Als in Hergensweiler noch die Bahn hielt

An der Bahnstrecke entstanden eigene Torfwerke. Im Degermoos gewonnener Torf diente als Brennstoff für die Dampflokomotiven. Transportiert wurde er in geschlossenen Torfmunitionswagen. Neben Lokführer und Heizer war während der Fahrt ein weiterer Mann nötig, der den Torf kontinuierlich zur Feuerung der Lok brachte. Foto: Heimatmuseum/abfotografiert von Susi Donner

Sonderausstellung im Heimatmuseum erzählt vom Torfabbau, dem Bahnhof – und dem letzten Zug, der dort hielt.

Vor der Vitrine mit den vergilbten Fahrkarten bleibt man unweigerlich stehen. Daneben liegen eine alte Fahrkartenzange und ein Bahnhofsschlüssel. Auf den Fotos dahinter drängen sich Menschen am Bahnsteig: Kinder, Familien, Musiker. Darüber steht ein Datum: 1. Juni 1985. An diesem Tag hielt der letzte Personenzug in Hergensweiler.

Für viele Bewohner endete damit ein Kapitel Dorfgeschichte. Die Fahnen standen auf Halbmast, der Musikverein spielte einen Trauermarsch. Die Bahn hatte über Generationen zum Alltag gehört und war weit mehr als ein Verkehrsmittel gewesen. Genau davon erzählt die Sonderausstellung „Nächster Halt Hergensweiler – zwischen Gleisen und Geschichten“ im Heimatmuseum.

Fahrkarten, Fahrkartenzange, Bahnhofsschlüssel und weitere Erinnerungsstücke dokumentieren die Geschichte des Bahnhofs in Hergensweiler. Historische Fotografien und Dokumente zeigen die Entwicklung des Bahnhofs vom einfachen Haltepunkt bis zur wichtigen Station für Personen- und Güterverkehr. Foto: Susi Donner

 

Die Idee dazu entstand durch eine Ausstellung zur Lokalbahn Röthenbach–Weiler, die der Historiker und Buchautor Stefan Stern konzipiert hatte. Doch bei ihren Recherchen stellten Andrea Stiebler und Angela Rehm vom Heimatverein schnell fest, dass Hergensweiler selbst über eine erstaunlich reiche Eisenbahngeschichte verfügt.

„Je tiefer wir eingestiegen sind, desto mehr Geschichten haben wir gefunden“, sagt Angela Rehm. Unterstützung erhielten die beiden unter anderem von der Deutschen Bahn, die historische Fotografien zur Verfügung stellte.

Der eigene Haltepunkt kam 1887

Die Ludwig-Süd-Nord-Bahn führte bereits seit 1853 durch Hergensweiler. Einen eigenen Haltepunkt erhielt die Gemeinde allerdings erst 1887. Mit der Bahn entwickelte sich das Dorf weiter. Rund um die Gleise entstanden neue Gebäude, Arbeitsplätze und Treffpunkte.

Die Bahnhofsrestauration war über Jahrzehnte Veranstaltungsort für Vereine, Theateraufführungen, Tanzabende und Feste. Mit dem Brand des Gebäudes im Jahr 1966 verlor Hergensweiler einen wichtigen Treffpunkt des Dorflebens. Foto: Heimatmuseum, abfotografiert von Susi Donner

 

Besonders wichtig war die Bahnhofswirtschaft. Hier traf sich das Dorf, Vereine hielten ihre Versammlungen ab, Theateraufführungen und Tanzabende fanden statt. Sogar Besucher aus Lindau sollen mit dem Fahrrad nach Hergensweiler gekommen sein, um dort zu feiern.

Eine Station der Ausstellung erinnert an den Brand der Bahnhofswirtschaft im Jahr 1966. Josef Wetzel, damals ein Bub und heute einer der beiden Diakone von Hergensweiler, erinnert sich noch daran: Das ganze Dorf sei in Aufruhr gewesen, das Gebäude habe lichterloh gebrannt.

Torf als Brennstoff für die Lokomotiven

Auch die wirtschaftliche Bedeutung der Bahn wird sichtbar. Im Degermoos stachen Landwirte Torf, der als Brennstoff für Lokomotiven genutzt wurde. Die Ausstellung zeigt, wie eng Landwirtschaft, Moorlandschaft und Eisenbahn einst miteinander verbunden waren.

Vor dem detailgetreuen Modell des ehemaligen Bahnhofgeländes bleibt Gertrud Heim stehen. Die 94-Jährige aus Mollenberg hat die Zeit des Bahnhofs noch selbst erlebt. Gemeinsam mit ihrem Sohn Siegmar betrachtet sie die Miniaturanlage. „Die wichtigen Gebäude sind alle vorhanden“, sagt sie. Kindheitserinnerungen werden wach.

Gertrud Heim aus Mollenberg betrachtet gemeinsam mit ihrem Sohn Siegmar das Modell des ehemaligen Bahnhofsgeländes. Die 94-Jährige erinnert sich gern an die Zeit, als die Züge noch in Hergensweiler hielten.

 

Historische Fotos, Dokumente, Fahrkarten und Erinnerungsstücke machen die Vergangenheit lebendig. „Wir wollten nicht nur Eisenbahngeschichte zeigen, sondern die Geschichten der Menschen, die mit der Bahn gelebt haben“, sagt Andrea Stiebler.

Die Ausstellung zeige, dass hinter Gleisen und Bahnhöfen weit mehr steckt als Technikgeschichte. Sie erzählt von Arbeit und Freizeit, von Vereinen und Wirtschaften, von Aufbruch und Abschied – und davon, wie die Eisenbahn Hergensweiler über Generationen geprägt hat.

Vor mehr als zehn Jahren haben Freistaat und Bahn die Wiedereröffnung der alten Bahnhalte in Hergensweiler, Weißensberg, Oberreitnau und Schlachters verkündet. Passiert ist bisher kaum etwas. Mehr dazu erfahrt ihr hier.

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