Knapp zwei Jahre nach der Rotkreuzklinik in Lindenberg schließt ein weiteres Krankenhaus in der Region. Tettnang liegt zwar im baden-württembergischen Bodenseekreis, aber so nahe an Lindau, dass sich die Schließung der dortigen Klinik auch auf die Asklepios Klinik auswirken wird.
Seit Anfang des Jahres ist die Innere Abteilung geschlossen, seit Ende März auch die Geburtshilfe. Zum 31. Mai wird der Betrieb der Klinik Tettnang nun komplett eingestellt. Das hat eine Sprecherin des Medizin Campus Bodensee, zu dem neben dem Klinikum Friedrichshafen auch das Tettnanger Krankenhaus gehört, am Dienstag auf Anfrage von Kolumna bestätigt und dann im Lauf des Tages eine Pressemitteilung verschickt.
Wie schon die Schließung der Rotkreuzklinik in Lindenberg vor knapp zwei Jahren wird sich auch dieser Wegfall eines Krankenhauses auf die Asklepios Klinik in Lindau auswirken – und auch die langfristigen Planungen für die stationäre Versorgung im Landkreis Lindau insgesamt beeinflussen.
Vor knapp zwei Wochen hat Kolumna der Geschäftsführung der Asklepios Klinik einige Fragen dazu gestellt, inwiefern die jüngsten Entscheidungen zur Klinik Tettnang in Lindau zu spüren waren. Noch bevor wir den Artikel dazu veröffentlicht haben, hat sich das Gesamtbild schon wieder deutlich verändert. Am Mittwoch vor Ostern wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik in Tettnang darüber informiert, dass der Betrieb des Krankenhauses zum 31. Mai eingestellt wird.
Medizin Campus Bodensee befindet sich in Planinsolvenzverfahren
Seit Ende 2025 befindet sich der Medizin Campus Bodensee in einem Planinsolvenzverfahren, auch Insolvenz in Eigenverwaltung genannt. Träger des Klinikverbunds war bis Ende 2025 die Stadt Friedrichshafen. Die Neuordnung der Krankenhausversorgung im Bodenseekreis liegt nun in Händen des Landkreises.
Ende März haben drei Klinikbetreiber – darunter die Oberschwabenkliniken aus Ravensburg – dem Kreistag des Bodenseekreises ihre Angebote beziehungsweise Konzepte zur künftigen stationären Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis vorgestellt. Am 13. Mai soll der Kreistag entscheiden, wer den MCB künftig weiterführt – ohne die Klinik Tettnang.
Und was bedeutet das nun konkret für den Landkreis Lindau und die Asklepios Klinik? „Seit der Schließung der Inneren Medizin in Tettnang beobachten wir die Veränderungen in den Patientenströmen sehr genau. Grundsätzlich führen strukturelle Anpassungen in der regionalen Versorgungslandschaft dazu, dass sich Patientinnen und Patienten neu orientieren“, teilt eine Sprecherin von Asklepios auf Anfrage von Kolumna mit.
Asklepios Klinik sieht sich gut aufgestellt
Diesen veränderten Patientenströmen sei man bislang gut gerecht geworden. „Insgesamt sehen wir uns gut aufgestellt, um auch unter veränderten Rahmenbedingungen eine verlässliche Versorgung sicherzustellen“, heißt es in der Mitteilung.
Zur Schließung der Geburtshilfe in Tettnang bringt die Asklepios Klinik zunächst ihr Bedauern zum Ausdruck: „Die Kolleginnen und Kollegen haben über viele Jahre hinweg eine engagierte und familienorientierte Geburtshilfe geleistet.“ Es sei davon auszugehen, dass sich die veränderte Versorgungsstruktur auch in Lindau bemerkbar machen werde. „Ein moderater Anstieg der Geburtenzahlen ist aus unserer Sicht wahrscheinlich und wir sehen uns gut darauf vorbereitet, zusätzliche Familien verantwortungsvoll zu begleiten.“
Teil des Tettnanger Hebammen-Teams kommt nach Lindau
Die Schließung der Tettnanger Geburtshilfe bringt für Lindau auch personelle Veränderungen. Wie die Asklepios-Sprecherin gegenüber Kolumna bestätigt, wird ein Teil des Hebammenteams aus Tettnang künftig in Lindau tätig sein. Im vergangenen Jahr wurden in der Asklepios Klinik Lindau rund 350 Geburten begleitet. In geburtenstärkeren Jahren lag die Zahl bei etwa 500 Geburten.
Wie sich die Patientenzahlen in Lindau infolge der jüngsten Entwicklungen im Bodenseekreis insgesamt verändert haben, dazu äußerte sich die Asklepios Klinik auf die Anfrage vor knapp zwei Wochen zwar nicht ganz konkret, weil es letztlich kaum möglich ist, in jedem Einzelfall den konkreten Zusammenhang herzustellen. Unabhängig von einzelnen strukturellen Veränderungen berichtet Asklepios aber von einer „steigenden Inanspruchnahme unserer Leistungen“.
Patientenzuwachs in der Notaufnahme um 15 Prozent
Deutlich zeige sich dies unter anderem in der Notaufnahme mit einem Patientenzuwachs von rund 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Diese veränderten Patientenströme habe man bislang gut auffangen können. Für eine aktualisierte Stellungnahme zur kompletten Schließung der Klinik Tettnang war die Sprecherin von Asklepios am Dienstagnachmittag nicht zu erreichen.
Die Krankenhauslandschaft in der Region befindet sich bereits seit geraumer Zeit im Umbruch, nachdem sinkende Fallzahlen, steigende Kosten und Fachkräftemangel Kliniken in ganz Deutschland in eine tiefe wirtschaftliche Krise gestürzt haben. Ein im Herbst 2024 vorgestelltes Gutachten der Beraterfirma 2perspectives empfahl vor diesem Hintergrund, die defizitären Kliniken in Lindau, Wangen und Lindenberg durch einen zentralen Neubau im Raum Hergatz zu ersetzen. Die Rotkreuzklinik war bei Vorstellung des Ergebnisses bereits geschlossen.
Weiterverfolgt wurde die Idee für dieses länderübergreifende Projekt zunächst nicht, weil der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha es abgelehnt hat und lieber den Standort Wangen stärken will. Der Lindauer Landrat Elmar Stegmann sah darin eine „vertane Chance“. Kolumna hat vor einem Jahr ausführlich darüber berichtet, den damaligen Artikel findet ihr hier.
Landrat sieht in zentralem Neubau die beste Lösung
Wie mögliche Alternativen aussehen könnten, soll eine Fortschreibung des Gutachtens aufzeigen. Vorgestellt werden soll es in einer der ersten Sitzungen des neu gewählten Kreistags. In der Märzsitzung des alten Kreistags hatte Elmar Stegmann zu verstehen gegeben, dass er es immer noch für die beste Lösung halte, die drei Standorte an einem zu bündeln. Und er kündigte an, das Thema nochmal anzugehen.
Ein zentraler Neubau käme auch den Bedürfnissen im Westallgäu entgegen, wo zuletzt mehrere tausend Menschen per Online-Petition nach dem Wegfall der Rotkreuzklinik in Lindenberg gefordert hatten: „Wir brauchen wieder ein Krankenhaus im Westallgäu.“ Der Kreistag hat sich dem Anliegen insofern angeschlossen, als dass eine wohnortnahe stationäre Versorgung im gesamten Landkreis angestrebt wird. Eine Option ohne baden-württembergische Beteiligung könnte zum Beispiel so aussehen, dass die Asklepios-Klinik verlegt wird, an einen Standort nordöstlich von Lindau.
Gutachten wirft auch Blick auf Tettnang
Im Lindauer Landratsamt war die geplante Schließung der Tettnanger Klinik am Dienstag noch nicht bekannt. Von Kolumna um eine Stellungnahme gebeten, stellt man dort fest: „Dass eine weitere Klinik in der Umgebung schließen muss, ist bedauerlich und zeigt einmal mehr, dass das System der Krankenhausversorgung in Deutschland einem krassen Wandel unterliegt, dessen Auswirkungen immer deutlicher bei der Bevölkerung ankommen.“
Zu Ergebnissen des aktuellen Gutachtens zur stationären Versorgung in der Region will man sich im Landratsamt vor der Präsentation im Kreistag noch nicht detailliert äußern. Dieses Gutachten befasse sich vorrangig mit der Frage, wie die Gesundheitsversorgung in der Region des Landkreises Lindau und des angrenzenden Landkreises Oberallgäu optimiert werden könne, um in diesem Gebiet die Gesundheitsversorgung zu stärken und zukunftsfähig weiterzuentwickeln. „Dabei wird auch ein perspektivischer Blick auf die Klinik in Tettnang genommen“, heißt es in der Stellungnahme.
Zu den wesentlichen Kernbotschaften hatte sich der Gutachter kürzlich in einem Interview mit der Westallgäuer Zeitung geäußert, auf das nun auch das Landratsamt verweist. Demnach erachte auch der Gutachter nach wie vor einen Klinikneubau in Abstimmung mit den Nachbarn aus Baden-Württemberg für die sinnvollste Option, um die Krankenhausversorgung im Landkreis Lindau nachhaltig zu sichern.