Wie Social Media, Gaming und Online-Sex uns süchtig machen

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Lindau
Bert te Wildt (Jahrgang 1969) ist Psychiater und seit 2018 Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen. Seit 2019 ist er zudem außerplanmäßiger Professor an der medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Foto: privat

Eigentlich wollte man nur schnell was bei Instagram schauen, zack, sind zwei Stunden vergangen. Was ist passiert? Warum wir das Handy so oft in die Hand nehmen – und es so schwierig lassen können.

Der Psychiater Bert te Wildt beschäftigt sich seit vielen Jahren in Wissenschaft und Praxis mit dem Thema Internetsucht. Vor einigen Tagen war er zu einer Tagung für Kinder- und Jugendpsychotherapie in Lindau. Im Gespräch erklärt er, warum er es für gefährlich hält, wenn sich das Leben zu weit ins Digitale verschiebt – und gibt Tipps, wie man dem echten Leben wieder mehr Raum gibt. 

Herr te Wildt, wenn Sie sich unser Verhalten in der digitalen Welt anschauen – machen Sie sich dann Sorgen?

Ja, das mache ich. Vor allem hinsichtlich der Formate, die man als soziale Medien bezeichnet. Sie sind verantwortlich für individuelle Abhängigkeitsverhältnisse im Sinne von Sucht, aber auch mitverantwortlich für ein kollektives Problem: die digitale Polarisierung und damit die Gefährdung der freiheitlichen Demokratie. Und wenn ich dann daran denke, dass Heranwachsende besonders gern soziale Medien nutzen und auch besonders anfällig sind für Radikalisierung – dann macht mir das Sorgen.

Wenn Sie von digitalen Junkies sprechen, dann meinen Sie Menschen, deren Internetnutzung krankhafte, suchtartige Züge hat. Woran erkenne ich denn, dass mein Kind, meine Partnerin oder sogar ich selbst digitale Junkies sind?

Gemäß der Weltgesundheitsorganisation gibt es drei Merkmale, die, wenn sie über einen Zeitraum von zwölf Monaten beobachtet werden, darauf hindeuten. Da ist zum einen der Kontrollverlust des Medienverhaltens, zum Beispiel was die Dauer, Häufigkeit und Intensität anbelangt. Zum anderen ist da die Priorisierung der digitalen Inhalte gegenüber anderen Interessen und Aktivitäten.

Gefährlich wird es auch, wenn Betroffene den Medienkonsum trotz negativer Konsequenzen im realen Leben, wie schlechten Schulnoten oder sozialer Isolation, nicht einschränken. Oft entsteht daraus dann ein Teufelskreis und diese Situationen führen dazu, dass man sich noch mehr ins Internet zurückzieht. Weltweit sind sieben Prozent der Menschen von einer solchen Sucht betroffen. Bei den Heranwachsenden dürfte der Prozentsatz höher sein.

Welche Plattformen machen besonders süchtig?

An erster Stelle sind es die Spiele. An zweiter Stelle, sagen Studien, sind es die sozialen Medien, obwohl die nicht mit so krass negativen Konsequenzen einhergehen wie Spiele, die man oft nicht so einfach unterbrechen kann. An dritter Stelle steht der Online-Sex, die digitale Variante der Sexsucht.

Konnte die Forschung bestimmte psychologische Dispositionen feststellen, die besonders anfällig machen für eine Internetsucht?

Ja, es gibt Menschen, die sind neurobiologisch mehr in Gefahr als andere. Menschen mit ADHS zum Beispiel haben eine neurobiologische Disposition, die die Gefahr vergrößert, süchtig zu werden. Psychologische Risikofaktoren haben auch Menschen, die an einem geringen Selbstwert oder Selbstbewusstsein leiden, und solche, die zu Depressionen neigen.

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Plattformen im Internet darauf ausgerichtet sind, dass wir möglichst lange dabei bleiben. Welche psychologischen Effekte werden dabei genutzt?

Man weiß aus neurobiologischen Studien, dass das Belohnungssystem getriggert wird – wie bei anderen Suchtmitteln auch. Bei Spielen zum Beispiel ist das oft die Anzahl der Treffer oder der Tötungen. In den sozialen Medien ist es die Bewertung, die Anzahl der Likes, die unser Belohnungssystem anspricht. Bei Sexangeboten ist es die Sexualität selbst. Kaum etwas triggert unser Belohnungssystem so sehr, wie sexuelle Erregung.

Welche psychischen, aber auch physischen Auswirkungen hat Internetsucht auf das reale Leben?

Es gibt krasse Fälle, in denen Menschen sich selbst oder andere nicht mehr gut versorgen können, zum Beispiel im Hinblick auf das Thema Ernährung. Beim Binge-Gaming, also dem exzessiven, stundenlangen Spielen von Computerspielen, kommt es immer wieder zu lebensgefährlichen Situationen. Menschen spielen 48 Stunden ununterbrochen, ohne etwas zu trinken oder zu essen – und brechen dann zusammen. In Korea gab es deswegen sogar schon einige Todesfälle.

Jetzt sind wir vielleicht nicht alle definitionsgemäß digitale Junkies, aber viele von uns wünschen sich trotzdem weniger Mediennutzung – schaffen es aber nicht. Haben Sie da Tipps?

Gut ist es, Verabredungen mit sich selbst zu treffen nach dem Motto: Wie viel Zeit erlaube ich mir, in meiner Freizeit am Bildschirm zu verbringen? Das kann man über die Screen-Zeit ja ganz einfach messen. Helfen kann auch, Bildschirme aus bestimmten Räumen zu verbannen. Zum Beispiel aus dem Bad, dem Schlafzimmer oder während des Essens im Esszimmer.

Bei Kindern vor dem achten Lebensjahr sollte man meiner Ansicht nach sehr vorsichtig sein mit der Bildschirmnutzung. Eine halbe Stunde fernsehen am Tag ist sicher kein Problem. Aber pädagogisch gesehen hat ein Kind bis zum achten Lebensjahr einfach ganz viele, ganz andere Entwicklungsaufgaben zu meistern. Zum Beispiel lesen, schreiben und rechnen zu lernen, aber auch den eigenen Körper und die sinnliche Welt zu ergreifen.

Was geht uns denn verloren, wenn wir zu viel in der digitalen Welt unterwegs sind? 

Die Fähigkeit, sich aufeinander zu konzentrieren, sich wirklich aufeinander einzulassen. Das Risiko, dass das verloren geht, ist groß. Seit es künstliche Intelligenz gibt, droht uns auch die Fähigkeit, selbst zu denken, abhanden zu kommen: das Formulieren eigener Sätze, das Erfinden eigener Geschichten. Und wenn wir uns irgendwann hauptsächlich mit der KI unterhalten, dann bewegen wir uns nur noch in einer Echokammer. Das macht das Denken träge. Und dem müssen wir gegensteuern.

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