Mit Harald Tegtmeyer-Metzdorf geht ein Kinderarzt in Ruhestand, der in 25 Jahren in Lindau viele junge Patientinnen und Patienten betreut hat und auch bei den Eltern weithin bekannt ist. Er ist der einzige Kindermediziner, der in Lindau auch als Neurologe und Psychotherapeut praktizierte.
Kinderärztinnen und -ärzte werden überall dringend gesucht, wenn eine Praxis aufgegeben wird. Oft gibt es einfach keine Nachfolge. In der Praxis von Harald Tegtmeyer-Metzdorf sieht es anders aus: „Wir konnten unser Problem glücklicherweise intern lösen“, erzählt Tegtmeyer, der nun mit 70 Jahren in den Ruhestand geht. Seine Praxis in der Kemptener Straße in Lindau hat er bereits an seinen Sohn Max Metzdorf und dessen Kollegin Katharina Zumstein übergeben. Für den Vater ein gutes Gefühl, dass es weitergeht und keine Versorgungslücke bei der medizinischen Versorgung der Kinder entsteht.
Was das angeht, sei „Lindau noch eine Insel der Glückseligen“, beschreibt Harald Tegtmeyer-Metzdorf, die noch relativ gut funktionierende Versorgung mit Kinderärzten in Lindau. Im weiten Umkreis zwischen Lindau, Friedrichshafen, Markdorf und Meckenbeuren sei die Situation bei den Kinderarztpraxen weit schwieriger oder gar dramatisch.
Aber dennoch tut sich mit dem Ruhestand von Tegtmeyer Metzdorf ein Problem auf: Mit ihm hört der einzige Kinderarzt auf, der die Kleinen auch psychotherapeutisch behandeln kann.
Schon jetzt müssten Eltern von Kindern mit psychischen Erkrankungen mit langen Wartezeiten rechnen – auch im weiten Umkreis von Lindau sehe die Situation nicht besser aus, weil gerade die psychischen Erkrankungen bei Kindern zunehmen und eine schnelle Behandlung nötig sei, so der Arzt. Eltern müssten viel Geduld mitbringen und oft eben auch lange Wege in Kauf nehmen, wenn es um einen Termin bei Neurologen und Psychotherapeuten geht.
Psychologische Entwicklung von Kindern beobachten
„Kinder müssen gut versorgt werden“, sagt Tegtmeyer-Metzdorf, der in den vielen Jahren die Entwicklung seiner kleinen Patientinnen und Patienten sehr genau beobachtete. Seiner Ansicht nach sei es mit der medizinischen Versorgung alleine nicht immer getan, auch die psychologische Entwicklung der Heranwachsenden müsse mitbedacht und beobachtet werden. Dies ist auch der Grund, warum er neben seinem Medizin- auch ein Psychologiestudium absolvierte und damit die Kinder mit zwei unterschiedlichen Ansätzen behandeln konnte.
Impfsystem funktioniert
Die klassischen Kinderkrankheiten wie Keuchhusten, Masern und Windpocken seien nicht mehr das Problem, berichtet Tegtmeyer-Metzdorf. „Unser Impfsystem funktioniert ganz gut, das Vertrauen in die Impfungen ist auch bei den Eltern gewachsen.“ Aber: „Corona und die damit verbundenen Impf- und Isolationsmaßnahmen waren gerade für Kinder ein regelrechter Brandbeschleuniger für psychische Störungen.“ Viele Kinder hätten darunter schwer gelitten und die Auswirkungen seien bis heute zu spüren.
Hoher Medienkonsum bei Kindern
Auch gesellschaftliche Veränderungen wirken sich nach Ansicht des Mediziners auf die Entwicklung der Kinder aus. Tegtmeyer-Metzdorf verzeichnet bei den Kindern einen deutlich höheren Medienkonsum, weniger Aktivitäten in Vereinen, in Kultur und Sport. „Kinder zocken und chatten lieber, statt dass sie sich persönlich treffen.“
Die genannten Ursachen können nach Ansicht des Arztes durchaus Gründe dafür sein, dass es vermehrt zu psychischen Erkrankungen kommen kann. Entwicklungen und Störungen im psychologischen Bereich müssten die Mediziner sehr ernst nehmen. Gerade im Bereich der Neuropsychiatrie für Kinder und Jugendliche gebe es immer weniger Spezialisten, damit könne die Versorgung von chronisch kranken Kindern immer weniger gewährleistet werden, ist Tegtmeyer-Metzdorf überzeugt.
Extreme Wartezeiten in der Psychotherapie
Wenn Kinder an Autismus oder Epilepsie erkranken, mit Depressionen oder ADHS kämpfen, sei eine Behandlung schon im Anfangsstadium dringend notwendig. Und da beginne auch das Problem, weil es gerade in der Psychotherapie und Kinderneurologie speziell für Kinder auch in Lindau und in der Region mittlerweile extrem lange dauert, bis die Eltern einen Termin bekommen.
„Hier müssen wir mit einer deutlichen Unterversorgung leben“, stellt der Neurologe und Psychotherapeut fest. „Viele Praxen sind komplett überlastet. Wir haben bei diesen speziellen Fällen Wartezeiten von einem Jahr bis zu fast zwei Jahren – beispielsweise in Tübingen, Ravensburg und Memmingen“, berichtet der Mediziner und Psychologe. Dass sich dies auch in Lindau auswirke, sei absehbar. Ein Thema, das ihn sicher auch im Ruhestand weiter beschäftigen wird.
KVB sieht die Problematik nicht
Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) hält die Lage für nicht so problematisch. Der Versorgungsgrad liege in einem akzeptablen Bereich, schreibt Pressesprecher Stefan Berger. Lindau gehöre in der Bedarfsplanungsgruppe der Kinder- und Jugendpsychiater zum Allgäu. Dort liege der Versorgungsgrad bei 106,86 Prozent. Mit dem aktuellen Versorgungsgrad gelte der Planungsbereich als regelversorgt, so der Pressereferent.
Harald Tegtmeyer-Metzdorf geht dennoch mit gemischten Gefühlen in den Ruhestand. Er wolle sein Thema, die Unterversorgung bei psychischen Störungen, in jedem Fall weiterverfolgen und im Notfall helfen, wenn er gebraucht werde.