Auf dem Zechwald-Areal soll die neue Mitte des Lindauer Stadtteils entstehen. Am Mittwochabend wurde das Architekturbüro gekürt, das aus Sicht der Jury den besten Entwurf dafür abgegeben hat. Was sagen die Lindauerinnen und Lindauer dazu?
Auf dem großen asphaltierten Platz stehen orange-weiße Leitkegel, ein Fahrschüler hat gerade Fahrtraining. In der Halle nebenan trainieren Kinder beim Kampfsport. Gewerbehalle steht neben Gewerbehalle – noch herrscht auf dem Gelände des ehemaligen Kunert-Areals Industriestimmung. Noch ist die etwa 30.000 Quadratmeter große Fläche zwischen der Bregenzer Straße und dem Max-Halbe-Weg versiegelt.
In den nächsten Jahren soll sich aber viel ändern und ein lebendiger Stadtteil – die neue Mitte von Zech – entstehen. Wie dieser aussehen könnte, wurde am Mittwochabend klar. Da wurde der Sieger eines Architektenwettbewerbs gekürt, bei dem es um die Zukunft des Areals ging.
Um welches Gelände geht es überhaupt?
Wer nicht über die Autobahn, sondern direkt von Lindau nach Österreich fährt, kommt an dem Gewerbepark vorbei. Nur etwa 30 Prozent der Fläche sind dort aktuell an Firmen vermietet. Auch Rhomberg Bau hat seinen Deutschland-Sitz dort. Vor einigen Jahren kaufte das Unternehmen das gut 30.000 Quadratmeter große Areal.
Seinen ehemaligen Namen, Kunert-Areal, hatte das Gelände von der Firma Kunert, die 1951 dort eine Feinstrumpffabrik baute. Nachdem sie den operativen Betrieb 1995 verkauft hatte, vermietete sie die Fabrik an Angell Demmel/Faurecia. Als deren Lindauer Werk 2018 schloss, kaufte Rhomberg Bau das Grundstück und nannte es Zechwald-Areal.
Rhomberg Bau hat das Gelände gekauft, um es weiterzuentwickeln. In den nächsten Jahren soll ein Stadtteil mit etwa 300 Wohnungen und Gewerbe entstehen. Seit mehreren Jahren läuft deshalb ein Prozess – ein wichtiger Schritt ist jetzt getan, indem die Sieger des Architektenwettbewerbs gekürt wurden.
Welcher Entwurf hat gewonnen?
Zwölf Architekturbüros aus vier Ländern haben sich in den vergangenen Monaten Gedanken darüber gemacht, wie das Zechwald-Areal in Zukunft aussehen könnte, und ihre Pläne eingereicht. „Die eierlegende Wollmilchsau zu entwerfen, war nicht einfach“, sagte Manuel Weiner, Projektverantwortlicher beim Vorhabenträger Rhomberg Bau. Der Auslobungstext für den städtebaulichen Wettbewerb habe 40 Seiten umfasst.
„Der Sieger-Entwurf zeichnet sich dadurch aus, dass er den Stadtteil vernetzt und versorgt“, so Weiner. Er gratulierte dem Architekturbüro „Schneider + Schumacher“ aus Frankfurt. Es hat die Pläne gemeinsam mit der Wiener „Carla Lo“ Landschaftsarchitektur entworfen.
Schon auf den ersten Blick ist zu sehen: Der Entwurf stellt ein recht grünes, autofreies Stadtquartier dar. Entlang der Bregenzer Straße, wo es ohnehin lauter ist, sind die größeren Gebäude für beispielsweise einen Supermarkt, ein Ärztehaus oder Büros vorgesehen, genauso wie ein großes Parkhaus. Die Gebäude sind deutlich höher als die in der Umgebung.
Richtung Kopernikusplatz sind Wohnhäuser mit Eingängen nach innen geplant, wodurch Höfe und Begegnungsorte entstehen sollen.
Alle Details könnt ihr dieser Grafik ablesen (bitte anklicken, damit sie größer wird):
Warum hat sich die Jury für diesen Sieger entschieden?
Den ganzen Dienstag über haben die 13 Preisrichter die Köpfe über Pläne und Entwürfe gesteckt. „Wir haben bis zehn Uhr am Abend getagt“, sagte die Vorsitzende der Jury, Architektin Lydia Haack, am Mittwochabend. Bei ihrer Entscheidung sei es um Fragen gegangen, ob das Quartier mit der Umgebung verträglich ist oder wie mit Verkehr und dem Thema Lärmbelästigung umgegangen wird.
Im Video begründet Lydia Haack die Entscheidung der Jury:
Was sagen Lindauerinnen und Lindauer zu dem Sieger?
Etwa 100 Menschen – inklusive aller Beteiligten von Stadtverwaltung, Rhomberg Bau und Wettbewerb – sind am Mittwochabend in die Halle auf dem Zechwald-Areal gekommen.
Manche von ihnen waren Teil des Beteiligungsprozesses, der im vergangenen April startete. Viele Bürgerinnen und Bürger und Vertreter aus anderen Bereichen haben vergangenes Jahr ihre Ideen zur Zukunft des Areals gesammelt. Daraus ist ein Dokument mit vielen Seiten entstanden, das als Grundlage für die Entwürfe diente.
Lindaus Oberbürgermeisterin Claudia Alfons erinnerte an diesen Prozess. „Man kann sich vorstellen, dass das jetzt für viele von Ihnen ein spannender Moment ist“, sagte sie und bedankte sich bei allen Zecherinnen und Zechern, die sich beteiligt haben.
Daria Ehrmann war bei dem Beteiligungsprozess dabei. „Hinterher meckern kann jeder“, sagt die Lindauerin und Mutter von zwei Töchtern. Sie habe sich eine Beteiligung erhofft und fühle sich mit dem Sieger-Entwurf tatsächlich gehört.
Sie freue sich, dass Kindergarten und Bildung Raum finden und Wohnen und neue Arbeitsplätze vereint werden. „Und von der Eisdiele, die ich mir gewünscht habe, habe ich auch schon gehört“, sagt sie und lacht.
In unserer Umfrage kommen noch andere Interessierte zu Wort:
Wie sehen die Entwürfe des zweiten und dritten Siegers aus?
Sie ähneln dem Entwurf des Gewinners. Auch CKRS Architektengesellschaft mit A24 Landschaftsarchitekten aus Berlin (Platz 2) haben ein grünes Quartier mit nach innen gerichteten Wohnhäusern geplant. Eine Besonderheit: Das Parkhaus wurde mit dem Gedanken entworfen, später daraus Wohnungen zu machen. Deshalb seien die Stockwerke auf Raumhöhe geplant, sagte Architektin Susanne Sturm am Mittwochabend.
Drittplatzierte wurden die Stuttgarter UTA Architekten und Stadtplaner mit Landschaftsarchitekt Hannes Hörr. Auch sie halten das Quartier zum großen Teil autofrei und haben Laubengänge eingeplant. Die Häuser sind in einem Rastersystem angesiedelt, wie Architektin Jana Nolting erklärte.
Wie hoch sind die Kosten bei dem Projekt?
Für den Beteiligungsprozess, den städtebaulichen Wettbewerb und für mehrere Gutachten zu etwa Boden, Verkehr oder Lärm, habe Rhomberg Bau Deutschland bisher etwa 400.000 Euro investiert, wie Pressesprecher Torben Nakoinz auf Nachfrage schreibt.
Wie viel die Entstehung des Quartiers kosten werde, könne er jetzt noch nicht seriös sagen, so Nakoinz. Es sei unklar, wie zu Baubeginn die Baukosten sein werden. Losgehen soll es voraussichtlich im März 2028.
Wie geht es jetzt weiter?
Rhomberg Bau werde sich bald mit dem Gewinnerteam zusammensetzen und den Entwurf optimieren, so Projektleiter Manuel Weiner. Dabei gehe es zum Beispiel um die Zahl der Autostellplätze und die Flächen zur gewerblichen Nutzung.
Noch vor der Bürgerbeteiligung haben die Stadtverwaltung und die Firma Rahmenbedingungen festgelegt: Die Gewerbefläche soll zum Beispiel mindestens 12.000 Quadratmeter betragen. Sowohl das als auch die Anzahl der Stellplätze konnte das Siegerteam nicht erfüllen. Es werde geschaut, ob und wie die Anzahl der Stellplätze und der Gewerbeflächen erhöht werden können, schreibt Sprecher Nakoinz.
Eine weitere Vorgabe war, dass im neuen Quartier um die 300 Wohnungen entstehen sollen. Weil auf dem Gelände die sozialgerechte Bodennutzung angewendet wird, wird etwa ein Drittel dieser Wohnungen als geförderter Wohnraum auf den Markt gehen.
Als Nächstes müsse der Stadtrat einen Aufstellungsbeschluss für einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan auf den Weg bringen, sagte Projektleiter Weiner am Mittwoch. Die Grundlage dafür sei der Sieger-Entwurf. Nachdem der Stadtrat den Bebauungsplan beschlossen hat, könne es mit der Weiterentwicklung des Zechwald-Areals losgehen.
Alle eingereichten Entwürfe sowie die der Sieger könnte Interessierte sich noch bis zum 24. Juli auf dem Areal in der Zechwaldstraße 1 ansehen. Die Halle ist dazu immer Montag bis Mittwoch von 14.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.