„So früh waren wir noch nie“

Julian Gierer in einem 54 Jahre alten Bacchus-Weinberg, den sein Großvater Erich angelegt hat. Heute arbeiten auf dem Weingut Gierer drei Generationen zusammen. Alle Fotos: Susi Donner

Winzerinnen und Winzer am bayerischen Bodensee starten schon mit der Lese. Hitze, Trockenheit und kürzere Reifezeiten verändern den Weinbau. Julian Gierer vom Weinbauverein erklärt, warum alte Regeln nicht mehr gelten.

Julian Gierer geht durch den Weinberg, zupft eine Beere ab und probiert. Ein paar Rebstöcke weiter die nächste. Kurz vor der Lese ist das eine wichtige Kontrolle: Wie schmeckt die Traube, wie weit ist die Reife, wie entwickeln sich Zucker und Säure?

„So früh wie dieses Jahr waren wir noch nie“, sagt der junge Winzer und Vorsitzende des Weinbauvereins Bayerischer Bodensee. Auch sein Vater Josef Gierer könne sich nicht an eine vergleichbare Situation erinnern. Er hat sogar das Ernteprotokoll aus dem Hitzejahr 2003 hervorgeholt. Selbst damals begann die Lese deutlich später, eher Mitte September.

In diesem Jahr wurden bereits Mitte August Traubenproben genommen. Erste Kolleginnen und Kollegen haben mit frühen Sorten begonnen, bei Gierer soll die Lese in dieser Woche starten.

Die alte Reihenfolge gilt nicht mehr

Früher konnten sich Winzer noch mehr auf eine vertraute Abfolge verlassen: zuerst etwa Müller-Thurgau, danach Burgundersorten, später Spätburgunder. „Wenn der Müller noch nicht reif war, musste man eigentlich nicht zu den Burgundern gehen“, sagt Gierer.

Heute funktioniert diese Faustregel nicht mehr. „Jetzt müssen wir alle Weinberge komplett zur gleichen Zeit anschauen.“ Lage und Wasserversorgung beeinflussen die Entwicklung so stark, dass sich die gewohnte Reihenfolge teilweise umkehrt.

Kurz vor der Lese ist das eine wichtige Kontrolle: Julian Gierer geht durch den Weinberg und probiert.

 

Auch die Zeit für die Lese ist kürzer geworden. Früher habe sich die Ernte über fünf oder sechs Wochen ziehen können, inzwischen seien es oft nur noch drei bis vier. Bei warmen Nächten und Tagestemperaturen um 30 Grad verändert sich der Zustand erntereifer Trauben schnell.

Regen kann Beeren zum Platzen bringen, auch Schädlinge müssen kontrolliert werden. Gierer betont, dass viele dieser Entwicklungen nicht nur seinen eigenen Betrieb, sondern die Winzer am Bayerischen Bodensee insgesamt betreffen.

Zucker allein entscheidet nicht

Aus dem Zuckergehalt der Trauben lässt sich errechnen, welchen Alkoholgehalt der spätere Wein ungefähr erreichen kann. Über den Lesetermin entscheiden aber auch Säure, pH-Wert, Aroma und Geschmack. Gerade die Frische und Leichtigkeit der Bodensee-Weine soll erhalten bleiben.

In warmen Jahren baut sich die Säure stärker ab. Wartet man zu lange, kann ein Wein zu weich und der Alkohol zu hoch werden; liest man zu früh, fehlt womöglich noch die geschmackliche Reife.

An einzelnen Trauben sind noch Spuren von Sonnenbrand zu erkennen. Kurz vor der Lese nimmt die Gefahr dafür ab, weil die Beerenschalen weicher werden. Die jüngsten Regenfälle und kühleren Nächte kommen den Reben nun entgegen.

 

Deshalb ist es so wichtig, den richtigen Moment für die Lese zu erwischen, sagt Julian Gierer, der selbst – vor allem im Sommer – Müller-Thurgau trinkt. Unter den Rotweinen ist ihm der Spätburgunder am liebsten.

Trockenheit macht sich bemerkbar

Normalerweise fällt am Bodensee reichlich Niederschlag. Reben kommen zudem länger mit Trockenheit zurecht als Obstbäume, weil sie tiefer wurzeln. In diesem Sommer trafen jedoch lange Trockenphasen und große Hitze zusammen.

Gerade auf den durchlässigen, kiesigen Böden ist die Wasserhaltekraft begrenzt. Während manche Weinberge grün blieben, zeigten andere Stresssymptome: Blätter starben ab, Trauben reiften nicht weiter oder wurden braun. Dort wurde bewässert.

Die Winzer nutzen dasselbe Versorgungssystem wie die Obstbauern. Das Wasser kommt aus dem Bodensee. Ein Bewässerungsverein hat in Nonnenhorn eine alte Trinkwasserleitung übernommen.

Klein, aber auf Qualität ausgerichtet

Der Bayerische Bodensee umfasst rund 90 Hektar Rebfläche. Etwa 90 Hektar Rebfläche gibt es am Bayerischen Bodensee. Die Weinberge liegen unter anderem in Nonnenhorn, Wasserburg, Bodolz und Lindau. Rund zwölf Weingüter bauen selbst Wein an, hinzu kommen weitere Winzer, die Trauben liefern. Anderswo ist ein einzelnes Weingut größer als das gesamte Gebiet am Bayerischen Bodensee.

Die überschaubaren Mengen lassen sich über Direktvermarktung, Gastronomie und Fachhandel absetzen, hinzu kommt der Tourismus. Eine starke Vergrößerung hält Gierer nicht für sinnvoll.

Wärmere Temperaturen eröffnen zwar neue Möglichkeiten, doch „die Rebe hat schon einen Anspruch an die Lage“. Nicht jedes freie Feld sei für Wein geeignet. „Wir setzen auf Qualität.“ Dazu gehört viel Handarbeit. Überschüssige Triebe werden ausgebrochen, später in den Drahtrahmen geheftet, Blätter entfernt und teilweise Trauben herausgenommen. Auch die Lese erfolgt vielfach von Hand.

Die Qualität entsteht draußen

Im Keller wolle Gierer möglichst wenig eingreifen, sondern erhalten, was aus dem Weinberg kommt. Dazu gehört für ihn auch der Boden. Er achtet darauf, welche Beikräuter zwischen den Reben wachsen und was Begrünungen oder Einsaaten bewirken. „Ich würde unsere Böden ungern schlechter an die nächste Generation weitergeben, als ich sie übernommen habe. Lieber besser.“

Wie langfristig Weinbau gedacht wird, zeigt ein Bacchus-Weinberg des Familienbetriebs. Die Rebstöcke sind 54 Jahre alt und wurden von Gierers Großvater Erich gepflanzt. Wissen aus Ausbildung und Studium sei wichtig, sagt Julian Gierer. Ebenso wichtig seien ihm die Erfahrungen von Vater und Großvater. Denn was Boden, Lage und Klima am Bayerischen Bodensee verlangen, stehe nicht vollständig im Lehrbuch.

Jetzt steht die Lese bevor. In den kommenden Tagen heißt es: beobachten, probieren, messen und entscheiden. Denn wenige Tage können darüber entscheiden, was aus einem ganzen Jahr Arbeit im Weinberg wird.

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