„Wer kein Netzwerk hat, hat keine Chance“

Frauen sind in der Kommunalpolitik noch immer unterrepräsentiert. Die Lindauer Oberbürgermeisterin Claudia Alfons, Stadträtin Ronja Bandte-Gebhard und die Sigmarszeller Gemeinderätin Nina Ehrle berichten von ihren Erfahrungen. Fotos: Stadt Lindau/privat/Franci Leoncio

Frauen sind in der Politik noch immer unterrepräsentiert – besonders im Lokalen. Woran das liegt und was sich ändern muss.

Weil sie über ihren Freundeskreis angesprochen wurde, ließ sich Nina Ehrle vor etwa fünf Jahren auf die Unabhängige Liste Sigmarszell setzen – und schaffte es in den Sigmarszeller Gemeinderat. „Ich dachte mir, es müssen mehr jüngere Menschen in den Gemeinderat“, sagt die 36-Jährige. „Speziell Frauen und Mütter haben eine ganz andere Sicht auf die Welt.“ Bei sehr vielen Themen fehle ohne Frauen diese Perspektive. Sie weiß aber auch: Neben Familie und Beruf ist das Ehrenamt nur machbar, weil sie ein Netzwerk aus Freunden und Familie um sich hat.

Wer das nicht hat, hat keine Chance sich einzusetzen.

Noch immer sind es die Frauen, die hauptsächlich betreuen, kochen, putzen, sich kümmern, sagt Defne Erzene-Bürgin, Dozentin für Gender Studies an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Frauen machten im Schnitt neun Stunden und zehn Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit pro Woche als Männer. Die Belastung, die Frauen aushalten müssen, sei hoch. „Da bleibt wenig Zeit für Ehrenamt, Teilhabe, Repräsentation.“

Frauen sind in der Politik nach wie vor unterrepräsentiert. Im neuen Bundestag werden weniger Frauen sitzen als im bisherigen, im bayerischen Landtag liegt die Quote gerade einmal bei einem Viertel. Und in der Region?

Im Schnitt beträgt der Frauenanteil in den Gemeinderäten und Stadtrat zwischen Nonnenhorn und Hergensweiler 27 Prozent, im Kreistag sind es rund 28 Prozent. Wie die Gemeinden im Detail abschneiden, zeigt die Grafik.

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Weitere Informationen
Bitte durchklicken: Geschlechterverteilung in Stadtrat und Gemeinderäten

Unter den Bürgermeistern in Deutschland sind nur etwa zehn Prozent Frauen. Die Lindauer Oberbürgermeisterin Claudia Alfons gehört quasi zu einer Minderheit. Landesweit betrug der Frauenanteil in den Gemeinderäten nach der Kommunalwahl 2021 etwa 22 Prozent, in den Stadträten lag er bei rund 33 Prozent.

„Damit ist die Kommunalpolitik – in der es um das Leben vor Ort geht – mehr als doppelt so stark von männlichen Perspektiven geprägt, während unsere Gesellschaft immerhin zu fast 51 Prozent aus Frauen besteht“, so Claudia Alfons, die sich viel für das Thema Frauen in der Kommunalpolitik einsetzt. 

Claudia Alfons
Sie tritt an, um Oberbürgermeisterin der Stadt Lindau zu bleiben: Claudia Alfons.
Foto: Stadt Lindau

Frauen schrecke oft ab, dass man sich mit einem politischen Mandat persönlich exponiert und angreifbar mache, schreibt Oberbürgermeisterin Claudia Alfons. „Das ist auch so. Wer sich einsetzt, setzt sich aus“. Gleichzeitig seien die politischen Themen, um die es geht und die Auswirkungen, die sie auch auf die Kinder haben, „es einfach wert, dass wir uns einsetzen.“

Das Baby ist im Gemeinderat dabei

Als Nina Ehrle ihr viertes Kind erwartete, war für sie von Anfang an klar: Sie würde weiterhin Gemeinderätin bleiben. Nur eine Sitzung ließ sie aufgrund der Schwangerschaft ausfallen – dann brachte sie ihr Baby einfach immer mit in den Gemeinderat. Im Tragetuch schaukelte sie das Kind und stillte es vor Ort. „Mein Kind war unkompliziert – da hatte ich Glück“, sagt sie.

Auf Gegenwind sei sie nie gestoßen. „Ich bin da mit einer ganz klaren Haltung reingegangen“, sagt sie. Wenn man von einer Sache überzeugt ist, klappt es auch, glaubt sie. Und sie war überzeugt. Ihre Listenkollegen haben gut reagiert, sie unterstützt – und das Baby auch das ein oder andere Mal während der Sitzungen getragen.

Nina Ehrle
Nina Ehrle kommt als junge Frau in den Gemeinderat. Foto: Franci Leoncio

Ein Männerclub: Kommunalpolitik bleibt männlich geprägt

Die Politik sei noch immer ein Männerclub, weiß Defne Erzene-Bürgin. Männer haben ein größeres Netzwerk, Frauen müssen sich stärker behaupten.

Man müsse mehr an junge Frauen glauben und ihnen vertrauen, dass sie die Arbeit in der kommunalen Politik gut machen, findet Ronja Bandte-Gebhard. Sie habe gelernt, sich durchzusetzen. „Ich benenne es mittlerweile klar, wenn ich unterbrochen werde“, sagt die junge Stadträtin. Die 25-Jährige hat erst vor Kurzem ihren Amtseid abgelegt. „Ich möchte mich von Männern, die älter oder länger dabei sind, nicht einschüchtern lassen.“

Ronja Bandte-Gebhard ist für Max Strauß in den Stadtrat nachgerückt. Die Fraktion der Bunten Liste ist damit – genauso wie die SPD-Fraktion – paritätisch besetzt.

Ronja Bandte-Gebhard ist die jüngste Stadträtin in Lindau. Foto_ Privat

Bei den Bunten war das so geplant. Als Max Strauß und Uli Kaiser bei der letzten Wahl wieder in den Rat gewählt wurden, hatten sie bereits vereinbart, dass sie noch während der Legislaturperiode Platz machen wollen für eine Frau. Vor drei Jahren ist dann Laura Brombeis für Uli Kaiser nachgerückt und 2024 Ronja Bandte-Gebhard für Max Strauß.

Viele kleben auf ihrem Stuhl

,sagt Max Strauß, der selbst mehrere Jahrzehnte Stadtrat war. Und schiebt selbstkritisch hinterher: „Ich ja auch. Vielleicht war das ein Fehler und ich hätte schon nach zwei Legislaturperioden sagen sollen, dass ich gehe.“

Schließlich habe er nicht die Perspektive einer Frau. „Der alte weiße Mann kann die Zukunft nicht gestalten“, sagt Max Strauß.

Frauenthemen sprechen eher Frauen an

Nur mit Frauen werden alle Themen angesprochen, sagt auch die Friedrichshafener Dozentin Defne Erzene-Bürgin. Frauen hätten zum Beispiel ganz andere Bedürfnisse an eine Stadtplanung. Für bezahlbaren Wohnraum, alleinerziehende Mütter, Altersarmut bei Frauen, ausreichende Ganztagsbetreuung, Beleuchtung der Straßen oder Plätze in Frauenhäusern setzten sich hauptsächlich Frauen ein.

Für die Frauenquote

Erzene-Bürgin ist für eine Frauenquote in den kommunalen Gremien. „Zumindest solange Frauen unterrepräsentiert sind.“ Sobald wieder für alle Parteien 50 Prozent der Räte weiblich sind, könne man die Regel auch wieder aufheben.

Nur so könnten Frauen genügend Netzwerke aufgebaut und sich strukturell und kulturell etwas verändern.

Claudia Alfons hat ihre Meinung zu einer Frauenquote geändert

Im Studium und den ersten Berufsjahren war Claudia Alfons noch gegen eine Quote. „Weil ich dachte, ich sehe doch, dass ich auch als Frau beruflich erreichen kann, was ich mir vornehme“, schreibt sie.

Mittlerweile hat die Lindauer Oberbürgermeisterin ihre Meinung geändert. Denn sie merke jetzt, dass sie zumindest auf kommunalpolitischer Ebene viel zu oft die einzige Frau allein unter Männern sei. Sie sei mittlerweile überzeugt, „dass wir aufgrund der bestehenden Kultur und Struktur sonst noch sehr, sehr lange brauchen werden, bis wir wirklich eine Gleichheit von Frauen und Männern erreicht haben.“ Wie es Artikel 3 des Grundgesetzes übrigens seit mehr als 75 Jahren zum Ziel setzt. 

Defne Erzene-Bürgin
Defne Erzene-Bürgin ist Dozentin für Gender Studies an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen

Dozentin Erzene-Bürgin weiß: Nur wenn mehr Frauen in den Gremien vertreten sind, kommen auch mehr Frauen nach. Allerdings betont sie auch: „Wir können und sollen Frauen auch nicht zwingen, in die Kommunalpolitik zu gehen – aber es ihnen zumindest ermöglichen.“

Man müsse einiges ändern, um Frauen zu motivieren, in die Kommunalpolitik einzutreten – wie Online-Gemeinderatssitzungen einführen. Außerdem solle es mehr Kampagnen geben, die die Bedeutung und Notwendigkeit von Frauen in die Kommunalpolitik erklären.

Neues Angebot für Frauen im Landkreis Lindau

Auch eine Willkommenskultur für neue Mitglieder sei wichtig, so die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Sandra Dalferth. Außerdem müsse sich am Zeitpunkt der Sitzungen oder Zeitaufwand für politisches Ehrenamt einiges ändern.

Helfen könnten auch neue Programme. Unter der Federführung von Sandra Dalferth bietet der Landkreis das Programm „Kommunalpolitik und ich?“ speziell für Frauen an. Von März bis Mai sind mehrere Veranstaltungen geplant, zum Beispiel ein Workshop, ein Online-Seminar oder ein Austausch mit Stadträtinnen.

Ob das den Frauenanteil erhöht, wird sich bei der Kommunalwahl im nächsten Jahr zeigen. Nina Ehrle jedenfalls bemüht sich in Sigmarszell gerade schon, Frauen für 2026 zu gewinnen. Immer mal wieder spreche sie Frauen an und gehe in den Austausch. „Ich stoße allerdings gerade nicht auf offene Ohren“, sagt sie. Aber sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Schließlich habe sie selbst eine richtig gute Zeit im Gemeinderat.

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