letzte: die beiden leidenschaftlichen Gastgeber haben sich entschieden, das Strandhaus aufzugeben.
Foto: Susi Donner

Die Nachricht kommt überraschend: Die Betreiber Klaus und Jasmin Winter geben ihr Restaurant auf. Einfach ist ihnen die Entscheidung nicht gefallen – aber sie haben schon neue Pläne.

Die Nachricht wird viele treffen – in der Stadt und darüber hinaus. Das Strandhaus, eine feste Größe der Lindauer Gastronomie, schließt Ende 2026 seine Türen. Was zunächst wie ein schlechter Scherz klingt, ist für Klaus und Jasmin Winter eine bewusste, wenn auch schmerzhafte Entscheidung.

Eine Verlängerung des Pachtvertrags wäre problemlos möglich gewesen – doch sie haben sich dagegen entschieden. „Wir sind mit Herz und Seele Gastgeber. Das werden wir auch immer sein, künftig aber nur noch mit unserer Grillschule, der Ferienwohnung und unseren kulinarischen Bootstouren auf dem Bodensee“, sagt Jasmin Winter.

Dabei fehlt es dem Strandhaus nicht am Erfolg. Im Gegenteil: „Es läuft supergut“, sagt Klaus Winter. Die Zahlen stimmen, die Nachfrage ist hoch. „Wir haben ein erstklassiges Team, zu jeder Jahreszeit viele Gäste – Einheimische wie Urlauber – und mit der LTK (Lindau Tourismus und Kongress GmbH ), einem Verpächter, der uns immer unterstützt hat“, sagt Winter.  Und trotzdem können sie sich eine Weiterführung nicht vorstellen.

Dass ein wirtschaftlich erfolgreiches Restaurant freiwillig aufgibt, wirkt zunächst widersprüchlich. Doch der Blick hinter die Kulissen zeigt: Nicht das Konzept ist das Problem – sondern die Rahmenbedingungen.

Einst waren in den Räumlichkeiten des Strandhauses Supermarkt und Kiosk. Sie wurden von der Stadt Lindau saniert, Klaus Winter übernahm die Inneneinrichtung sowie den Einbau der Koch- und Kühltechnik. Seit 2010 führt er das Strandhaus, seit 2012 gemeinsam mit Jasmin Winter. Mittlerweile reisen Gäste aus München oder Stuttgart an, um dort zu essen.

Eigentlich stehen alle Zeichen auf Erfolg

, sagt Jasmin Winter.

Doch genau darin liegt das Paradox. Denn parallel zum Erfolg wuchs die Belastung. Spätestens seit 2020 habe sich die Gastronomie grundlegend verändert. „Jedes Jahr ein bis drei neue Krisen, auf die man sich einstellen muss – und auf die man keinerlei Einfluss hat, weil sie von außen kommen. Das macht keinen Spaß mehr.“

Vom Gastgeber zum Krisenmanager

Was früher unternehmerische Herausforderung war, ist heute Dauerzustand. „Die Gastronomie ist dummerweise von allen Krisen immer gleichzeitig betroffen“, erklärt Klaus Winter. „Zunächst Corona, dann extrem gestiegene Energiepreise, maximal verschärfter Mitarbeitermangel qualifizierter Arbeitskräfte, massiv gestiegene Lohnkosten, regelmäßig explodierende Lebensmittelpreise.“

Zwei Menschen auf einer kleinen Bühne.
Vor einiger Zeit haben Klaus und Jasmin Winter das Format „Live on Strandhaus Stage“: Jasmin und Klaus Winter servieren Barbecue und Countrymusic. Musikerinnen und Musiker mit eigenen Songs treten auf. Foto: Wolfgang Köhle

 

Natürlich sei auch jeder einzelne im Privaten betroffen und auch andere Branchen. „Aber in der Regel nicht von allen genannten Punkten gleichzeitig, wie die Gastronomie.“ Jasmin Winter beschreibt die Veränderung noch deutlicher: „Wir wollen eigentlich nur kreative, gute und liebevolle Gastgeber sein. Aber wir sind heute vor allem Krisenverwalter und Krisenmanager.“

Hinzu komme die Unsicherheit. Planungssicherheit existiere kaum noch. „Die Rahmenbedingungen sind vollständig unkalkulierbar geworden.“ Ein Beispiel aus dem Alltag: Die Saison ist durchgeplant, die Speisekarte kalkuliert – und plötzlich steigen die Fleischpreise drastisch. „Das kann ich nicht einfach an die Gäste weitergeben“, sagt Klaus Winter. „Wir müssen reagieren – aber wir wissen nie, was als Nächstes kommt.“

Erschöpfung trotz Leidenschaft

Die vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen. „Die letzten fünf Jahre haben sich angefühlt wie zehn Jahre“, sagt Jasmin Winter. „Und deshalb können wir es uns nicht mehr vorstellen.“ Es sei nicht die Arbeit selbst, die sie an ihre Grenzen bringt. Im Gegenteil: Das Team, die Gäste, das Kochen, das Gastgebersein – all das lieben sie nach wie vor. „Wir sind mit Herz und Seele Gastgeber.“

Doch das „Drumherum“, wie beide es nennen, habe sie zermürbt. Bürokratie, Vorschriften, Verantwortung für Mitarbeitende – und gleichzeitig das ständige Reagieren auf externe Krisen. „Es zerreibt uns zwischen allem“, sagt Klaus Winter. „Wir sind nicht mehr handlungsfähig, wir können nur noch reagieren.“

Der Abschied vom Strandhaus ist mehr als die Geschichte eines einzelnen Betriebs. Er steht exemplarisch für eine Branche im Dauerstress. „Es ist nicht das Strandhaus, es sind nicht die Gäste“, sagt Jasmin Winter. „Es sind die Umstände, denen wir ohnmächtig ausgeliefert sind.“

Die Entscheidung, das Strandhaus aufzugeben, fiel nicht leicht. Immer wieder stockt den beiden beim Erzählen die Stimme. Zu groß ist die emotionale Bindung an den Ort, das Team und die Gäste.

Auch im Team flossen Tränen, als die Nachricht verkündet wurde.

Unser Team hat direkt gesagt: ‚Wir bleiben alle bis zum Schluss und genießen gemeinsam die letzte Saison‘.

„Am Ende haben die Argumente dagegen überwogen“, sagt Jasmin Winter. Gleichzeitig sei mit der Entscheidung auch eine spürbare Erleichterung gekommen. „Von uns ist so viel Last abgefallen.“

Bis Ende 2026 wird der Betrieb normal weiterlaufen. Reservierungen, Feiern, Gutscheine – alles behält seine Gültigkeit. „Wir geben bis zum letzten Tag alle unser Bestes – das ist völlig klar“, betont Klaus Winter. „Und wir genießen jetzt noch jeden einzelnen Tag.“

Es soll ein bewusstes Abschiedsjahr werden – gemeinsam mit Gästen und Mitarbeitenden. „Nach der 17. Saison zieht das Strandhaus aus unserem Leben“, sagt Jasmin Winter. „Und jetzt genießen wir die letzte Saison nochmals in vollen Zügen.“

Wie es weitergeht

Ganz aus der Gastronomie ziehen sich die Winters aber nicht zurück. Die Grillschule, die Klaus Winter vor 27 Jahren gegründet hat, soll an einem neuen Standort weitergeführt werden. Auch die Ferienwohnung sowie die kulinarischen Bootstouren bleiben bestehen.

„Künftig arbeiten wir in Bereichen, in denen wir unabhängiger sind“, sagt Klaus Winter. Und es bleibt Raum für das, was in den vergangenen Jahren zu kurz kam: Musik und Kunst. Klaus Winter ist Musiker, Jasmin Winter malt und fotografiert.

Was bleibt, ist Dankbarkeit – und Wehmut. Aber auch die Gewissheit, dass ein Ort verschwindet, der für viele mehr war als ein Restaurant.

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