Mehr als 500 Lindauerinnen und Lindauer nutzen das Wahlforum von Kolumna, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wer als Oberbürgermeisterin oder Oberbürgermeister am besten geeignet wäre: Jasmin Sommerweiß, Yassine Douar oder Amtsinhaberin Claudia Alfons.
Zum ersten Mal im laufenden Lindauer OB-Wahlkampf sind am Montagabend Claudia Alfons, Jasmin Sommerweiß und Yassine Douar direkt aufeinandergetroffen. Mehr als 500 Lindauerinnen und Lindauer versammelten sich im Stadttheater, um sich beim Wahlforum von Kolumna einen Eindruck davon zu verschaffen, wer von den dreien sich am besten dafür eignet, in den kommenden sechs Jahren die Geschicke der Stadt Lindau zu leiten.
Allein die Konstellation im Bewerberfeld verspricht Spannung: Die amtierende Oberbürgermeisterin sieht sich herausgefordert von der Vorsitzenden der größten Fraktion im Stadtrat und einem Kandidaten, der bewusst ohne Unterstützung aus dem Stadtrat ins Rennen geht.
Besonderer Service: Übersetzung in Leichte Sprache
Die überschaubare Bewerberzahl, das Fehlen eines Spaßkandidaten und nicht zuletzt die mal lockere, mal hartnäckige Moderation durch das Kolumna-Gründertrio Julia Baumann-Scheyer, Ronja Straub und Thomas Bergert sorgten dafür, dass die Diskussion nie oberflächlich oder gar langweilig zu werden drohte. Und dafür, dass die Besucherinnen und Besucher nach mehr als zwei Stunden mit reichlich Informations- und bestenfalls auch Erkenntnisgewinn nach Hause gehen durften. Mehr als zwei Dutzend von ihnen nutzten übrigens einen besonderen Service: Anne Leichtfuß übersetzte die gesamte Diskussion in Leichte Sprache.
In ihrer Kabine hat Anne Leichtfuß die komplette Diskussion in Leichte Sprache übersetzt.
Mal locker, mal hartnäckig moderieren die Kolumna-Chefredakteurinnen Ronja Straub und Julia Baumann-Scheyer den Abend.
Gleich zu Beginn überrumpelte Thomas Bergert die Bewerberinnen und Bewerber ein wenig. Statt über sich selbst zu sprechen, sollten sie sich gegenseitig vorstellen. Was beim Publikum richtig gut ankam. Gewisse Entertainment-Qualitäten stellte dabei Yassine Douar unter Beweis. Indem er gleich selbst in die Rolle von Jasmin Sommerweiß schlüpfte. Gelächter gab’s auch für den Hinweis an Claudia Alfons, die zuvor ihn vorgestellt hatte: „Sie haben etwas vergessen: Ich liebe sie. Nicht Sie, sondern die Stadt Lindau.“ Souverän und wertschätzend meisterten auch die beiden Mitbewerberinnen die Eingangsaufgabe, bevor es thematisch in die Tiefe ging.
Wohnraummangel betrifft auch den Mittelstand
Erster Themenblock: Wohnen beziehungsweise Wohnraummangel. Ein Problem, das vielen Lindauern auf den Nägeln brennt – was auch eine Kolumna-Umfrage im Vorfeld des Wahlforums bestätigt hat. 150 Menschen hatten sich daran beteiligt. Wie prekär die Lage ist, schilderte Ilka Thurau von der Lindauer Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie. In ganz Bayern fehlen laut ihren Ausführungen aktuell 233.000 Wohnungen, Tendenz stark steigend. Ein Problem, das nicht mehr nur sozial benachteiligte Menschen betrifft, sondern bereits „im Mittelstand angekommen“ sei, so Thurau.
Jasmin Sommerweiß sprach von einem strukturellen Problem, für das die Stadt eine klare Strategie brauche – auf Grundlage der Wohnraumbedarfsanalyse, die laufend fortgeschrieben werden müsse. Yassine Douar stimmte zu, stellte aber fest, dass das Integrierte Stadtentwicklungsprogramm (ISEK) die heutige Situation schon vor zwölf Jahren prognostiziert habe, von der Wohnungsgesellschaft (GWG) aber zu wenig umgesetzt worden sei. Claudia Alfons setzte dem entgegen, dass das Umsetzen von ISEK „nicht Aufgabe der GWG“ sei und ISEK auch gar nicht „mit aller Härte umgesetzt“ werden könne, weil der Stadt die erforderlichen Flächen nicht gehören. Zudem verwies sie darauf, dass im Vierlinden-Quartier hinterm Lindaupark aktuell 184 geförderte Wohnungen entstünden.
„Dicke Bretter“ auf den Bahngleisen
Und wie stehen die Kandidatinnen und Kandidaten zu einer Wohnbebauung auf der Hinteren Insel? Einig sind sie sich darin, dass der Bürgerpark erhalten bleiben muss, der Parkplatz aber besser genutzt werden könnte. „Wir müssen das Thema auf jeden Fall wieder aufgreifen“, sagte Jasmin Sommerweiß. Auf der Parkplatzfläche könnte eine Wohnbebauung „mit viel Grün“ entstehen. „Für mich wird es keine Bebauung der Hinteren Insel in dem Bereich geben“, sagte Yassine Douar. Das sieht auch Claudia Alfons so.
Klickt euch hier durch die Bilder des Abends:
Yassine Douar gab zu verstehen, dass er in das Thema einer möglichen Bebauung der lange brach liegenden Gleisflächen hinter der Eilguthalle „maximal Bewegung bringen“ wolle. „Da wünsche ich Ihnen viel Glück“, entgegnete Jasmin Sommerweiß, begleitet vom Gelächter des Publikums. Wie zäh sich Verhandlungen mit der Bahn gestalten, weiß man seit Jahrzehnten nicht nur in Lindau. Dass auch Sommerweiß sich über „maximal Bewegung“ in dieser Angelegenheit freuen würde, steht außer Frage. Dasselbe gilt für Claudia Alfons, die zu verstehen gab, dass es Gespräche mit der Bahn gebe, aber diesbezüglich eben „dicke Bretter“ zu bohren sind.
Bei der Bauamtsaffäre wird’s kitzelig
Im Umgang miteinander blieben die OB-Bewerberinnen und Bewerber den ganzen Abend über fair, in Watte packten sie sich gegenseitig aber nicht. Etwas kitzelig wurde es insbesondere, als Julia Baumann-Scheyer und Ronja Straub auf die aktuelle Affäre um zwei Bauamtsmitarbeiter und deren Gründung eines Beratungsunternehmens zu sprechen kamen. Konkret ging es um ein offenbar KI-generiertes Bild, mit dem Claudia Alfons als amtierende Oberbürgermeisterin persönlich angegriffen und diffamiert worden war. Ein Vorstandsmitglied des CSU-Ortsverbands hatte es als Karikatur ins Internet gestellt.
CSU-Kandidatin Jasmin Sommerweiß distanzierte sich auf der Bühne des Stadttheaters zwar deutlich von dem Bild („Das ist keine Art, die ich an den Tag legen würde“). Sie machte aber auch deutlich, dass sie sich von Claudia Alfons einen anderen Umgang mit der Situation gewünscht hätte. Und dass Interessenskonflikte durch die Nebentätigkeit der beiden Mitarbeiter ihrer Ansicht nach schon frühzeitig hätten verhindert werden können – indem man diese mit Auflagen versehen oder ganz untersagt hätte.
Yassine Douar warf Claudia Alfons indirekt Führungsschwäche vor und kritisierte, dass durch den Weggang der beiden Mitarbeiter „viel Know-How verloren“ gegangen sei. Zur Karikatur, die Douar laut eigener Aussage nie gesehen hat, hingegen stellte er fest, dass „Politik ein hartes Geschäft“ sei und man auch mal „Neune gerade sein lassen“ müsse.
OB wehrt sich gegen Kritik
Die kritisierte Oberbürgermeisterin verteidigte sich unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass die Sachlage arbeitsrechtlich geprüft worden sei und ein Verbot der Nebentätigkeit nicht zulässig gewesen wäre. Zur jüngsten Kritik aus Reihen der CSU stellte sie fest, dass man genau dort zunächst überhaupt keine möglichen Probleme gesehen hatte. Im Gegenteil: „Die beiden Mitarbeiter haben berichtet, dass ihnen vier Mitglieder der CSU zur Firmengründung gratuliert haben.“ Die Reaktion von Jasmin Sommerweiß: „Dann sprechen Sie mit diesen vier Leuten und schieben das nicht mir in die Schuhe.“
Einen „Mangel an Führung“ machte Yassine Douar auch dafür verantwortlich, dass die Entwicklung des Eichwaldquartiers zu einem Streitthema geworden ist. Womit er sich allerdings den Hinweis von Moderatorin Julia Baumann-Scheyer einhandelte, dass das vor der Amtszeit von Claudia Alfons gewesen sei. „Stand jetzt herrscht Frieden“, so Julia. Weitestgehend einig sind sich die Bewerberinnen und Bewerber, dass dieses Projekt eine große Chance bietet – und dass die große Herausforderung sein wird, eine „ausgewogene Balance zwischen Gewerbe, Wohnen und Vereinen“ zu schaffen, wie es Jasmin Sommerweiß formulierte.
Der Andrang beim Wahlforum von Kolumna ist so groß, dass letztlich auch die Plätze auf der Empore gut belegt sind.
Schülerinnen wünschen sich Beitritt zu Koalition gegen Rassismus
Zum Thema Jugend hatte Kolumna drei Gymnasiastinnen aus den Stufen 12 und 13 eingeladen. Unter anderem warben Alicia, Susanne und Yuki für einen Beitritt Lindaus zur europäischen Städtekoalition gegen Rassismus. Bregenz ist zum Beispiel schon dabei. Grundsätzlich wären alle drei Bewerberinnen und Bewerber zwar für einen Beitritt Lindaus – aus der Sicht von Claudia Alfons scheitert ein solcher allerdings an fehlenden personellen Kapazitäten in der Verwaltung, die für das Umsetzen eines geforderten Punkteplans erforderlich wären. „Wenn mitmachen, dann richtig – und nicht als Karteileiche“, so Alfons.
Ins Thema Klimaschutz und Verkehr führte das Moderatoren-Trio die Kandidatinnen und Kandidaten mit einem Fragespiel ein. Ja oder Nein, keine weiteren Ausführungen. Einig waren sich alle drei, dass Klimaziele gestrichen werden dürfen, wenn das Geld zu knapp wird. Dafür, dass der Autoverkehr in Lindau grundsätzlich weiter eingeschränkt werden sollte, plädierte als einzige Claudia Alfons – und gegen eine autoarme Insel als einziger Yassine Douar. Einigkeit dann wieder bei der Frage, ob es ein Parkhaus am Karl-Bever-Platz braucht: Ja.
Zuerst ein Parkhaus am Berliner Platz oder am Karl-Bever-Platz?
In der Vertiefung des Themas schränkte Jasmin Sommerweiß ihr „Ja“ insofern ein, dass man erst die Umgestaltung des Berliner Platzes samt Parkhaus abwarten müsse, um serös beurteilen zu können, ob am Karl-Bever-Platz wirklich ebenfalls ein Parkhaus erforderlich ist beziehungsweise in welcher Form.
Claudia Alfons stellte fest, dass ein Parkplatz am Karl-Bever-Platz als eine Art Quartiersgarage zwar erforderlich sei, die Stadt sich momentan aber nur eines leisten könne: jenes am Berliner Platz. Yassine Douar stimmte insofern zu, dass beide Parkhäuser wichtig wären. Wenn zunächst aber nur eines finanzierbar sei, dann sollte aus seiner Sicht jenes am Karl-Bever-Platz umgesetzt werden. Weil dort auch eine kombinierte Lösung mit anderen Nutzungen denkbar wäre. Zum Beispiel mit Gewerbe, das zur Finanzierung beitragen könnte.
Moderator Thomas Bergert lässt Gesamtelternbeirätin Eugenia Bronstein die Sorgen der Schülereltern schildern.
Einen sorgenvollen Blick in die Zukunft warf beim Thema Schulen Gesamtelternbeirätin Eugenia Bronstein. Konkret ging es ihr darum, ob es Lindau gelingen wird, den im kommenden Schuljahr in Kraft tretenden gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung für die Erstklässler zu erfüllen – ohne dass dafür Schüler aus den Stufen zwei bis vier zurückstehen müssen. „Nach allem, was wir jetzt wissen, können wir die Betreuung für alle gewährleisten. Und wenn nicht, werden wir Abhilfe schaffen“, versprach Claudia Alfons. Jasmin Sommerweiß plädierte dafür, „in Quartieren zu denken“ und beim Thema Betreuung die Vereine miteinzubeziehen. Ähnlich äußerte sich Yassine Douar, sprach von wohnortnahen Lösungen mit Unterstützung durch das Ehrenamt.
Was wird aus den Sportstätten?
Letztes Thema, in das auf der Bühne stellvertretend für die Vereine Brigitte Schmid vom TSV Oberreitnau einführte: der Zustand der Sportstätten. Dass Handlungsbedarf besteht, saniert und zum Teil auch erweitert werden muss, das bestreitet keiner aus dem Bewerberfeld. Aber wie lässt sich das in finanziell schwierigen Zeiten umsetzen? Yassine Douar lieferte auf diese Frage keine konkrete Antwort, sprach sich stattdessen dafür aus, bei der Stadt eine Ehrenamtsstelle zu schaffen.
Claudia Alfons konstatierte, dass die Stadt ein Sportstättenentwicklungskonzept brauche, auf dessen Grundlage dann sukzessive saniert und erweitert werden müsse. Jasmin Sommerweiß stimmte beiden Aussagen zu.
Wie die Bilanz nach sechs Jahren ausfallen soll
Nachdem auch die Zuhörerinnen und Zuhörer im Saal Gelegenheit bekommen hatten, Fragen zu stellen, eröffnete Sommerweiß die Schlussrunde. Den vom Moderatorentrio vorgegebenen Satz „Wenn man auf meine Amtszeit zurückblickt, soll man sagen: …“ vervollständigte sie so: „Sie hat zugehört, uns ernst genommen und mit uns gemeinsam Pläne geschmiedet.“ Und was will Yassine Douar am Ende einer möglichen Amtszeit als OB erreicht haben? „Dass Lindau die lebenswerteste Stadt am Bodensee ist.“ Claudia Alfons wünscht sich „ein gutes Miteinander“, das zu einer „weiteren Periode ohne Bürgerentscheid“ führt.
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