„Ein unglaublich schlimmer Moment“: Niederstaufener Dorfladen schließt

Mehrere Menschen in einem Dorfladen.
Ein Bild aus glücklichen Zeiten: Der Dorfladen in Niederstaufen.
Foto: Julia Baumann-Scheyer

Über die Jahre ist das Geschäft auch zum Dorftreff geworden. Jetzt soll Schluss sein. Gründer und Geschäftsführer ziehen ein ernüchterndes Fazit. Und Bürgermeister Jörg Agthe fühlt sich von den Dorfladen-Betreibern getäuscht.

Als der Niederstaufener Dorfladen vor fünf Jahren eröffnet hat, war die Euphorie groß. „Wir dachten, die Leute wollen diesen Dorfladen“, sagt Wolfgang Sutter, einer der Gründer.

Nachdem klar war, dass der Supermarkt im Dorf schließen wird, hatte sich eine Gruppe Menschen zusammengefunden, um die Nahversorgung im Dorf zu retten.

Die Gründerinnen und Gründer fanden einen Raum in der Grundschule, auch ein Dorfladenberater wurde hinzugezogen. Stille Gesellschafterinnen und Gesellschafter konnten für 250 Euro Anteile kaufen.

„Viele Interessenten zeichneten mehrere Anteile“, sagt Sutter. Das war das Startkapital für den kleinen Laden, der mit viel Liebe eingerichtet wurde. Im Gemeinderat war das Projekt umstritten, nicht alle standen dahinter.

Entscheidung fiel vergangene Woche

Fünf Jahre hat der kleine Supermarkt nun durchgehalten – und ist längst mehr als nur ein Lebensmittelladen. „Er hat sich zum Lebensmittelpunkt des Dorfs entwickelt“, sagt Sutter. „Die Leute kommen zum Kaffeetrinken und Eltern, die mit ihren Kindern auf den Spielplatz gehen, holen sich bei uns eine Erfrischung.“ 

Er und seine Mitstreiter hätten den Dorfladen „um jeden Preis“ erhalten wollen. Dass das nun gescheitert ist, „ist ein unglaublich schlimmer Moment“.

Portraitfoto von einem Mann.
Wolfgang Sutter, einer der Gründer des Dorfladens.
Foto: privat

Die Entscheidung fiel bei der jüngsten Gesellschafterversammlung am vergangenen Dienstag. „Wir haben nochmal alle Zahlen, Daten und Fakten zusammengetragen“, erzählt Markus Rohn, der geschäftsführende Gesellschafter des Dorfladens. Nach Auswertung sei die Versammlung zu dem Schluss gekommen, dass es aus wirtschaftlicher Sicht keine tragbare Lösung mehr gibt.

Seit Jahresbeginn sei der Umsatz des Ladens stark zurückgegangen. Im Dorfladen wurde immer weniger eingekauft. Gleichzeitig hätten sich die Kundinnen und Kunden mehr Öffnungszeiten, niedrigere Preise und einen besseren Service gewünscht.

Keine Nahversorgung mehr im Ort

„Anliegen, die wir sehr ernst nehmen, deren Umsetzung jedoch mit hohen Kosten verbunden ist“, heißt es in einer Mail der Gesellschafterinnen und Gesellschafter. „Diese stehen leider in keinem Verhältnis zu unseren derzeitigen Möglichkeiten.“

Seit zwei Jahren suchen die Gesellschafter zudem nach einer neuen Geschäftsführung – und finden niemanden. „Die angespannte wirtschaftliche Lage schreckt mögliche Nachfolgerinnen und Nachfolger verständlicherweise ab.“

Zwei Männer in einem Geschäft.
Kolumna-Reporter Thomas Bergert und Markus Rohn, einer der geschäftsführenden Gesellschafter des Dorfladens.
Foto: Bergert

Noch drei Wochen hat der Dorfladen geöffnet – am Samstag, 7. Juni, zum letzten Mal. Wer jetzt noch helfen will, soll das Geschäft leerkaufen, sagen Sutter und Rohn. Das helfe, die laufenden Kosten und die Abwicklung der Schließung besser zu bewältigen. Es gibt nun zehn Prozent Rabatt auf alles.

Darunter, dass mit dem Dorfladen der einzige Nahversorger im Ort wegfalle, leiden vor allem diejenigen, die nicht mobil sind, sagt Wolfgang Sutter. Er habe die Bereitschaft der Menschen, in dem kleinen Laden einzukaufen, überschätzt, sagt das Gründungsmitglied, das auch von „mangelnder Solidarität“ spricht.

Warum sich Bürgermeister Jörg Agthe von den Dorfladen-Betreibern getäuscht fühlt

Auch die wirtschaftliche Unterstützung der Gemeinde sei „sehr gering“ gewesen. Tatsächlich hatte der Sigmarszeller Gemeinderat vergangenes Jahr sogar beschlossen, den Betreibern die Räume für den Dorfladen unentgeltlich zu überlassen. Doch das Landratsamt verwies darauf, dass das rechtlich nicht möglich ist. Die Gemeinde berechnete eine Miete von 3,50 Euro pro Quadratmeter.

Auch eine einmalige Förderung stand im Raum. Die wollte Bürgermeister Jörg Agthe aber erst vergeben, wenn die Dorfladen-Betreiber ihre finanzielle Situation offenlegen. Denn Geld wollte die Gemeinde nur dann zahlen, wenn gesichert ist, dass der Dorfladen mittelfristig überleben kann.

„Ich fühle mich von den Betreibern des Dorfladens getäuscht“, sagt Agthe. Erst vor ein paar Monaten habe der Gemeinderat eine Förderung von 35.000 Euro bewilligt. Gegengerechnet wurden knapp 5000 Euro Mietschulden, die die Dorfladen-Betreiber bei der Gemeinde hatten. Die übrigen 30.000 Euro sollten als einmalige Wirtschaftsförderung dienen.

Ausgezahlt wurde die Summe im Februar, und nun komme nur wenige Monate später die Ankündigung, dass der Dorfladen schließe. Diese habe er am Sonntag an die Gemeinderatsmitglieder weitergeleitet. Das Thema soll auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung kommen.

Sigmarszells Bürgermeister Jörg Agthe
Foto: Christian Flemming

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