Endlich nicht mehr austauschbar: Anne-Sophie Seidler macht ihr Ehrenamt zum Hauptberuf

Anna-Sophie Seidler
Anne-Sophie Seidler
Foto: Alisa Hensel

Dankbarkeit, Lachen, Wertschätzung – Das sind drei Dinge, die Anne-Sophie Seidler mit ihrem Engagement im Alten- und Pflegeheim Maria-Martha-Stift verbindet, und weshalb sie ihre Karriere im Online-Marketing an den Nagel hängte. In unserer Ehrenamtsserie bieten wir den Menschen eine Bühne, die sich mit Herzblut für andere einsetzen.

Draußen ist es warm. Vor dem Alten- und Pflegeheim Maria-Martha-Stift fährt eine ältere Dame gemeinsam mit ihrer Begleitung auf einem Tandemfahrrad am Seeufer. Weitere Senioren schlendern zufrieden die Wege entlang. 

Trotz des guten Wetters sitzen einige Bewohnerinnen drinnen in einem Kreis zusammen. Sie strahlen, als Anne-Sophie Seidler den Raum betritt. Sie stellt einen Stapel Kisten vor sich ab, begrüßt die Seniorinnen herzlich. Eine von ihnen erzählt freudig, wie der bisherige Tag verlief. 

Dann fängt Anne-Sophie Seidler mit ihrem „Aufwärmprogramm“ an: Spanische Musik läuft. Alle nicken sich wiederholt zu. Sie klopfen Arme, Beine und Gesicht ab. 

Seit März engagiert sich Anne-Sophie Seidler einen Nachmittag pro Woche ehrenamtlich beim Maria-Martha-Stift. „Ich wollte immer schon Menschen helfen“, sagt sie.

Ein kompletter Karrierewechsel

Beruflich war sie eigentlich als Übersetzerin und im Online-Marketing tätig.

Ich habe nichts hinterlassen, ich war austauschbar. Das war Quatsch.

, schließt die Ehrenamtliche nun.

Die Arbeit mit den Heimbewohnern macht ihr so viel Spaß, dass sie sich entschloss, einen kompletten Karrierewechsel zu wagen. Nach nur drei Monaten Ehrenamt kündigte Anne-Sophie Seidler ihren Job und ließ sich zur Alltagsbegleiterin ausbilden – ein Beruf, bei dem sie nicht für die hygienische Pflege der Anwohnenden zuständig ist, und den sie über mehrere Monate hinweg online erlernen konnte.

Spiele gegen Einsamkeit

Grund für ihr erstmaliges Interesse an ehrenamtlicher Arbeit war unter anderem das Älterwerden ihrer Kinder. In der ungewohnten freien Zeit beschäftigte sie sich zunehmend mit dem Thema Einsamkeit.

Es gibt Menschen, die wirklich niemand anderen haben.

Daran wollte sie etwas ändern. 

Wusste sie ursprünglich noch nicht genau, wie genau ihr Engagement aussehen sollte, stieß sie durch Zufall in den sozialen Medien auf einen Mann, der Geschicklichkeitsspiele in Altersheimen anbietet. „Ich wusste dann sofort, das will ich auch machen“, sagt sie.

Über eine Freiwilligenbörse wurde sie auf das Alten- und Pflegeheim aufmerksam. Nach einer Anfrage stieß ihre Idee dort auf Begeisterung. 

Luftballons, Wurfringe, Tischtennisbälle und Eierkartons

Mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Heims veranstaltet sie Gruppensitzungen im Gemeinschaftsraum. Alle, die können und wollen, sind herzlich eingeladen.

Gemeinsam spielen sie diverse Geschicklichkeitsspiele mit Luftballons, Wurfringen, Tischtennisbällen und Eierkartons.

Titel
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Die Senioren und Seniorinnen freuen sich schon sehr auf Anne-Sophie Seidlers Besuch. Sie schwärmen von den unterschiedlichen Spielideen, sie lachen und klatschen zur Musik.

Im Austausch mit den Menschen kommen ihre individuellen Charaktereigenschaften nach wie vor zum Vorschein, merkt Anne-Sophie Seidler an. Auch im Spiel sieht man etwa den Ehrgeiz, wenn die Bälle in die Eierkartons gezielt werden. Oder den Schelm, wenn die die Schaumstoffschläger von der Sitznachbarin stibitzt werden.

Manche sähen in den Menschen allerdings nur noch das Alter, das findet sie schade.

Sie waren wie ich und sie. Es gibt einen Mensch, eine Seele dahinter.

, sagt sie. „Es gibt Bewohner, die verlassen ihr Zimmer kaum“, sagt sie. Auch zu ihnen sucht Anne-Sophie Seidler den Kontakt. Sie klopft spontan an ihre Türen und leistet ihnen Gesellschaft. Viele freuen sich über ihr offenes Ohr.

Drei Begegnungen, die bleiben

Gerne stellt sie sich ihre Gegenüber in ihrer Jugend und Erwachsenenzeit vor. Ein Bewohner zeigte ihr einmal Fotos von sich, als er noch ein junger Mann war. Das prägte sie sehr. Auch zwei weitere Menschen bleiben ihr in Erinnerung: An ihrem ersten Tag im Heim wurde sie unerwartet beauftragt, einen älteren Mann kurz bei Kaffee und Kuchen zu betreuen. War er zu Beginn noch ein wenig deprimiert, merkte sie, wie sehr ihn ihre Anwesenheit erfreute.

Nach einer anderen Begegnung mit einer älteren Frau wiederum blieben ihr vor allem deren Worte in Erinnerung: „Es gibt doch noch ein Licht am Ende des Tunnels. Kommen Sie wieder.“

Die drei Erlebnisse bestätigen Anne-Sophie Seidler in ihrem Engagement. Sie haben ihr verdeutlicht:

Mein Tag hat etwas genützt.

Vom Marketing zur Alltagsbegleitung

Welche Eigenschaften in der Arbeit mit älteren Menschen von Vorteil sind? Oft bringe man bei Interesse bereits vieles mit sich, sagt Anne-Sophie Seidler. Das seien bei ihr etwa Empathie oder Geduld.

Dass sie im Altenheim notwendigerweise auch mit dem Tod liebgewonnener Menschen konfrontiert wird, geht ihr nahe. Aber die Freunde und Abwechslung, die sie den Menschen schenken kann, überwiegen.

Im September wird sie eine bezahlte Stelle beim Maria-Martha-Stift übernehmen. Nach den aktuellen Umbauten kann das Heim zudem bald schon weitere Bewohnerinnen und Bewohner aufnehmen. Ihre Hilfe sowie die weiterer Ehrenamtlicher und zusätzliches Personal werden dadurch umso essenzieller. 

Der erste Schritt lohnt sich

Vor Aufnahme ihres Ehrenamts war Anne-Sophie Seidler selbst noch nie im Altersheim gewesen. Gerade zu Beginn war das ungewohnte Umfeld ein wenig befremdlich, berichtet sie.

Warum sich der erste Schritt dennoch lohnt und wie schnell sich ihre Berührungsängste gelegt haben, erklärt sie persönlich:

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Weitere Informationen

Dieser Beitrag ist Teil der Kolumna-Ehrenamtsserie:

Hier wollen wir Menschen eine Bühne bieten, die sich mit Herzblut für unsere Gesellschaft einsetzen – sei es im Sport, in der Kultur, im sozialen Bereich oder anderswo. Wir möchten ihren Einsatz sichtbar machen und die Geschichten hinter dem Engagement erzählen.

Die Menschen, die hier vorgestellt werden, wurden von Kolumna-Leserinnen und -Lesern vorgeschlagen. Wir freuen uns über weitere Ideen! Gerne an redaktion@kolumna.org

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