Dorothea Hagen, Maria Weber und Lisbeth Schneider haben die Zeit der französischen Besatzung in Lindau als Kinder miterlebt. 70 Jahre nach deren Ende haben sie und viele weitere Zeitzeugen in einem Erzählcafé von ihren Erfahrungen und Erinnerungen erzählt. Über ein Matratzenlager auf dem Hoyerberg, einen Laib Käse im Garten und mehr.
„Ich habe das Geräusch noch in den Ohren, wie die Panzer in die Friedrichshafener Straße rollten“, erzählt Dorothea Hagen. Zehn Jahre war sie damals erst alt. Doch an vieles aus der Zeit des Kriegsendes und der anschließenden elfjährigen Besatzung erinnert sie sich genau.
Hagen freut sich sichtlich, ihre Erinnerungen teilen zu können. Sie habe sogar extra noch alte Fotos studiert, um sich alles wieder ins Gedächtnis zu rufen, verrät ihre Tochter. Die beiden sind am Samstagnachmittag in das Deutsch-französische Erzählcafé im Bayrischen Hof auf der Lindauer Insel gekommen, um sich mit Interessierten und anderen Zeitzeugen auszutauschen.
Dorothea Hagen war beim Einmarsch der Franzosen nach Lindau zehn Jahre alt.
Alle ziehen in die Kegelbahn
Dorothea Hagen hat die Zeit der französischen Besatzung in Lindau, welche von 1945 bis 1956 dauerte, eher positiv in Erinnerung. Sie seien alle eher dankbar gewesen, dass es die Franzosen waren, die Lindau besetzten, sagt sie. Und das, obwohl ihre Familie ihr ganzes Haus, die Villa Elena in Bad Schachen, an die französischen Offiziere abgeben musste. Die ganze Verwandtschaft sei deshalb mit zehn Kindern in die Kegelbahn gezogen, welche ebenfalls in Familienbesitz war. Dort hätten sie den ganzen Sommer verbracht.
Trotzdem habe ihre Familie insgesamt Glück gehabt. Ihre Landwirtschaft habe sie vor dem schlimmsten Hunger bewahrt. Hagen erinnert sich an einen Besuch in die Schweiz aus dieser Zeit. Je ein Kind pro Familie durfte hinüber, um sich richtig satt zu essen. „Wir wurden dort richtig vollgestopft“, erinnert sie sich. Vielen Kindern sei sogar schlecht geworden, weil sie so viel Essen gar nicht gewohnt waren.
70 Jahre Ende der französischen Besatzung
70 Jahre ist es her, dass die Zeit der Besatzung durch die französische Armee im Landkreis Lindau endete. Um an diese Zeit zu erinnern und Zeitzeugen und Zeitzeuginnen die Möglichkeit zum Austausch zu bieten, hat der Verein Montgelas das Deutsch-französische Erzählcafé veranstaltet. Der Verein Montgelas beschäftigt sich mit der Förderung der bayrisch-französischen Zusammenarbeit.
Das Erzählcafé ist außerdem eine von verschiedenen Veranstaltungen, die bundesweit rund um den 22. Januar, den Deutsch-französischen Tag, stattfinden.
Emmentaler im Garten
Auch die 1937 in Niederstaufen geborene Maria Weber hat sich als Zeitzeugin angemeldet. Sie hat vor allem viele schöne Erinnerungen an die Besatzungszeit. Die erste Schokolade ihres Lebens habe sie von den Franzosen bekommen, erzählt sie lächelnd.
Maria Weber erinnert sich sehr positiv an die Franzosen.
„Wir hatten drei Franzosen bei uns einquartiert“, erzählt sie. Als diese auf ihrem kleinen Bauernhof ankamen, habe sie zunächst Angst gehabt. „Wir haben uns hinter den Heuballen versteckt“, sagt sie schmunzelnd. Auch Maria Weber musste mit ihrer Familie ihr Haus verlassen. Sie kamen in einem der Landwirtschaftsgebäude unter. Das Verhältnis zu den drei Franzosen sei jedoch sehr gut gewesen, diese hätten der Mutter sogar die Küche im Haus überlassen. Weber erzählt, dass sie sich von den Franzosen sehr beschützt gefühlt hätte.
Auch Webers Familie sei durch ihre Landwirtschaft größtenteils vom Hunger verschont geblieben. Ihr Hof war Mitglied in der Genossenschaft einer kleinen Sennerei. Weber erzählt, dass diese heimlich allen Käse an die Höfe verteilt hätte. Einen ganzen Laib Emmentaler habe ihre Familie bekommen, den sie im Garten vergraben hätten. Und so habe es, als ihnen dann Brot und Getreide ausgingen, eben Emmentaler mit Butter zu essen gegeben.
So positiv Weber die französischen Soldaten in Erinnerung hat, so unschön sind ihre Erinnerungen an die französisch-marokkanischen Soldaten. Immer wieder hätten diese den Hof geplündert. „Sie haben das Vieh einfach abgeknallt und mitgenommen“, erzählt sie. Sie habe Angst vor diesen fremden, dunkelhäutigen Menschen gehabt. „Sowas hatten wir schließlich vorher noch nie gesehen“, erklärt sie.
Suche nach dem marokkanischen Vater
Die Lindauerin Sylvia Hartung bringt eine andere Perspektive auf die marokkanischen Besatzungssoldaten mit ins Erzählcafé. Sie ist zwar selbst keine Zeitzeugin, ihr bereits verstorbene Ehemann war jedoch der Sohn eines marokkanischen Besatzungssoldaten. Sie berichtet von Rassismus und Diskriminierungserfahrungen, die sie aus zweiter Hand erlebt hat. Und sie erzählt von der schwierigen Suche ihres Mannes nach dem Vater. „Jedes Kind, jede Familie hat einen Anspruch darauf, seine Wurzeln zu kennen“, findet sie.
Sylvia Hartung erzählt von ihrem verstorbenen Ehemann.
Bei den Kindern der marokkanischen Soldaten sei das aufgrund fehlender Papiere und wenig Dokumentation oft fast unmöglich. Jedes Einzelschicksal sei da mit einer Tragödie behaftet, sagt Hartung.
Großes Interesse an den Geschichten
Viele unterschiedliche Perspektiven kommen am beim Erzählcafé zu Wort. Es sind mehr als hundert Menschen gekommen, angeregte Gespräche finden an allen Tischen statt. An jedem der runden Tische sitzen ein bis zwei Zeitzeugen, außerdem Schüler, Angehörige und Interessierte.
Die Schülerinnen und Schüler vom Valentin-Heider-Gymnasium in Lindau und vom Gymnasium Lindenberg haben Fragebögen für die Zeitzeugen vorbereitet. Doch die Geschichten und Anekdoten sprudeln auch so. So viel gibt es zu erzählen, dass die Zeit gar nicht dafür ausreicht – auch, weil die verschiedenen Begrüßungen und Einführungsreden fast die Häfte der veranschlagten drei Stunden einnahmen.
„Nie wieder Krieg“
Lisbeth Schneider erzählt, wie sie die Bombardierung von Lindau erlebt hat.
Lisbeth Schneider war erst fünf Jahre alt, als der Krieg endete. Trotzdem erinnert sie sich noch genau an eine Bombardierung und an die resignierten Worte ihres Vaters: „Jetzt ist es soweit“. Sie alle hätten Schutz in dem Elektrogeschäft ihrer Familie gesucht. „Der Himmel war rot, es war ganz furchtbar“, erzählt die 85-Jährige.
Auch die spätere dreitägige Räumung Lindaus hat Schneider erlebt. Alle mussten Lindau damals verlassen, ihre Familie kam am Hoyerberg unter. Vor allem an das große Matratzenlager dort, welches sie damals als kleines Mädchen ganz toll fand, erinnere sie sich noch. Als sie jedoch wieder zurück durften, war das Elektrogeschäft ihrer Eltern geplündert worden. Eines betont Lisbeth Schneider ganz ausdrücklich: „Nie wieder Krieg.“
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