Gemeinsam mit Seniorinnen haben Schüler des Projektseminars Deutsch am Bodensee-Gymnasium ein Kochbuch gestaltet. Kolumna veröffentlicht exemplarisch zwei Texte und Rezepte, die die Schüler geschrieben haben. Und wir verraten euch, wie ihr an das Kochbuch kommt. Von Franz Wernecke und Charlotte Michel
Fast jeder besucht gerne seine Großeltern oder erinnert sich an vergangene Besuche. Besondere Erinnerungen verknüpft man häufig mit dem Essen bei Oma und Opa – nirgendwo schmeckt es so wie bei „Mutti“.
Die Rezepte unserer Großeltern, und die Geschichten dahinter, sind eine besondere Kunst, die heutzutage leider oft nicht mehr weitergegeben wird. Wer kocht noch regelmäßig die alten Gerichte von Oma?
Genau diese besonderen Rezepte, die für unsere Großmütter so viel bedeuten, nachzukochen, festzuhalten und aufzuschreiben, war uns, dem Projekt-Seminar Deutsch der 11. Klasse des Bodensee-Gymnasiums, sehr wichtig. Am Ende sollen wir ein konkretes Ergebnis zu präsentieren haben – in unserem Fall ein Kochbuch mit verschiedenen Rezepten und den Geschichten der Menschen dahinter.
Dazu befragten wir nicht nur unsere Großeltern, sondern auch Bewohnerinnen des Senioren- und Pflegeheims Reutin zu ihren Lieblingsrezepten. Ob Gerichte aus der DDR, Italien oder aus Lindau, ob die gefüllten Paprikaschoten der Schwiegermutter oder der Bier-Strudel aus Tschechien – für jeden ist etwas dabei. Hier kommen zwei Beispiele:
Der Kult-Nachtisch aus der DDR: Kalter Hund
Meine Oma, Angela Wernecke, geboren 1958 in Thüringen, war ein Kind der frühen DDR. Der Krieg war zu der Zeit noch keine 15 Jahre vorbei, und Süßigkeiten wie Schokolade und Kakao gab es in der DDR sowieso selten.
Dafür gab es für vieles Ersatzprodukte und eigene Leckereien wie Russisch Brot (ein trockenes Gebäck in Buchstabenform), Halloren-Kugeln (ein Konfekt aus Sahne und Schokolade) oder Nudossi, ein Nutella-Ersatz, der auch heute noch erhältlich ist.
Trotz des Mangels an süßen Zutaten hatte es ihr das Backen, vor allem mit Schokolade, früh angetan. Im Laufe ihres Lebens backte sie oft Kuchen und Torten, zuerst für ihre Eltern und Geschwister, dann für ihren Mann und ihre Kinder und Enkelkinder.
„Wie alle Kinder war ich eine Naschkatze“, erzählt sie. „Waffeln, Kekse, Schokolade – nichts war vor mir sicher, auch wenn Schokolade damals nicht zu alltäglichen Leckereien gehörte! Nun war meine Mutter nicht nur eine gute Köchin, sondern auch eine begabte Bäckerin, und so lag es nahe, dass sie Kekse und Kakao in traute Gemeinsamkeit brachte.“
Angela Wernecke mit ihrem „Kalten Hund“. Foto: Franz Wernecke
Trotzdem ist eine ihrer Lieblingssüßspeisen kein kompliziertes Rezept, sondern ein DDR-Klassiker, der vor allem wegen seiner Einfachheit oft im Hause Wernecke gebacken wurde.
„Kalter Hund ist eine Köstlichkeit, dessen Rezept schon seit den 1920er Jahren durch die Küchen geistert. Damals erfand die Firma Bahlsen einen ,Schokoladenkuchen aus Leibnitz-Keks’, also war es keine Idee einer pfiffigen DDR-Hausfrau, aber trotzdem ein Klassiker auf den Kaffeetischen.“
Außerdem ist der einfache Schokoladenkuchen nicht nur in Deutschland verbreitet: In Italien heißt er „salame al cioccolato“ (Schokoladensalami), in Griechenland „Mosaiko“ (Mosaikkuchen), in Dänemark „Kiksekage“ (Kekskuchen), und in Großbritannien wird er „chocolate biscuit cake“ genannt.
Obwohl es eigentlich eine einfache Nachspeise ist, gab es den Kalten Hund der Tradition wegen sogar oft zu Weihnachten, auch wenn der DDR-Kuchen optisch nicht wie eine Festtagsspeise aussieht. „Ja, der Kuchen sieht oft ein bisschen komisch aus, aber der Geschmack überzeugt“, sagt meine Oma „Aber warum es ,Kalter Hund‘ heißt, das weiß ich auch nicht.“
Das Geheimnis der „Zuppa Valdostana“
Meine Oma, Mery Favre, geboren im Jahr 1945 in einem kleinen Bergdorf in den italienischen Alpen, erzählt uns von einem Gericht, das trotz des ungewöhnlichen Aussehens jeden verzaubert.
„Zuppa Valdostana ist ein Gericht, das ich seit meiner Kindheit liebe. Meine Mutter hat es immer sonntags zubereitet oder an Tagen, an denen wir großen Familienbesuch bekommen haben“, erzählt sie. „Man muss dazu sagen, dass viele Menschen skeptisch sind, wenn sie von diesem Gericht zum ersten Mal hören, was auch verständlich ist, wenn man bedenkt, dass ‚nasses‘ Brot und Kohl zentrale Zutaten sind.“
Zuppa Valdostana. Foto: Charlotte Michel
Aber bisher seien alle Gäste, die dieses Gericht, welches oben knusprig und innen perfekt cremig und käsig ist, in unserer Familie probiert haben, davon begeistert. „Sowohl meine Mutter früher, als auch ich heute benutzen qualitativen Fontina (Bergkäse aus den italienischen Alpen) und Butter“, erzählt Oma Mery Favre weiter. „Außerdem verwenden wir Kohl, den wir selbst im Hochbeet angepflanzt haben.“
Am liebsten habe sie diese Zuppa im Frühling gegessen, denn das ist die Zeit, in der die Kühe wieder auf die Alm gehen und viele Blumen fressen. Das führt dazu, dass die Butter frischer und intensiver schmeckt.
Oma Mery Favre in jungen Jahren. Foto: Charlotte Michel
Auch jetzt bereite sie das Gericht noch gerne zu. „Vor allem in harten Zeiten schenkt mir dieses Essen ein Gefühl von Geborgenheit und erinnert mich zurück an die Kindheit, an die Zeit mit meinen Eltern, an die Wanderungen und Picknicks mit meinem Bruder, an das Versteckenspielen mit meinen Freunden abends nach der Kirche“, sagt meine Oma. „Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich noch hier sein werde, aber ich weiß, dass mich dieses Rezept bis zum Ende meiner Tage begleiten wird.“
Hier gibt es das Kochbuch
Habt ihr Hunger bekommen? Das Kochbuch „Gerichte mit Geschichte“ kann bestellt werden. Am besten schickt ihr dafür eine E-Mail an gerichte_mit_geschichte@gmx.de. Es kostet 9 Euro, der Erlös wird ans Seniorenheim Reutin gespendet.
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