Seine Einschränkungen halten Viktor Sauerborn nicht davon ab, seine Träume zu verwirklichen

Viktor Sauerborn (rechts) und sein Chef Michael Jeschke sind ein eingespieltes Team.
Foto: Julia Baumann-Scheyer

Der 24-Jährige hat ein Handicap. Jetzt hat er im Aquamarin die Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe bestanden – doch er will mehr.

Aus dem Aquamarin ist Viktor Sauerborn schon lange nicht mehr wegzudenken: Er beobachtet den Badebereich im Bodensee, passt am Beckenrand auf rutschende Kinder auf, kontrolliert im Keller die Technik und schaut, dass der Vorrat an medizinischem Material immer voll ist.

Vor ein paar Wochen hat er seine Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe abgeschlossen – als erster Azubi im Aquamarin. „Ich hab’ mich 2021 einfach frei Schnauze beworben“, erzählt der 24-Jährige. Die Ausbildung wollte er unbedingt bei Michael Jeschke in Wasserburg machen. Und wenn er sich etwas in den Kopf setzt, dann klappt das eigentlich meistens.

Dass seine Initiativbewerbung Erfolg hatte, liegt auch daran, dass Jeschke sich für ihn eingesetzt hat. „Was Besseres konnte uns ja gar nicht passieren“, sagt der Betriebsleiter des Freibads. Er kennt Viktor, der vor der Ausbildung auch ein Schulpraktikum bei ihm absolviert hat, schon eine Weile.

Viktor lebt für das Bad, sagt Jeschke.

Der 24-Jährige sei strukturiert, zuverlässig und verantwortungsvoll. „Er hat viel technisches Verständnis und ein großes organisatorisches Talent.“

Der Theorieunterricht war eine Herausforderung

Viktor Sauerborns Einschränkungen spielen bei seiner Arbeit kaum eine Rolle. Er und sein Zwillingsbruder Jakob sind viel zu früh, in der 25. Woche, geboren. Bei der Geburt bekamen sie zu wenig Sauerstoff und wogen nicht einmal ein Kilo. Die ersten Wochen ihres Lebens verbrachten sie in der Kinderklinik in Bregenz. Viktor hat eine spastische Lähmung, eine Fehlstellung der Hüfte und ist entwicklungsverzögert. 

Der Theorieunterricht in der Berufsschule war für ihn eine Herausforderung. Als Ausbildungsleiter hat Michael Jeschke seinem Schützling darum nicht nur Schwimmtraining und Technikschulungen gegeben – er hat auch mit ihm gepaukt. „Dieser ganze Schulstoff musste in ihn rein“, sagt der 60-Jährige und lacht.

Michael Jeschke (rechts) steht voll hinter seinem Schützling Viktor Sauerborn. Er hat ihn während dessen Ausbildung unterstützt.
Foto: Julia Baumann-Scheyer

Den Weg, den die beiden während der Ausbildung gemeinsam gegangen sind, beschreibt Jeschke als nicht einfach. „Das waren harte drei Jahre.“ Doch wer könnte Viktor Sauerborns Leidenschaft für Bäder– und besonders fürs Aquamarin – besser nachvollziehen? Jeschke selbst war etwa im selben Alter, als er im Aquamarin anfing. Mittlerweile arbeitet er dort seit 35 Jahren. Er betreibt seine eigene Schwimmschule und bildet Rettungsschwimmer aus.

Bei der Zwischenprüfung, die Viktor Sauerborn in der Lindauer Berufsschule und der Therme ablegte, haben die beiden zum ersten Mal gezittert. Aber er schaffte sie. Auch bei der Abschlussprüfung reichten die Noten in den Klausuren, um den Theorieteil zu bestehen.

Womit allerdings niemand gerechnet hatte: Er rasselte durch einen praktischen Teil.

13 Sekunden zu langsam

Bei der Prüfung, die er absolvieren sollte, ging es ums Rettungsschwimmen. Zwei Minuten Zeit hatte er, um einen Menschen in Kleidung 50 Meter weit „abzuschleppen“ – also schwimmend an den Beckenrand zu bringen. „Das ist sehr anspruchsvoll“, betont Jeschke. Viktor Sauerborn war in der Prüfung 13 Sekunden zu langsam. Seine Fehlstellung in der Hüfte war ihm zum Verhängnis geworden.

Dieses Bild entstand während der Ausbildung.
Foto: Viktor Sauerborn, privat

Einen Zeitbonus hatte er wegen seiner Behinderung nicht bekommen, auf den zweiten Prüfungsversuch musste er ein Jahr lang warten. Klar habe er sich damals Gedanken gemacht, sagt der 24-Jährige. „Aber dann habe ich mir gedacht: Kopf hoch, weitermachen.“ Und eigentlich, erzählt er, sei er gottfroh gewesen, dass er nur eine Aufgabe nicht bestanden hatte. „Den Kampf hab in dem Moment eher ich gehabt“, gibt Jeschke zu.

Die beiden mussten das Jahr bis zum nächsten Prüfungsversuch irgendwie überbrücken. Also wurde Viktor Sauerborn im Aquamarin als Rettungsschwimmer angestellt. Die Ausbildung dafür hat er schon vor einiger Zeit gemacht, ebenso wie die zum Sanitäter. Als er 2010 mit seinem Bruder und seinem Vater in die Wasserburger Wasserwacht eintrat, war schnell klar, dass das genau das Richtige für ihn ist: „Ich will Menschen helfen“, sagte er damals.

Im Winter arbeitete er in der Wasserburger Verwaltung mit. Die Gemeinde habe Viktor Sauerborn die Ausbildung auch im Sinne einer langfristigen Personalplanung ermöglicht, sagt Bürgermeister Harald Voigt. „Von Anfang an war es mein Ziel, ihn zu unterstützen, weil seine Motivation für diesen Beruf enorm ist und er auch sehr gewissenhaft und dienstleistungsorientiert seine Tätigkeit ausübt.“

Zahl der Badegäste hat sich mehr als verdoppelt

Das Wasserburger Bad wird bei Besucherinnen und Besuchern immer beliebter. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Badegäste mehr als verdoppelt: von rund 60.000 auf rund 150.000. Laut Jeschke liegt das daran, dass die Gemeinde das Bad vor einigen Jahren modernisiert hat, aber auch an der Surfschule, die sein Sohn betreibt und die viele junge Leute anziehe. Zudem kämen die Schülerinnen und Schüler der Schwimmkurse auch nach den Kursen gern weiter ins Bad.

Die Hilfe von Viktor Sauerborn kann der Betriebsleiter im Aquamarin gut gebrauchen. Kurz nach ihm hat mit Axel Schweinberger der zweite Azubi im Bad angefangen. Er konnte die Ausbildung verkürzen und ist im Freibad geblieben.

Vergangenen Juni machte Viktor Sauerborn seinen zweiten Anlauf. In der Zwischenzeit hatte er noch einmal hart trainiert und schaffte das Abschleppen schließlich in der vorgegebenen Zeit. Außerdem durfte er dieses Mal einen etwas anderen Griff anwenden, bei dem er einen Arm nutzen konnte, um seine Beine beim Schwimmen zu unterstützen.

Schwimmkurse und Aquafitness sind nicht so sein Ding

Als Fachangestellter für Bäderbetriebe kann er nun alles, was es braucht, um in einem Bad zu arbeiten. Und dazu gehört noch einiges mehr als Badeaufsicht, Erste Hilfe und Rettungsschwimmen. Er hat auch gelernt, wie man ein Bad verwaltet, und hat Prüfungen in Bädertechnik, Bäderbetriebslehre, medizinischer Fachkunde und Besucherbetreuung abgelegt.

Er kennt sich mit Umwelt- und Arbeitsschutz aus – und er kann Schwimm- und Fitnesskurse geben. Theoretisch zumindest. Denn beides ist nicht so sein Ding. „Schwimmkurse mache ich nur, wenn es unbedingt sein muss“, sagt Viktor. Vom Aquafitness verschont sein Chef ihn freiwillig. „Er hat überhaupt kein Taktgefühl“, sagt Jeschke und lacht.

Im Keller, wo die ganze Technik des Aquamarin verbaut ist, kennt Viktor sich aus.

Viktor Sauerborn liebt alles, was mit dem Thema Medizin zu tun hat – und die Technik. Mess- und Regeltechnik, Filtersysteme und Chlorpumpen sind seine Welt.

Seine Feuerprobe hat er direkt nach der Ausbildung diesen Sommer bestanden. Fünf Wochen lang fiel Betriebsleiter Michael Jeschke krankheitsbedingt aus. Und Viktor Sauerborn schmiss gemeinsam mit Uli Lang, dem Rettungsschwimmer im Aquamarin, Axel Schweinberger und den anderen Kolleginnen und Kollegen den Laden.

Dass ausgerechnet in dieser Zeit was an der Badetechnik kaputtging und er sich kümmern musste – Schicksal. Auch diese Prüfung hat er mit Bravour gemeistert. „Wenn jemand fertig ausgebildet ist, muss man ihm auch Verantwortung übertragen“, findet Michael Jeschke. Dass er stolz auf seinen Schützling ist, muss er nicht extra aussprechen.

Und Viktor? Für den ist längst klar, wie die Reise weitergehen soll. „Als Nächstes will ich meinen Meister machen“, sagt er, und meint damit: so bald wie möglich. Er hat schon bei der Prüfungsstelle nachgefragt, wann er starten kann.

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Barbara Glaser
    15.09.2025 20:07

    Einfach unglaublich toll- du kannst so stolz auf dich sein!
    Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung lieber Viktor! Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und Freude bei deinem Tun!
    Liebe Grüße Barbara (ich war vor langer Zeit deine Erzieherin im Kindergarten)

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