Der Wohnmobilstellplatz und die Sorge vor dem Verkehrschaos

Ein Foto von Obstplantagen, einer gerodeten Fläche, dem Bodensee und Häusern.
Die Fläche, auf der der Wohnmobilstellplatz entstehen soll, ist bereits vorbereitet. Foto: Christian Flemming

Alexandra und Stefan Hanser planen auf ihrem Hof einen Reitstall mit Reithalle und Veterinärpraxis, daneben soll ein Wohnmobilstellplatz entstehen. Doch dagegen formiert sich Widerstand. Was dahinter steckt – und wie der Stand des Projekts ist.

Ein paar Pferde genießen die ersten Sonnenstrahlen im Offenstall, zwei Urlauber schwingen sich auf ihre Fahrräder und radeln an ihnen vorbei vom Hof. Auf dem Grundstück der Familie Hanser ist es an diesem Morgen ruhig. Von dem Ärger rund um ihr geplantes Bauprojekt ist hier draußen nichts zu spüren.

Drin, am Küchentisch bei einer Tasse Kaffee, ärgern sich Stefan und Alexandra Hanser dann doch ein kleines bisschen. Über die Unterschriftenliste, die bei der Gemeinde abgegeben wurde. Und die Online-Petition, an der sich auch jede Menge Menschen beteiligt hätten, die gar nicht in der Region leben.

„Man kann doch mit uns sprechen“, sagt Alexandra Hanser. Doch das täten nur die Nachbarn, die ihr Projekt gut finden. „Von den Kritikern ist noch kein einziger auf uns zugekommen.“ 

Die Hansers haben auf ihrem idyllisch gelegenen Hof am Ortsrand von Wasserburg viel vor. Sie möchten dort eine Reitsportanlage mit Pferdestall, Reithalle und Tierarztpraxis bauen. Daneben ist ein Wohnmobilstellplatz geplant. Die Fläche dafür ist vorbereitet: Die Obstbäume, die dort bis vor Kurzem noch standen, sind bereits gefällt.

Haupteinnahmequelle sind Edelbrände und Feriengäste

Reitsportanlage und Veterinärpraxis bauen Alexandra und Stefan Hanser für ihre Kinder. Tochter Carla ist erfolgreiche Vielseitigkeitsreiterin und möchte sich in Zukunft auf die Ausbildung von Pferden spezialisieren. Sohn Marius studiert Tiermedizin mit Schwerpunkt Pferd.

Eine Ehepaar sitzt nebeneinander
Stefan und Alexandra Hanser wollen eine Reitsportanlage und einen Wohnmobilstellplatz bauen.
Foto: Julia Baumann-Scheyer

„Der Wohnmobilstellplatz ist für uns auch eine Investition in die Zukunft“, sagt Alexandra Hanser. Haupteinnahmequelle der Familie sind neben Edelbränden vor allem Feriengäste. „Allein mit dem klassischen Obstbau verdient man heute kein Geld mehr“, sagt Stefan Hanser. „Bei immer mehr Bauern liegen Flächen brach, die keiner mehr will.“ 

Die Idee, künftig Wohnmobile auf seinem Grundstück zu beherbergen, hatte Stefan Hanser, der für die CSU im Wasserburger Gemeinderat sitzt, schon vor drei oder vier Jahren. Als die Verwaltung ihren Flächennutzungsplan ausarbeitete, konnten sich Bürgerinnen und Bürger beteiligen. „Außer uns hat keiner einen Antrag für einen Wohnmobilstellplatz eingebracht“, sagt er.

Wasserburgs Bürgermeister Harald Voigt bestätigt das. Trotzdem seien vonseiten der Gemeinde auch alternative Standorte geprüft worden. Insgesamt sieben Stück, unter anderem in Hege, Hattnau, beim Freibad „Aquamarin“ und im Birkenried.

Sie waren alle ungeeignet,

sagt Voigt.

Allerdings war es auch nicht einfach, auf dem Grundstück der Hansers den richtigen Ort für den Stellplatz zu finden. Zweimal musste er in den Plänen versetzt werden, bis das Landratsamt zufrieden war. Jetzt verschwindet der Platz von der Straße aus betrachtet hinter einer Kuppe.

Mittlerweile ist der Flächennutzungsplan für das „Sondergebiet Wohnmobilstellplatz und Reitsportanlage“ beschlossen und von der Behörde genehmigt.

Verschiedene Stellungnahmen bei der Gemeinde eingegangen

Seit einiger Zeit regt sich allerdings Widerstand gegen das Vorhaben, und zwar gleich von mehreren Seiten: Knapp 730 Menschen haben sich an der Online-Petition gegen Reitanlage und Wohnmobilstellplatz beteiligt. Auf einer Unterschriftenliste, die bei der Gemeindeverwaltung abgegeben wurde, stehen knapp 50 Namen.  

Aktuell läuft das Verfahren für den Bebauungsplan. Der ist Voraussetzung für eine Baugenehmigung. Behörden, Institutionen und Bürger können sich an dem Verfahren beteiligen. Ein erster Entwurf des Plans lag bis Ende März im Wasserburger Rathaus aus. 

Insgesamt sind laut Bürgermeister Voigt neun Stellungnahmen eingegangen. Darunter ist neben dem Bund Naturschutz auch eine Gruppe, die sich selbst als Interessengemeinschaft bezeichnet und sich eigenen Angaben zufolge aus 20 Mitstreiterinnen und Mitstreitern zusammensetzt. 

Die Menschen aus Wasserburg und Lindau haben sich zusammengetan, um das Projekt der Hansers zu verhindern. Wenn notwendig, dann auch „auf einem langen und teuren Rechtsweg“, wie sie schreiben. Die Initiatoren wollen anonym bleiben, Kolumna liegen die Namen vor. 

Die Kritikpunkte, die von Unterstützern der Online-Petition und Unterschriftenliste, der Interessengemeinschaft und dem Bund Naturschutz vorgetragen werden, decken sich zum großen Teil. 

„Durch die Planung verliert Wasserburg touristisch attraktive Landschaftsbestandteile, die sich durch unzerschnittene und unbebaute Grünflächen auszeichnen“, schreibt der Bund Naturschutz, der auch in den geplanten Gebäuden, zum Beispiel für die Reithalle, eine Beeinträchtigung der Landschaft sieht. 

Die Naturschützer sowie die Interessengemeinschaft kritisieren zudem, dass ein konkretes Konzept für Regenrückhaltebecken fehle, die aber notwendig seien und zusätzlich Flächen verbrauchten. In der Online-Petition wird zudem das „Missverhältnis von Tourismus und Bedürfnissen der Bewohner“, das in Wasserburg mittlerweile herrsche, moniert. 

Großer Knackpunkt ist allerdings der Verkehr. Und da reihen sich auch die Gemeinde Bodolz und die Stadt Lindau in den Kreis der Kritiker ein.

Um zum Hof der Hansers zu kommen, gibt es für Wohnmobile und Pferdetransporter nur zwei Möglichkeiten: Über den Bodolzer Ortsteil Enzisweiler und die Schachener Straße (in der Karte rot) oder über den Wasserburger Ortskern (in der Karte orange).

Ihr könnt die Karte vergrößern, indem ihr auf die Pfeile klickt oder am Handy reinzoomt. 

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Zufahrt Wohnmobilstellplatz von Julia Baumann

Der Bodolzer Bürgermeister Felix Eisenbach hält die Zufahrt über Enzisweiler und Bad Schachen für „sehr problematisch“, wie er schreibt. Weil die Strecke vor allem in den Sommermonaten stark frequentiert und zudem die einzige Zufahrt für große Feuerwehrfahrzeuge sei, die aus Richtung Lindau kommen. 

Die Stadt Lindau begrüßt „legale Wohnmobilabstellmöglichkeiten“ in Seenähe zwar grundsätzlich, wie Sprecherin Bettina Wind schreibt. Denn die Straßenverkehrsbehörde habe in den vergangenen Jahren vermehrt mit illegal abgestellten Wohnmobilen in Lindauer Wohngebieten zu kämpfen. 

Allerdings erhöhe vor allem der zusätzliche Schwerlastverkehr das Unfallpotenzial in der Schachener Straße, die erst vor zwei Jahren zur Fahrradstraße umgebaut wurde. Dort sind im Sommer täglich tausende Radfahrer unterwegs. 

„Größere Wohnmobile und Pferdegespanne brauchen deutlich mehr Platz, insbesondere beim Einfahren und Abbiegen“, schreibt Wind. 

Durch ihre Bauart hätten sie zudem ein eingeschränktes Sichtfeld, vor allem bei Gegenverkehr werde ein sicheres Überholen der Radler nicht möglich sein. 

Dieses Problem sieht die Stadt in dem Verkehrsgutachten nicht genügend beachtet, das Stefan Hanser in der Zwischenzeit erstellen lassen hat. 

Dieses Gutachten geht von einem „Worst-Case-Szenario“ aus und rechnet in der Hochsaison mit einer Belegung von 100 Prozent und 50 Wohnmobilplätzen. Geplant sind laut Hanser maximal 45 bis 50 Plätze. 

Den Ergebnissen des Gutachtens zu Folge wäre der zusätzliche Verkehr für die Straßen kein Problem. Selbst an den fünf Turniertagen nicht, die die Hansers in ihre Planungen aufgenommen haben und an denen bis zu 60 Mal am Tag ein Pferdeanhänger an- oder abfahren würde. 

Mit welchen Zahlen das Gutachten rechnet, habe ich euch in einer Tabelle veranschaulicht (zum Vergrößern klicken). 

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Fahrten im Schnitt von Julia Baumann

Auch der Bund Naturschutz und die Interessengemeinschaft kritisieren das Gutachten. „Im Gutachten wird nicht einmal das Wort Radweg oder Fahrrad überhaupt erwähnt“, schreibt die Interessengemeinschaft. Zudem würde ignoriert, dass die betroffenen Straßen auch Schulwege seien.

Die Schlussfolgerung des Gutachtens, dass der zusätzliche Verkehr kein Problem sei, widerspreche „allen Erfahrungen der hier wohnenden Menschen“, schreibt die Interessengemeinschaft. Auch die Verwaltung bemühe sich seit Jahren darum, den Verkehr vom See fernzuhalten. 

Was die Turniere anbelangt, könnten sich Alexandra und Stefan Hanser einen Kompromiss vorstellen. Zwar handle es sich bei diesen Turnieren entgegen mancher Gerüchte nicht um internationale Wettkämpfe, versichert Alexandra Hanser. „Die Idee war, kleine, regionale Turniere für die Jugend zu veranstalten.“ 

Aber wenn es vom Gemeinderat gewünscht sei, dann würden sie auf einen Teil dieser Turniere verzichten. Abgesehen von den Turnieren seien auch in Zukunft nicht viele Pferdetransporter zum Hof der Hansers unterwegs: Berittpferde würden einmal gebracht und bleiben dann einige Wochen, erklärt Alexandra Hanser. Ihr Sohn und angehender Tierarzt werde später viel zu anderen Höfen fahren. 

Wie geht es jetzt weiter?

Der Wasserburger Gemeinderat wird sich laut Bürgermeister Voigt frühestens im Mai, vielleicht auch erst im Juni wieder mit dem Bebauungsplan samt Stellungnahmen befassen. 

Bislang hatte der Großteil des Gremiums den Stellplatz befürwortet – auch wenn Wasserburg selbst kein großes Problem mehr mit Wildcampern habe, seit die Verkehrsüberwachung diese konsequent kontrolliere, wie Voigt sagt. 

Der Bürgermeister sieht in dem geplanten Wohnmobilstellplatz vielmehr eine „Aufwertung“ des „großen Wirtschaftsfaktors“ Tourismus. „In dieser Form und Qualität gibt es in der Region keinen Stellplatz“, sagt Voigt. Der Platz sei eine wichtige Ergänzung zu den bestehenden Campingplätzen. 

Die Verkehrssorgen der Nachbarorte seien unbegründet. Vergangenes Jahr noch hatte eine Formulierung für Aufregung gesorgt, in der es so klang, als sollten die Wohnmobile und Pferdetransporter ausschließlich über Bodolz und Lindau anreisen. Laut Voigt war das ein Fehler des Planungsbüros. 

Jetzt sagt der Wasserburger Bürgermeister: „Wir wünschen eine Zufahrt über unsere Gemeinde.“ Die Familie Hanser solle ihre Gäste am besten schon bei der Buchung darauf hinweisen, dass sie über Wasserburg anfahren sollen. Wie gut sich Verkehrsströme in Zeiten von Navigationssystemen und Google Maps überhaupt steuern lassen, bleibt abzuwarten. 

Die Stadt Lindau hat jedenfalls schon Konsequenzen angekündigt, sollte es in der Fahrradstraße zu einer erhöhten Unfallgefahr durch Wohnmobile oder Pferdetransporter kommen. 

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch, ein Blatt Papier vor sich.
Harald Voigt, Bürgermeister von Wasserburg.

Verkehrsbeschränkungen könnten allerdings erst geprüft und umgesetzt werden, wenn sich „zu gegebener Zeit konkrete Gefahrenlagen ergeben“, schreibt Sprecherin Bettina Wind.

Was tut die Gemeinde, um die Situation zu befrieden? 

Für ihn sei der Protest überhaupt nicht greifbar, sagt Bürgermeister Harald Voigt. „Persönlich werde ich darauf ganz selten angesprochen“, sagt er. 

Die Kritiker unter den Anwohnern blieben zum großen Teil anonym, die Online-Petition hätten ohnehin Menschen aus ganz Deutschland unterschrieben, die oft überhaupt nicht betroffen seien. „Im Dorf ist das alles kein großes Thema.“ 

Von ihren direkten Nachbarn bekämen sie viel Zuspruch, erzählen Alexandra und Stefan Hanser. Die Kritik können sie nicht ganz nachvollziehen. „Ich finde es schade, dass man nicht ein bisschen was in Kauf nimmt“, sagt Stefan Hanser. 

Wenn der Bebauungsplan in den kommenden Monaten vom Gemeinderat beschlossen wird und Hansers ihre Genehmigung bekommen, dann möchten sie Ende des Jahres mit dem Bau ihres Wohnmobilstellplatzes beginnen – und ihn schon zur Saison 2026 eröffnen. 

Es soll ein schöner Stellplatz werden, sagt Stefan Hanser, mit viel Grün drum herum und Rasengittern, auf denen die Wohnmobile stehen. „Bei uns wird nichts zugepflastert.“ Das Technikgebäude bekommt ein Flachdach mit Photovoltaik, versorgen sollen sich die Wohnmobilisten an einem Automat mit regionalen Produkten. 

Die Interessensgemeinschaft hat sich bereits einen Anwalt genommen. Wenn der Bebauungsplan beschlossen wird, will sie gegen das Projekt klagen. 

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