Psychiatrische Versorgung verliert sich im Dschungel der Bürokratie

Psychiatrische Tagesklinik Lindau, Psychiatrische Institutsambulanz
Im ambulanten Bereich ist die Psychiatrische Tagesklinik auf der Lindauer Insel nur für schwere und chronisch Erkrankte die richtige Anlaufstelle.
Foto: Jens Lindenmüller

Seit zwei Jahren gibt es im gesamten Landkreis Lindau praktisch keine ambulante psychiatrische Versorgung mehr. Die Appelle in Richtung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns werden lauter. Dort verweist man wortreich auf diverse bürokratische Vorgaben.

In der Gesundheitsversorgung im Landkreis Lindau klafft seit zwei Jahren eine eklatante Lücke. Für psychisch Erkrankte gibt es praktisch keine ambulante Anlaufstelle mehr. Die ehemaligen Praxen niedergelassener Nervenärzte, die sowohl als Neurologen als auch als Psychiater tätig waren, sind allesamt geschlossen oder von Neurologen übernommen worden. Die ambulante Gesundheitsversorgung sicherzustellen, ist eigentlich Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Die wortreichen Erklärungen der KVB zur Sachlage führen aber mitten hinein in einen dichten Bürokratie-Dschungel.

In einem Antrag an den Kreistag hat Grünen-Kreisrätin Ulrike Lorenz-Meyer das Problem vor einigen Wochen beschrieben: „Während schwer und chronisch psychisch erkrankte Menschen in der psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) an der Tagesklinik betreut werden können, fehlt eine reguläre psychiatrische Praxis für die allgemeine Bevölkerung. Dies betrifft insbesondere Menschen, die auf Diagnostik, medikamentöse Behandlung, Krankschreibungen sowie die Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fachrichtungen und Behörden wie der Rentenversicherung oder den Pflegediensten angewiesen sind.“

Keine Versorgung, kein Zugang zu Medikamenten

Lorenz-Meyer ist selbst Ärztin und kennt das Problem aus ihrem Arbeitsalltag in der Psychiatrischen Tagesklinik auf der Lindauer Insel. „Hausärzte berichten uns, dass ihre Praxen voll sind mit Menschen, die aufgrund psychischer Probleme nicht mehr arbeitsfähig sind. Diese Leute finden keine psychiatrische Versorgung und haben keinen Zugang zu Medikamenten“, sagt sie.

Dass Menschen sich in der Tagesklinik melden, weil sie sich selbst in einer Krise befinden oder Hilfe für Menschen aus ihrem Umfeld suchen, habe deutlich zugenommen. „Sie wissen nicht, wohin sie sonst sollen“, sagt Lorenz-Meyer. Mangels Alternativen müssten sie und ihre Kolleginnen und Kollegen diese Menschen nach Isny oder Kempten schicken.

Denn die Tagesklinik habe für die ambulante Behandlung von Patienten, die nicht schwer und chronisch krank sind, weder eine Zulassung noch die erforderlichen personellen und räumlichen Kapazitäten.

Der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns wirft Ulrike Lorenz-Meyer Untätigkeit vor. Trotz wiederholter Hinweise und Forderungen habe die KVB bislang keine Lösung geschaffen. „Zwar wurden zwei zusätzliche Kassensitze für Psychiatrie im Landkreis bewilligt, doch diese werden von der KVB nicht aktiv beworben, so dass niederlassungswillige Fachärztinnen und -ärzte kaum davon erfahren“, so Lorenz-Meyer.

Gemeindepsychiatrischer Verbund kritisiert „unhaltbaren Zustand“

Kritik äußert nun auch der Gemeindepsychiatrische Verbund (GPV), das Netzwerk der psychiatrisch tätigen Träger im Landkreis Lindau. Die KVB habe „jahrelang zugesehen, wie bestehende Kassensitze von Neurologen übernommen wurden, die keine psychiatrische Behandlung anbieten“, heißt es in einer Pressemitteilung. Der GPV schreibt von einem „unhaltbaren Zustand“, von einer „Situation, die für viele Betroffene nicht nur belastend, sondern auch gesundheitsgefährdend“ sei.

Auf einer Grafik der KVB, die Niederlassungsmöglichkeiten für Nervenärzte in Bayern veranschaulichen soll, ist der Landkreis Lindau dunkelblau eingefärbt. Diese Farbe signalisiert, dass der Landkreis überversorgt ist. Das bedeutet, dass der Bedarf an Nervenärzten bereits zu mehr als 100 Prozent gedeckt ist. Laut Auskunft der KVB sind es aktuell genau 120,83 Prozent.

Landkreis Lindau gilt als „überversorgt“

Das Problem dabei: Die 4,15 ausgewiesenen Arztsitze werden von vier Neurologen und einem Psychiater besetzt. Der Psychiater hat laut KVB eine Teilzulassung, sei vorwiegend aber psychotherapeutisch tätig – also nicht oder nur in sehr geringem Umfang als Psychiater. Um sicherzustellen, dass Kassensitze für Nervenärzte eben nicht ausschließlich von Neurologen besetzt werden, greift zwar eine Quotenregelung, die es trotz nomineller „Überversorgung“ ermöglicht hat, zwei zusätzliche Sitze speziell für Psychiater auszuweisen.

Aus der beschriebenen Grafik geht das allerdings nicht direkt hervor, nur aus einer dazugehörigen Liste, quasi dem Kleingedruckten. Eine aktive Bewerbung der beiden Sitze gibt es nicht.

In anderen Regionen bezuschusst die KVB Arztniederlassungen

Im bayerischen Ärzteblatt wirbt die KVB damit, dass sie die Niederlassung von Fachärzten in bestimmten unterversorgten Regionen mit bis zu 112 500 Euro bezuschusst. Der Landkreis Lindau fehlt in der Auflistung betroffenen Regionen allerdings. Die Begründung der KVB: „Förderungen der KVB sind immer an die Feststellung einer Unterversorgung beziehungsweise einer drohenden Unterversorgung geknüpft. Bevor der von der KVB unabhängige Landesauschuss der Ärzte und Krankenkassen diesen Status nicht festgestellt hat, darf die KVB nicht fördern.“

Neurologen und Psychiater werden in einen Topf geworfen

Als unterversorgt gilt der Landkreis Lindau aber nicht, weil für die Bedarfsplanung nach bundesweit einheitlicher Richtlinie die gesamte Berufsgruppe der Nervenärzte herangezogen wird – inklusive Neurologen und Ärzten, die sowohl Neurologen als auch Psychiater sind. Das heißt: Eine Unterversorgung nur für Psychiater lässt sich formal gar nicht feststellen, weil es für sie keine gesonderte Bedarfsplanung gibt, lediglich besagte Quotenregelung.

Ob das angesichts völlig unterschiedlicher Aufgabengebiete von Neurologen und Psychiatern wirklich sinnvoll ist, scheint dabei keine Rolle zu spielen.

Eine mögliche Erklärung für diese Vorgehensweise liefert die Ausbildungshistorie der Nervenärzte. Wie Ulrike Lorenz-Meyer erläutert, waren Nervenärzte früher in der Regel sowohl als Neurologen als auch als Psychiater tätig. Weil die Ausbildung beide Fachgebiete abgedeckt hat. Mittlerweile ist die Ausbildung aber gesplittet. Doch warum werden die Praxen der früheren Nervenärzte nun vornehmlich von Neurologen und nicht von Psychiatern übernommen?

Laut Lorenz-Meyer ist das nicht nur im Kreis Lindau zu beobachten. „Ich vermute, dass das mit der Vergütung zu tun hat“, sagt sie. Psychiatrische Untersuchungen seien aufgrund des hohen Bedarfs an Gesprächen aufwändig und zeitintensiv. Unterm Strich werde das schlechter durch die Krankenkassen finanziert als andere Arten von Untersuchungen.

Politischer Druck auf die KVB nimmt zu

Und wie geht’s nun weiter? In ihrem Antrag appelliert Ulrike Lorenz-Meyer zum einen an den Landkreis, politischen Druck auf die KVB auszuüben. Zum anderen schlägt sie vor, dass der Landkreis selbst Anreize für psychiatrische Fachkräfte setzt, finanziell oder auch strukturell (zum Beispiel durch Bereitstellung von Praxisräumen).

Der Gemeindepsychiatrische Verbund fordert den Landkreis darüber hinaus auch dazu auf, in der Landes- und Bundespolitik darauf hinzuwirken, „die psychiatrische Versorgung in ländlichen und unterversorgten Gebieten nachhaltig zu stärken“.

Auch die Lindauer Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung hat sich zwischenzeitlich zum Thema geäußert und unterstützt in einer Stellungnahme die Aussagen und Forderungen des GPV. Menschen mit einer geistigen Behinderung hätten ein bis zu viermal höheres Erkrankungsrisiko als die Durchschnittsbevölkerung.

Auch sie seien von Depressionen, Angststörungen oder Psychosen betroffen. „Einen geeigneten Ansprechpartner zu finden, gelingt im Landkreis Lindau aber oft nur mit großem individuellen Einsatz unseres Personals – manchmal nur, weil wir bereits persönliche Kontakte haben oder ein Hausarzt die Dringlichkeit ausdrücklich bestätigt. Mitunter erhalten wir dann Hilfe im benachbarten Landkreis“, heißt es in der Stellungnahme.

Landrat kontaktiert auch den Bezirkstagspräsidenten

Über den Antrag von Ulrike Lorenz-Meyer ist im Lindauer Kreistag noch nicht beraten worden. Landrat Elmar Stegmann hat sich zwischenzeitlich aber mit Claudia Ritter-Rupp, der stellvertretenden Vorsitzenden der KVB, getroffen. Und dabei nach eigener Aussage deutliche Forderungen erhoben. „Die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung im Landkreis ist unzureichend – und das in einer Zeit, in der der Bedarf an professioneller Hilfe stetig zunimmt.

Dieser Zustand der Unterversorgung ist nicht länger hinnehmbar“, wird Stegmann in einer Pressemitteilung zitiert. Er habe die KVB mit Nachdruck aufgefordert, verstärkte Anstrengungen zu unternehmen, um die vakanten Arztsitze schnellstmöglich zu besetzen.

Gegenüber Kolumna hatte der Landrat schon vor einigen Wochen zu verstehen gegeben, dass er es begrüßen würde, wenn sich die Psychiatrische Tagesklinik für einen der freien Kassensitze bewerben würde. „Fachlich gehört er da hin“, meint Stegmann.

Deshalb habe er den Bezirkstagspräsidenten Martin Sailer um eine entsprechende Prüfung gebeten. Eine Rückmeldung ist im Lindauer Landratsamt bislang nicht eingetroffen.

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