Zu einer bewegenden Gedenkveranstaltung haben sich am Sonntag einige Dutzend Menschen vor der Peterskirche in Lindau versammelt. Die Veranstaltung, organisiert von den Omas Gegen Rechts Bodensee, stand unter dem Motto „Erinnern, Gedenken, Mahnen“ und richtete den Fokus besonders auf Opfergruppen, deren Schicksale lange im Schatten standen.
Charlotte Goldstein, Sprecherin der Omas gegen Rechts Bodensee, erinnerte an die Opfer des Nationalsozialismus und warnte eindringlich vor heutigen Formen von Hass, Diskriminierung und Populismus: „Wer schweigt, lässt Unrecht wachsen. Steh auf – und sei ein Mensch“, sagte sie.
Sie widmete die Veranstaltung der verstorbenen Mitstreiterin Irene Matthias, die die Gruppe seit ihren Anfängen unterstützt hatte. Anhand von Lebens- und Leidensgeschichten aus Lindau und Umgebung wurde deutlich, dass die Reichspogromnacht kein spontanes Ereignis war, sondern der Beginn systematischer Verfolgung, die im Holocaust gipfelte.
Im Rahmen der Feier wurde Menschen aus der Region gedacht, deren Leben durch das NS-Regime zerstört wurde, darunter:
Emilie und Gustav Röhl aus Lindau, politisch verfolgt und im Widerstand aktiv; Alfons Schmidberger, homosexueller Häftling in mehreren KZs; Josef Reinhardt, Sinto, der Zwangsarbeit in Lagern leisten musste; Josef Wittmann, Schriftsetzer und SPD-Mitglied, der Widerstandsinformationen schmuggelte; Josef Gleixner, Kind und Opfer der NS-Euthanasie in Kaufbeuren-Irsee.

Oberbürgermeisterin Claudia Alfons sprach das Grußwort und zeichnete das Bild der Ereignisse von 1938: „Auch bei uns in Lindau wurden Menschen geschlagen, verschleppt, gedemütigt und ermordet. Der 9. November war kein plötzlicher Ausbruch von Gewalt, sondern das Ergebnis jahrelanger Hetze, Ausgrenzung und Entmenschlichung“, sagte Alfons.
Die Reichspogromnacht setzte den Beginn eines beispiellosen Verbrechens – des größten Völkermords unserer Geschichte.
Alfons lenkte den Blick besonders auf die stillen Opfer, deren Schicksale Jahrzehnte lang kaum Beachtung fanden: Sinti und Roma, Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, darunter Opfer der sogenannten Euthanasie-Verbrechen, Homosexuelle, politisch Verfolgte und Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafterinnen und Christinnen, die Widerstand leisteten. Sie betonte, dass Rechtsextremismus und Hass heute neue Formen annehmen, und mahnte: „Erinnerung ist kein Ritual, sie ist eine Haltung, die sagt: Nie wieder darf Gleichgültigkeit Unrecht geschehen lassen.“
Die Kundgebung verband historisches Gedenken mit einer klaren Botschaft für die Gegenwart. Goldstein und Alfons riefen dazu auf, Zivilcourage zu zeigen, Mitgefühl zu leben und die Demokratie aktiv zu verteidigen.
Alfons mahnte, dass Diskriminierung oft leise beginne – mit Worten, einem Witz, Beleidigungen oder Schweigen – und dass das Engagement jedes Einzelnen zähle, um einer demokratischen, offenen und menschenfreundlichen Gesellschaft Geltung zu verschaffen.
Die Feier, getragen von Musik, stillen Momenten des Gedenkens und bewegenden Redebeiträgen, machte eindrücklich klar: Erinnerung ist mehr als Rückblick – sie ist das Gewissen der Zukunft. Solidarität, Vielfalt und Antifaschismus sind heute wie damals unverzichtbar für ein demokratisches Miteinander.