So voll mit Frauen hat sie das Alte Rathaus bisher noch nie gesehen, sagt Lindaus Oberbürgermeisterin Claudia Alfons. Denn dort fand eine Veranstaltung der Initiative „Bavaria ruft“ statt. Sie möchte interessierte Lindauerinnen dazu ermutigen, sich politisch zu betätigen.
Frauen dürfen seit mehr als hundert Jahren wählen, und sind dennoch in der Politik unterrepräsentiert – das ist der Grundgedanke hinter der parteiübergreifenden Initiative „Bavaria ruft“, die es sich zum Ziel gesetzt hat, mehr Frauen für die Kommunalpolitik zu gewinnen.
Nur ein Viertel der Mitglieder des Bayerischen Landtages sind Frauen. In den Gemeinderäten um Lindau und im Lindauer Stadtrat sind es immerhin ungefähr ein Drittel. Und nur jeder zehnte Chefsessel in deutschen Rathäusern ist mit einer Frau besetzt – Tendenz sinkend.
„Um auf gleiche Anteile von Männern und Frauen zu kommen, braucht es bei diesem Tempo noch 400 Jahre“, sagt Claudia Alfons. Das sei „keine akzeptable Perspektive“. Deshalb hat sie gemeinsam mit Bürgermeisterin Kathrin Alte aus Anzing bei München Anfang des Jahres „Bavaria ruft“ ins Leben gerufen.
Auch die Landtagsabgeordnete Katharina Schulze von Bündnis 90/Die Grünen war an der Gründung beteiligt. Sie ist am Mittwochabend ebenfalls ins Alte Rathaus geladen, genauso wie die bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales Ulrike Scharf von der CSU.
„Schon irgendwie cool, nur auf Frauen zu treffen“
Claudia Alfons kennt die Herausforderungen als Frau in der Politik aus erster Hand. Obwohl ihr zunächst gar nicht klar war, wie sehr die Lokalpolitik von Männern beherrscht ist. Sie erinnert sich, wie sie das erste Mal bei einem reinen Bürgermeisterinnen-Treffen war und direkt merkte: Die Atmosphäre ist eine ganz andere. „Schon irgendwie cool, nur auf Frauen zu treffen“, sagt sie und stellt fest: „Für Männer ist das ja immer so.“
Viele Frauen sind am Mittwochabend ins Alte Rathaus gekommen. Foto: Theresa Gosch
Auch am Mittwoch ist die Atmosphäre im Alten Rathaus angenehm. Die Stimmung ist gelöst, viele Frauen kennen sich und überall finden Gespräche statt. Viele Lindauerinnen interessieren sich für die Veranstaltung: Ungefähr 90 Frauen waren angemeldet und die meisten sind auch gekommen. Manche der Anwesenden sind bereits Stadträtinnen oder wollen sich nächstes Jahr aufstellen lassen.
Andere sind politisch interessiert, jedoch bisher noch nicht aktiv. So auch Gabriele Meyer. Sie ist bisher nicht im Stadtrat aktiv, bekomme jedoch durch ihren Freundeskreis viel von den Herausforderungen als Frau in der Politik mit. „Als Frau siehst du dich immer behindert durch ‚den Politiker'“, sagt sie.
Auch Emel Kücükosman hat bisher noch kein politisches Amt inne. Sie sei an Kommunalpolitik schon interessiert, ihr fehle jedoch die Zeit. Sie ist beruflich sehr eingespannt, da sei es schwierig.
Zu wenig Zeit, zu wenig Selbstvertrauen
Laut Claudia Alfons ist die Sorge um die Vereinbarung von Beruf, Familie und politischem Ehrenamt eine der häufigsten Befürchtungen interessierter Frauen. Die Zeit fehlt, weil Frauen häufig in Beruf und vor allem auch in der Familie sehr eingebunden sind.
Katharina Schulze kann das aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Sie hat selbst zwei Kinder und gibt zu, dass sie selbst ohne die Großeltern gar nichts tun könnte. „Es ist ein Balanceakt, es ist anstrengend“, sagt sie. Ihre wichtigste Lektion sei gewesen, nicht immer überall 100 Prozent geben zu müssen. Frauen werde eingeimpft, immer perfekt sein zu müssen. Manchmal würde es jedoch auch völlig ausreichen, bei einigen Aufgabenbereichen nur 80 Prozent geben zu können.
Man muss nicht in jedem Aufgabenbereich hundert Prozent geben, sagt Landtagsabgeordnete Katharina Schulze
Häufig ist es allerdings auch einfach der Mut, der den Frauen fehlt. Das hat eine Umfrage ergeben, die die Organisatorinnen der Veranstaltung mit den Teilnehmerinnen direkt zu Beginn durchgeführt haben.
Die Frauen befürchten, sich nicht genug auszukennen, nicht ernst genommen zu werden, oder sie glauben, dem harten Ton in den Sitzungen nicht gewachsen zu sein.
Familienministerin Ulrike Scharf meint dazu: „Wenn Sie einen Mann auf der Straße fragen, ob er sich das zutraue, würde der sagen: Logisch! Fragen Sie eine Frau, dann fangen die Zweifel an: Kann ich das, schaffe ich das, hilft mir denn jemand?“
Aus eigener Erfahrung wisse sie jedoch: Vorbereitet bei den Sitzungen im Stadtrat seien die Frauen. Außerdem würden Frauen meist auch noch einen anderen Blick auf die Themen mitbringen. „Wir können das alles“, sagt Scharf.
Und auch die anwesenden Stadträtinnen machen den Frauen an diesem Abend im Alten Rathaus Mut: Wichtig sei vor allem die Lust auf neue Themen, breite Alltagserfahrung sowie ein gesunder Menschenverstand. Baujurist müsse niemand sein.
Ergebnis des Abends
Zum Abschluss gibt Claudia Alfons den Teilnehmerinnen noch einen Denkanstoß mit. „Es ist wichtig, mitzumachen“, sagt sie. Die Frauen sollen sich fragen: Kann ich es nicht wagen? Oder kann ich jemand anderen ermutigen? Alfons hofft, dass bei dem Abend ein Funke überspringen konnte.
Wie ist der Abend bei den Frauen angekommen?
Emel Kücükosman bezweifelt nach wie vor, ein politisches Amt zeitlich ausführen zu können. Aber der Zuspruch hat sie ermutigt. Besonders die Worte, die die Politikerin zu dem Gefühl, immer perfekt sein zu müssen, gefunden hat, sind bei ihr hängen geblieben.
Und auch Gabriele Meyer möchte sich nach wie vor nicht für den Stadtrat aufstellen lassen. Sie verfolge dessen Arbeit schon lange und sehe einfach nicht, dass sich viel ändere. Gut gefallen hat ihr die Rede von Katharina Schulze dennoch.
Oberbürgermeisterin Claudia Alfons ist zufrieden mit dem Abend. Es findet viel angeregter Austausch statt. „Der Raum brodelt“, beschreibt sie es. Sie hofft, dass die Veranstaltung einigen Frauen den Anstoß bieten könnte, sich ebenfalls als Kandidatin für den Stadtrat aufstellen zu lassen. Denn eine Ratsversammlung, bei der die Hälfte der Anwesenden Frauen sind, das wäre doch mal was.
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