Die IHK-Regionalgeschäftsführerin weiß auch: „Wirtschaft ist Psychologie“. Wenn die Erwartung wegen negativer Nachrichten und negativen Vorhersagen schlecht ist, wirke sich das auf das Umfragen-Ergebnis aus.
Haußer betont die Schwierigkeiten in der Automobilindustrie als Grund für das schlechte Ergebnis. Denn Zulieferer aus der Region litten darunter.
Aber sind in anderen Regionen nicht auch viele Automobilzulieferer ansässig? Das Problem sei, so Haußer, dass sonst die Gastronomie meistens dazu beitrage, dass der Index ausgeglichen wird. „Diesmal konnte diese Branche den Negativeffekt der anderen Branchen nicht ausgleichen.“
Wie der Konjunkturindex funktioniert
Wie es der Wirtschaft geht, misst die IHK an ihrem Konjunkturindex. Dieser setzt sich zusammen aus der Geschäftslage der Unternehmen und den Erwartungen der Unternehmerinnen und Unternehmern.
Haben vor fünf Monaten noch mehr als 40 Prozent gesagt, dass ihre Lage gut ist, sind es jetzt nur noch etwa 20 Prozent. Außerdem blicken viele negativ in die Zukunft: Mehr Unternehmer gehen davon aus, dass sich ihre Situation verschlechtern wird.
Im Landkreis Lindau ist der Index im Vergleich zum Jahresbeginn um 12 Punkte auf 90 abgesunken. Damit liegt er laut IHK unter der psychologisch wichtigen Wachstumsschwelle von 100 Punkten. Der bayerisch-schwäbische Index liegt bei 104 Punkten und auch mit Blick auf das gesamte Allgäu (102 Punkte) steht der Landkreis Lindau schlechter dar.
Wie zeichnet sich die aktuelle Lage in den Unternehmen ab?
Rolf Thomann macht ein Beispiel aus seinem Betrieb: Ein Drittel der Kunden von Thomann seien Unternehmen aus dem Handwerk, zwei Drittel aus der Industrie. Und vor allem Letzterer gehe es nicht gut. „ZF hat im vergangenen Jahr eine Milliarde Euro Verlust gemacht“, sagt Thomann. Als Verkäufer werde es dann schwierig, mit diesen Unternehmen Geschäfte zu machen. „Sie geben es nach unten ab.“
Hinzukomme, dass die heimische Industrie immerhin 44 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erwirtschaftet. „Mit der Inlandsnachfrage allein können wir die Arbeitsplätze und damit den Wohlstand unserer Region nicht aufrechterhalten“, sagt Thomann. Daher setzten die regionalen Unternehmen auf Verhandlungen mit der US-Regierung, auf eine Vertiefung des EU-Binnenmarktes und auf neue Handelsabkommen der Europäischen Union.
Ein anderes Problem sind laut des Lindauer Unternehmers Rolf Thomann die zu hohen Arbeitskosten für Unternehmer, worunter Löhne, aber auch andere Angaben fallen. Auch was die Einkommens- und Unternehmenssteuern angeht, sieht Thomann Nachholbedarf. Denn die werden laut des Koalitionsvertrags der neuen Regierung zwar gesenkt, aber zu langsam und zu spät, findet der Vorsitzende der IHK-Regionalversammlung.
Die Wirtschaft brauche jetzt klare Rahmenbedingungen aus der Politik, sagt Thomann, der den Koalitionsvertrag als insgesamt positiv bewertet. „Das könnte in eine Wirtschaftswende führen.“ Weniger Berichtspflichten und die Abschaffung der Sorgfaltspflicht beim deutschen Lieferkettengesetz begrüße die IHK.
Eine Chance, den Arbeitskräftemangel zu bekämpfen, sieht Thomann darin, Hürden für Menschen aus dem Ausland abzubauen. „Das ist der richtige Weg“, sagt er.
Hohe Zölle können auch Vorteile haben
Die erhöhten Zölle, die deutsche Unternehmen an die USA zahlen müssen, spielen auch bei den hiesigen Unternehmen eine Rolle. Rolf Thomann sieht darin aber auch eine Chance. Wenn China zum Beispiel 30 Prozent Zölle zahlen muss und Deutschland zwischen zehn und 15 Prozent, könne das gegenüber dem Konkurrenten China ein Vorteil sein, sagt er.
Ein Thema, das sicherlich auch vielen Unternehmenden aus der Region schlaflose Nächte bereitet, ist die Übergabe ihres Betrieb. Vielen fehlt ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin.
Die Zahlen der IHK zeigen auch: Nirgendwo in der Region sind die Unternehmerinnen und Unternehmer so alt wie in Lindau. Mit 51,7 Jahren liegt ihr Alter über dem bayerisch-schwäbischen Durchschnitt.
Zum demografischen Wandel komme hinzu, dass im Landkreis Lindau das Ökosystem fehle, sagt Sebastian Gruber, Vorstandsmitglied der IHK Schwaben. In Städten gebe es mit Hochschulen und Universitäten mehr junge Menschen. Aber ohne sie sei es oft schwierig, Unternehmen in die nächste Generation zu führen.
Im Betrieb von Sebastian Gruber ist der Übergang schon geglückt. Er ist seit kurzem Geschäftsführer bei dem System- und Informationstechnik-Dienstleiser CheckTec in Lindenberg. „Ich bringe gerne eigene Ideen mit ein und Projekte voran“, sagt Gruber.
Aber wie kann die Übergabe bei anderen gelingen?
Man müsse bei den Mitarbeitern für Verständnis sorge – außerdem sei Werbung auf Social Media ein wichtiger Faktor, sagt Gruber. „Und vermitteln, dass das Unternehmertum nicht nur mit Risiken, sondern auch mit Chancen zusammenhängt“, sagt er. Schließlich könne man als Mittelständer viel in der Region bewegen.
Wirkt sich die schlechte wirtschaftliche Lage in Lindau jetzt auch noch auf das Problem der Nachfolge aus? Im Gegenteil, denkt Gruber. „Die schlechte Lage könnte eher Anreize schaffen, einzusteigen und etwas zu verändern.“