Schwerverletzt für einen Tag: Mathilda und Matthäus Reichart sowie die Darstellerinnen und Darsteller sind Teil der Spezialeffekte-Gruppe beim Roten Kreuz.
Mit Kunstblut und Schauspiel sorgt eine Gruppe junger Menschen für Schockmomente – das ist gewollt. Wie die erste und einzige Notfalldarstellung im Kreis Lindau funktioniert, zeigt ein Kurs beim Club Vaudeville. Achtung, hier wird’s blutig.
Blut tropft auf den Asphalt. Die Frau hält sich die Hand, krümmt sich und schreit vor Schmerz. Ein Finger fehlt zur Hälfte – der abgerissene Teil steckt im Absperrgitter hinter ihr. Neben ihr sitzt ein junger Mann, zitternd, mit Glassplittern in den Händen. Er schluchzt. Rauch steigt in die Luft, überall Schreie, Verletzte rufen um Hilfe.
Was sich auf dem Parkplatz vor dem Club Vaudeville abspielt, ist nicht echt – wirkt aber erschreckend real. Genau diesen Eindruck wollen die Darstellerinnen und Darsteller erzielen. Die zwölf jungen Frauen und Männer sind Teil der Notfalldarstellung des Roten Kreuzes im Kreis Lindau und inszenieren ein Open-Air-Festival vor dem Club, bei dem es zum Notfall kommt.
Die Fotos geben einen Einblick in die Übung:
Diese Notfalldarstellerin spielt eine schlimme Verletzung am Finger.
Mathilda Reichart simuliert eine Verletzung am Kopf.
Die Szene hat Johannes Grundmann zusammengestellt, der die Gruppe leitet. Die Idee: Bei einem Festival mit vielen Besucherinnen und Besuchern zückte ein junger Mann ein Pfefferspray und sprühte es einem anderen in die Augen. Dann rannte er weg und sorgte für Aufruhr auf dem Gelände, Panik brach aus. Die Gäste strömten in unterschiedliche Richtungen, manche blieben dabei an Zäunen hängen oder stürzten.
15 Stunden haben Grundmann und sein Team in die Vorbereitung gesteckt – vom Entwurf der Szenerie über die Planung der Verletzungen bis hin zum Make-up, das alles realistisch wirken lässt.
Johannes Grundmann (rechts) leitet den Fachbereich Notfalldarstellung beim Kreisverband Lindau des Bayerischen Roten Kreuzes.
Aber wozu das alles?
Die blutige Szenerie vor dem Club Vaudeville ist kein makabres Schauspiel, sondern Teil eines Erste-Hilfe-Kurses, der an diesem Tag im Club Vaudeville stattfindet. Während im Inneren des Clubs Vereinsmitglieder Herzdruckmassage, stabile Seitenlage und Druckverbände übten, wurde nebenan geschminkt und modelliert. Davon wussten die Kursteilnehmer nichts.
Mathilda Reichart wird von ihrer Freundin geschminkt.Anke Fehnle von der Notfalldarstellungsgruppe modelliert Glasscherben in Händen.Amelie Kühn simuliert eine schlimme Verletzung am Hals.
Es spritzte Kunstblut, Wasser wurde als Schweiß auf die Stirn getupft, Wunden und hervorstehende Knochen geformt. Eine Frau bekam den Finger abgebunden. Anschließend wurde Farbe und Modelliermasse aufgetragen – später sollen die Ersthelfer hier lernen, wie man bei einer drohenden Fingeramputation richtig reagiert. Ein junger Mann erhält künstliche Glassplitter in die Hände.
Hier wird ein abgerissener Finger modelliert.
Das Ziel: eine Übung, die so echt wirkt, dass sie Ersthelferinnen und Ersthelfer an ihre Grenzen bringt – und ihnen das abverlangt, was im Ernstfall zählt.
Wir machen das für die mentale Unterstützung
, sagt Johannes Grundmann.
So können die Teilnehmenden aus dem Erste-Hilfe-Kurs im echten Notfall auf eine Erfahrung zurückgreifen. Die Simulation helfe Einsatzkräften und Helfenden, ruhig zu bleiben und die psychische Belastung zu stärken. „In einer Notfallsituation sollen Ersthelfer nicht in Schockstarre verfallen.“
Die erste Gruppe ihrer Art im Kreis
Angesiedelt beim Jugendrotkreuz, unterstützt das Team um Johannes Grundmann Übungsleitungen von der Planung bis zur Durchführung von Notfalltrainings. Bei einer großen Übung in der Asklepios-Klinik letztes Jahr war die Gruppe beispielsweise bereits im Einsatz, und auch bei der Großübung im Landkreis mit mehr als 500 Einsatzkräften am vergangenen Wochenende. „So können auch Rettungskonzepte realistisch geübt werden“, sagt Grundmann.
Fast jede Erkrankung und Verletzung kann das Team täuschend echt darstellen. Grundmann hat sich dafür eingelesen, mit anderen Fachleuten ausgetauscht und bringt eigene Erfahrungen von seinem Amt bei der Wasserburger Feuerwehr und dem Technischen Hilfswerk mit. Andere Mitglieder stammen aus der Krisenintervention, der Wasserwacht oder aus Jugendgruppen – ein vielfältiges Team also. „Das ist unser Vorteil, wenn uns verschiedene Rettungsorganisationen anfragen“, sagt Grundmann.
Gruppe sucht Verstärkung
Bisher lief die Notfalldarstellung eher unter dem Radar. Jetzt will die Gruppe bekannter werden – und neue Mitglieder gewinnen. „Wir haben uns mittlerweile gut eingespielt und kooperieren mit ähnlichen Gruppen in Ravensburg und Augsburg“, erklärt Grundmann. Trotzdem sucht das Team Verstärkung. „Mitmachen kann jede und jeder.“
Einmal im Monat trifft sich die Gruppe zu einem Themenabend. Dann geht es um Schminktechniken, Schauspieltraining und medizinisches Wissen.
Anke Fehnle ist schon lange beim Roten Kreuz, seit Kurzem auch bei der Gruppe für Spezialeffekte. Ihre Motivation? Sie kennt Situationen, in denen Leute einfach an jemandem, der auf dem Boden lag, vorbeigegangen sind. „Weil sie dachten, der ist einfach nur betrunken.“
„Für mich war die Ignoranz der Leute schlimm, die im Ernstfall nichts tun“, erzählt eine andere Notfalldarstellerin. Sie erinnert sich an einen Autounfall, bei dem minutenlang niemand reagiert hat. „Ich glaube, viele trauen sich auch oft nicht, etwas zu tun.“ Da möchte sie entgegenwirken.
Szenen werden realistisch dargestellt
Als die Übung startet, sind alle in ihrer Rolle. Sie schreien, wimmern, halten sich die Hand oder liegen reglos auf dem Boden. Ein junger Mann reibt sich die Augen – er soll das Pfefferspray abbekommen haben.
Dann kommen die Ersthelferinnen und Ersthelfer auf den Parkplatz. Sie teilen sich in Zweiergruppen auf – so wie sie es gelernt haben – und kümmern sich um die verletzten Personen, sprechen ihnen gut zu und fragen, was passiert ist.
Wenn ihr auf Play klickt, könnt ihr euch das Video anschauen:
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Einige holen Erste-Hilfe-Koffer, packen Mullbinden und Wärmedecken aus, während ein Mann den Notruf absetzt. Die Darstellerinnen und Darsteller reagieren echt, aber nie übertrieben – so, wie es auch im Ernstfall sein könnte.
Die Darsteller sind voll in ihrer Rolle.
Nach etwa einer Viertelstunde ist die Situation vorbei. „Häufig dauert es zwölf bis 15 Minuten, bis der Rettungswagen am Unfallort eintrifft“, erklärt Grundmann. „Genau diese Zeit wollen wir realistisch darstellen.“
Sowohl die Darsteller als auch die Ersthelfer sind erschöpft. „Das schockiert einen, wenn man zur Situation kommt und nicht weiß, was passiert ist“, sagt ein Teilnehmer des Erste-Hilfe-Kurses in der Nachbesprechung. „Das war die komplette Überforderung.“
Ich wurde aus der Komfortzone gelockt
, sagt ein anderer.
Johannes Grundmann und Ragnhild Reichart, die den Erste-Hilfe-Kurs geleitet hat, sind zufrieden mit der Gruppe. „Ihr habt im Großen und Ganzen richtig gut reagiert“, sagt Ragnhild Reichart. Bei der Übung sei bewusst mehr Kunstblut eingesetzt worden als üblich – „für den Trainingseffekt“, erklärt sie.
Eine andere Teilnehmerin stellte fest, dass man manches ohne die Simulation nie üben würde. „Wie das Öffnen einer Mullkompresse mit einer Hand.“
Eine Frau war schon einmal bei einer Notfalldarstellung dabei – kurz danach sei sie Ersthelferin bei einem echten Unfall gewesen. „Ich konnte erstaunlich gut mit der Situation umgehen.“ Der Kurs davor habe ihr Ruhe gegeben.
Das ist es, was Johannes Grundmann und seine Gruppe erreichen möchten.
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