Vor ein paar Wochen hat die Polizei zwei Tatverdächtige festgenommen – abgeschlossen sind die Ermittlungen aber noch nicht. Für die Tochter der Getöteten steht bereits jetzt fest: Kommt es zur Gerichtsverhandlung, möchte sie als Nebenklägerin auftreten.
Die Nachricht hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, seitdem beherrscht sie die Gespräche im Kressbronner Café Seegarten. „Viele Gäste sind extra gekommen, um uns beizustehen“, sagt Esen Eryücel. Sie selbst musste in den ersten Tagen immer wieder googeln. „Um sicherzugehen, dass das alles auch wirklich stimmt und ich nicht geträumt habe.“
Mehr als anderthalb Jahre haben sie und ihre Familie darauf gewartet, dass die Polizei diejenigen findet, die ihre Mutter mutmaßlich ausgeraubt und getötet haben. Die Ungewissheit war für sie kaum auszuhalten. „Oft stand mein Körper zwar aufrecht, aber innerlich war ich am Boden.“
Vor ein paar Wochen hat die Polizei öffentlich gemacht, dass im Mordfall der Nonnenhornerin Esme Eryücel zwei Verdächtige festgenommen wurden. Für Tochter Esen, die in der Zwischenzeit die Gaststätte ihrer Mutter übernommen hat, eine Erleichterung. „In mir hat sich ein Knoten gelöst“, erzählt sie.
Ihre Schwester Devrim hingegen, die in der Türkei lebt, habe nach der Nachricht „den ganzen Schmerz nochmal durchlebt“.
Esen weiß, dass auch sie nie wieder lachen wird wie früher. „Da ist keine schwerelose Freude mehr“, sagt sie. „Ich stehe jeden Tag mit dem Thema auf und gehe jeden Tag mit dem Thema ins Bett.“
Staatsanwaltschaft führt Ermittlungen beschleunigt
Unter die Trauer um ihre Mutter hat sich längst auch Wut gemischt. Für Esen ist klar: Wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt, wird sie als Nebenklägerin auftreten. „Ich werde darum kämpfen, dass diejenigen, die meiner Mutter das angetan haben, maximal bestraft werden.“
Noch hat die Staatsanwaltschaft Kempten, die für den Fall zuständig ist, keine Anklage erhoben. „Die Staatsanwaltschaft führt die Ermittlungen beschleunigt“, schreibt Oberstaatsanwalt und Pressesprecher Thomas Hörmann auf unsere Nachfrage. „Wann mit einem Abschluss der Ermittlungen gerechnet werden kann, lässt sich derzeit jedoch nicht sicher prognostizieren.“ Ein paar Monate werde es wohl noch dauern.
Als die 70-jährige Esme Eryücel getötet wurde, hat das nicht nur ihre Familie, sondern die ganze Region erschüttert. Esme, die in Nonnenhorn wohnte und das Café Seegarten in Kressbronn betrieb, war bekannt und beliebt.
Zuletzt lebend gesehen worden ist sie am Sonntag, 21. Juli 2024, gegen 22.30 Uhr, als sie den Seegarten absperrte und sich auf den Nachhauseweg machte.
Die Uferstraße verbindet Kressbronn und Nonnenhorn. Gefunden wurde Esmes Leiche ein Stück abseits des Wegs, auf einem Privatgrundstück zwischen der Uferstraße 45 und 47. Die Polizei hat den Fundort bereits vor einem Jahr öffentlich gemacht, als sie nach Zeugen suchte. Karte: Google Maps/Canva
Sie nahm die Uferstraße, die Kressbronn und Nonnenhorn miteinander verbindet. In ihrer Wohnung kam sie aber offenbar nie an. Freunde und Familie suchten am nächsten Tag fieberhaft nach ihr. Am Abend fand ein Mann ihre Leiche neben auf einem privaten Gartengrundstück neben einer Laube.
Knapp 100 Beamtinnen und Beamte, darunter Polizeitaucher und Drohnenspezialisten, durchkämmten in den Tagen darauf das Gebiet rund um den Fundort, die Gaststätte und ihre Wohnung. Sie suchten an Land und im Wasser nach Beweismitteln, vernahmen Zeugen. Schon bald wurde eine eigene Sonderkommission mit dem Namen „Café“ gegründet.
Viele Fragen werden sich wohl erst vor Gericht klären
Was letztendlich ausschlaggebend dafür war, dass nun kürzlich zwei Verdächtige festgenommen wurden, verraten Polizei und Staatsanwaltschaft mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht. „Der dringende Tatverdacht gegen die Beschuldigten stützt sich auf das Ergebnis der umfangreichen Auswertung der im Ermittlungsverfahren gesicherten Spuren“, heißt es dazu in einer gemeinsamen Pressemitteilung nur.
Wenn zu viele Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, könnte das die Ermittlungen gefährden, so Oberstaatsanwalt Hörmann, der außerdem auf die Persönlichkeitsrechte der beiden Verdächtigen verweist. Sie gelten bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig.
Nachdem die Leiche gefunden wurde, durchsuchten die Beamten das Gebiet rund um den Fundort, die Wohnung und das Café. Auch in den Mülleimern schauten sie nach Spuren. Foto: Archiv von Davor Knappmeyer
Ob die Tat etwas mit dem Einbruch in Esmes Wohnung etwa ein halbes Jahr zuvor zu tun hatte, ob sich das Opfer und die mutmaßlichen Täter kannten und ob der rechte Turnschuh der 70-Jährigen, nach dem die Polizei so lange gesucht hatte, wieder aufgetaucht ist – all das wird sich also vermutlich erst bei einer Gerichtsverhandlung klären.
Auch zur genauen Todesursache hält sich die Polizei nach wie vor bedeckt. Wahrscheinlich ist allerdings, dass die Cafébetreiberin gezielt ausgesucht wurde – zumindest ging die Polizei von Anfang an nicht von einer Gefahr für die Allgemeinheit aus.
Auch Esmes Familie bekommt nicht alle Informationen. Anfangs sei das nicht immer einfach gewesen, sagt ihre Tochter Esen. „Aber wir haben uns daran gewöhnt.“ Schließlich wolle auch sie die Ermittlungen auf keinen Fall gefährden. Von der Festnahme der beiden Tatverdächtigen habe sie etwa eine Stunde vor der Presse erfahren.
Haftbefehle wegen Mordes und Raub
Die beiden Männer, die beschuldigt werden, die 70-jährige Esme Eryücel gewaltsam getötet und die Tageseinnahmen ihres Cafés in vierstelliger Höhe gestohlen zu haben, lebten zuletzt im niedersächsischen Salzgitter, wie Polizeisprecher Johannes Stoll auf unsere Nachfrage sagt.
Anfang Februar hatte der Ermittlungsrichter am Amtsgericht Kempten gegen die beiden Haftbefehle erlassen – wegen Mordes und Raub. Nach einer Fahndung, an der neben der Kriminalpolizisten aus Kempten und Lindau auch das bayerische Landeskriminalamt und die niedersächsische Landespolizei beteiligt waren, wurde zuerst ein 53-jähriger Mann in Salzgitter festgenommen.
Sein mutmaßlicher Komplize, ein 30-Jähriger, stellte sich am 10. März bei der Lindauer Kriminalpolizei. Beide Männer sitzen in Untersuchungshaft.
Die Polizei schließt nicht aus, dass es noch weitere Verdächtige gibt, die in irgendeiner Weise an dem Verbrechen beteiligt sein könnten. Gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft hatte sie kürzlich einen weiteren Zeugenaufruf veröffentlicht und um Hinweise zu den beiden festgenommenen Männern gebeten.
Sie tragen markante Tatoos an den Armen und bewegten sich um den 21. Juli 2024 im Bereich Kressbronn, Nonnenhorn und der Uferstraße. Vermutlich waren sie mit einem Kastenwagen mit deutscher Zulassung oder einem Audi mit deutschem Ausfuhrkennzeichen unterwegs.
In der Zwischenzeit seien „ein paar Hinweise“ dazu eingegangen, sagt Polizeisprecher Johannes Stoll. „Sie werden nun sorgfältig überprüft.“ Die Ermittlungen liegen immer noch bei der Soko Café, die nach wie vor in kleiner Besetzung bestehe.
Blumen, Kerzen und bemalte Steine: Zum ersten Todestag am 21. Juli 2025 haben Esmes Töchter eine Gedenkfeier veranstaltet. Foto: Michael Scheyer
Esen Eryücel ist der Polizei dankbar, dass sie nicht aufgegeben hat. Und ihren den Gästen im Seegarten, „die das Tag für Tag mit uns durchgestanden haben“.
Sie habe immer daran geglaubt, dass die Täter irgendwann gefasst werden. Ihre Mutter kann ihr aber keiner mehr zurückbringen. „Mit ihrem Leben haben sie auch unseres genommen.“
Hinweise zu den Verdächtigen oder dem Fall allgemein nimmt die Kriminalpolizei Kempten unter der Telefonnummer 0831/99090 entgegen.
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