Ein inklusives Wohnprojekt ermöglicht Menschen ein selbstbestimmtes Leben. Gleichzeitig offenbart es ein Problem: Genau solche Orte fehlen. Es scheitert schon am bezahlbaren Wohnraum.
Als Danny Klatt 2023 von seinem Vermieter eine fristlose Kündigung erhielt, stand er plötzlich vor dem Nichts. „Es gab einfach keine Wohnung für mich auf dem Markt“, sagt der Lindauer. Aus Verzweiflung suchte er auch in anderen Städten wie Leipzig – dort waren die Mieten zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise moderat. „Aber selbst dort wurde es inzwischen teuer.“ Ihm wurde bewusst: „Man ist nur ein oder zwei Schicksalsschläge von der Obdachlosigkeit entfernt.“
Danny Klatt arbeitete lange Zeit in einem Pharmaunternehmen, dann erlitt er einen Burnout – daraus entwickelten sich eine Depression und Angststörungen, wie er erzählt. Phasenweise blieb er viel zu Hause, zog sich sozial zurück. Inzwischen gehe es ihm besser, sagt er – arbeitsfähig sei er jedoch nicht mehr. Er bezieht heute Bürgergeld.
Danny Klatt hat lange nach einer Wohnung gesucht.
Die ausstehende Miete konnte er damals doch noch begleichen und die fristlose Kündigung wurde zurückgenommen. Doch klar war: Auf Dauer konnte er sich die Miete nicht leisten. Er brauchte dringend eine kleinere Wohnung, damit das Jobcenter die Kosten übernimmt. „Aber es gab einfach keine passende Wohnung, in die ich hätte ziehen können.“
Menschen mit psychischen Erkrankungen haben es besonders schwer, eine Wohnung zu finden, sagt Ilka Thurau von der Diakonie Allgäu. Die Sozialpädagogin ist für die Wohnungsnotfallhilfe im Kreis Lindau zuständig. Sie unterstützt Menschen, die obdachlos sind oder von Obdachlosigkeit bedroht sind.
Auch ältere Menschen, Alleinerziehende oder Menschen mit Migrationshintergrund seien betroffen, sagt sie.
Es sind die schwächsten Gruppen, die hinten runterfallen.
Vermieterinnen und Vermieter entschieden sich häufig gegen Menschen mit psychischen Erkrankungen, sagt sie. „Manchmal legen Menschen mit chronisch-psychischen Erkrankungen ein Verhalten an den Tag, das nicht allen gefällt.“
Dazu kommt: Die Menschen sind auf günstigen Wohnraum angewiesen. Grundsätzlich gebe es in Lindau aber zu wenig davon. „Auf jede bezahlbare Wohnung bewerben sich 100 Menschen“, schätzt Thurau.
Dass es zu wenige Wohnungen für Menschen mit niedrigem Einkommen und psychischen Erkrankungen gibt, hat auch die Stiftung Liebenau erkannt – dort dachte man schon 2015 über ein Wohnprojekt nach. Das Ganze zog sich etwas in die Länge, erzählt Angela Königer, die bei der Liebenau Teilhabe das Ambulante Wohnen leitet.
Vor etwa zwei Jahren begannen dann die Bauarbeiten in der Blaukreuzstraße in der Nähe des Lindauparks. Und vor wenigen Monaten wurde der Neubau fertiggestellt.
Das Haus in der Blaukreuzstraße hinter dem Lindaupark und nicht weit vom Bahnhof Reutin entfernt, ist seit einigen Monaten bezugsfertig.
Wie sieht das Konzept aus?
In sechs Wohneinheiten bietet die Teilhabe der Stiftung Liebenau dort ambulantes Wohnen an. Gedacht sind die Wohnungen für Erwachsene, die eine besondere Begleitung brauchen. Also Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung, mit Assistenzbedarf oder einer psychischen Erkrankung. Die Nachfrage bei der Vergabe der Wohnungen sei groß gewesen, sagt Königer. „Wir hatten viele Bewerber.“
Der andere, größere Teil der Wohnungen ist auf dem freien Wohnungsmarkt verfügbar, erste Mieter sind auch dort schon eingezogen. „Dadurch soll ein Miteinander entstehen und wir fördern Inklusion“, sagt Angela Königer. Es werden ab und zu auch Veranstaltungen im Gemeinschaftsraum des Hauses wie Spieleabende angeboten.
Angela Königer leitet die ambulanten Dienste bei der Teilhabe der Stiftung Liebenau.
Danny Klatt hatte Glück: Von den vielen Bewerbern wurde er ausgewählt und bekam eine Wohnung. Nachdem er länger gesucht hatte, hat ihm sein gesetzlicher Betreuer das Projekt vorgeschlagen – und es klappte. Vor wenigen Monaten ist er eingezogen.
Dass er hier ambulant betreut wird, sei für ihn neu – aber es helfe ihm sehr, wieder mehr Struktur in seinem Leben zu haben, sagt er.
Viele Alternativen hatte er nicht. Im Lindauer Rainhaus der Lebenshilfe war kein Platz mehr frei. Auch dort findet inklusives Wohnen statt. Menschen mit Behinderung und Personen, die Bedarf an günstigem Wohnraum haben, leben unter einem Dach.
Wohnprojekt hat sich anders entwickelt als gedacht
Es gibt in Lindau einfach zu wenige solcher Angebote, sagt Königer. Ursprünglich sei das Wohnprojekt nur für Menschen mit psychischen Erkrankungen gedacht gewesen. Als die Wohnungen aber fertig waren und Mieterinnen und Mieter gesucht wurden, stellte sich heraus: Der Bedarf bei jungen Menschen mit Behinderung, die aus ihrem Elternhaus ausziehen wollen, ist mindestens genauso groß.
Von solchen Familien kamen viele Bewerbungen an. „Manche Familien fragten schon an, bevor die Kinder überhaupt 18 sind“, sagt Königer. Viele suchten ein familiäres Umfeld – und fänden Sicherheit darin, dass im Haus der Liebenau stets jemand ansprechbar ist.
Ähnlich war es bei Familie Seeberger. Schon länger zu Hause ausziehen wollte Rosa Seeberger. Die 21-Jährige lebt mit Trisomie 21 und hat diesen Wunsch schon vor Jahren manifestiert, erzählt sie. In ein Wohnheim einziehen wollte sie nicht.
Rosa Seeberger ist froh, dass sie mit 22 Jahren zu Hause ausziehen konnte.
„Ich möchte selbstständig sein“, sagt sie. Unterstützung braucht sie nur bei manchen Alltagsaufgaben – etwa beim Waschen, Einkaufen oder beim Umgang mit Geld. Das Wohnprojekt in der Blaukreuzstraße kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Eine Alternative hätte es kaum gegeben.
Wenn der Bedarf so groß ist, wieso gibt es nicht mehr solcher Möglichkeiten? „Mehr als die sechs Wohnungen habe die Liebenau Teilhabe in diesem Gebäude nicht übernehmen können“, sagt Königer. „Das hätte uns überfordert.“ Der Bedarf sei jedoch größer.
Ob das Ganze also nur ein Tropfen auf den heißen Stein sei? „Ich denke, wir schaffen es nur in kleinen Schritten“, sagt Ilka Thurau von der Wohnungsnotfallhilfe. Besonders Projekte, die Menschen integrieren statt ausschließen, seien wichtig. „So viele Menschen werden ausgeschlossen und können nicht mehr richtig an der Gesellschaft teilnehmen.“
Danny Klatt ist jedenfalls erleichtert. „Ein unbefristeter Mietvertrag gibt mir Sicherheit“, sagt er. Seit Langem, erzählt er, blühe er wieder auf. „Und alles andere kommt mit der Zeit.“
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