Von Usbekistan nach Lindau: Gulnozas langer Weg zur Ausbildung

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Lindau
Gulnoza Zokirjonova (rechts) und ihre Ausbilderin Ilka Dalibor
Foto: Pantopix

Die junge Frau lernte innerhalb eines Jahres Deutsch und bewarb sich monatelang um eine Ausbildung – ohne Erfolg. Dann bekam Gulnoza Zokirjonova eine Einladung nach Lindau. Heute arbeitet die 23-Jährige beim Lindauer Unternehmen Pantopix. Trotzdem ist ihr Leben in Lindau nicht selbstverständlich.

Als Gulnoza Zokirjonova im Sommer 2023 in den Zug nach Lindau stieg, wusste sie nicht, ob sich die Reise lohnen würde. Elf Stunden war sie unterwegs. Einmal quer durch Deutschland, für ein Vorstellungsgespräch, das eine Stunde dauern sollte. Die Menschen in ihrem Umfeld hatten ihr abgeraten: zu weit, zu aufwendig, zu unsicher.

Wahrscheinlich wird daraus ohnehin nichts. „Aber für sie ging es um mehr als einen Ausbildungsplatz“, schreibt das Lindauer Beratungs- und Technologieunternehmen Pantopix in einer Mitteilung.

Hätte die damals 20‑Jährige keine Ausbildung gefunden, hätte sie zurück nach Usbekistan gemusst, so Pantopix. Zurück in das Dorf nahe Taschkent, in dem sie aufgewachsen war. Zweitausend, vielleicht dreitausend Menschen leben dort. Darunter auch ihre Eltern, ihr jüngerer Bruder, Verwandte und Nachbarn. Arbeit gebe es nur wenig.

Gulnoza war bereits einmal fortgegangen. Zunächst nach Taschkent, in die Hauptstadt, wo sie zwei Jahre lang Energieversorgung in Landwirtschaft und Wasserwirtschaft studiert hatte. Doch sie spürte, dass dieses Studium nicht ihr Weg war. „Sie wollte mit Zahlen arbeiten, mit Technik, vielleicht Informatik oder Mathematik studieren.“

Mit 20 Jahren als Au-pair nach Deutschland

Deshalb sei sie 2022 mit 20 Jahren ganz allein für ein Au-pair-Jahr nach Deutschland gegangen. Der Plan: Fuß fassen und ein Studium beginnen. Doch das Deutschland, das sie kennenlernte, sah anders aus als das Land, das sie sich vorgestellt hatte. Sie hatte an moderne Städte, Hochhäuser und eine dichte Infrastruktur gedacht. So wie in Taschkent, wo große Gebäude und breite Straßen das Bild prägen.

In Deutschland war sie ausgerechnet in einem Dorf nahe Bremen mit acht Häusern gelandet. Zum nächsten Sprachkurs waren es rund 30 Kilometer. Ohne Auto war er kaum erreichbar. Freunde oder Anschluss zu finden, war schwierig. Sie betreute zwei Kinder und versuchte gleichzeitig, eine Sprache zu lernen, die sie für alles brauchen würde, was danach kommen sollte.

Also lernte sie online. Neun Monate lang, intensiv. Als Gulnoza nach Deutschland gekommen war, hatte sie Grundkenntnisse auf A1‑Niveau. Am Ende des Au-pair-Jahres schaffte sie B1. Für ein Studium reichte das nicht. Dafür brauchte sie C1, das sind fortgeschrittene Sprachkenntnisse. Auch die weiteren Voraussetzungen für ein Studium in Deutschland waren hoch.

Eine Ausbildung war die realistischere Möglichkeit. Mit einem Ausbildungsvertrag und einem eigenen Einkommen waren die Hürden niedriger. Also begann Gulnoza, sich zu bewerben. Fünf Monate lang, bei Unternehmen im ganzen Land.

Fast immer kam eine Absage. Oft kam gar nichts, schreibt Pantopix. Dann sei sie auf das Lindauer Unternehmen gestoßen.

„Sie bekam den Ausbildungsplatz“

Nach einem ersten Onlinegespräch sei sie eingeladen worden. „Das Unternehmen übernahm Fahrt und Übernachtung.“ Trotzdem sei die Reise ein Wagnis gewesen. Sie führte ans andere Ende des Landes, weit weg von ihrer Au-pair-Familie und in eine Region, die sie nicht kannte. Für Gulnoza habe sich die Einladung wie die letzte offene Tür angefühlt.

Im Gespräch saß sie Mitarbeitenden aus Geschäftsführung, Personal und Office gegenüber. Man zeigte ihr das Büro, erklärte die Ausbildung und sprach mit ihr über ihren bisherigen Weg. Das Team war beeindruckt davon, wie schnell sie Deutsch gelernt hatte. Gulnoza selbst rechnete dennoch nicht mit einer Zusage. Sie hatte schon zu viele Absagen erhalten.

Einige Tage später kam der Anruf: Sie bekam den Ausbildungsplatz

Nun musste alles schnell gehen. Ihr Aufenthaltstitel war an das Au-pair-Jahr gebunden, das bald enden würde. Sie beantragte eine neue Aufenthaltserlaubnis und benötigte eine Arbeitserlaubnis, um die Ausbildung beginnen zu dürfen.

In ihrem Fall ging es ungewöhnlich schnell: Nach etwa zwei Wochen erhielt sie eine vorläufige Arbeitserlaubnis. Pantopix habe ihr für den Anfang eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Wenige Tage später begann ihre Ausbildung.

Das Ankommen im Unternehmen sei ihr leicht gefallen. Aber die Ausbildung war es trotzdem nicht. „In der Berufsschule musste Gulnoza nicht nur neue Inhalte lernen, sondern oft auch die Sprache dahinter entschlüsseln: Fachbegriffe, Geschäftsprozesse, juristische Formulierungen.“

Kurz nach Ausbildungsbeginn verließ ihre ursprüngliche Ausbilderin das Unternehmen, und Gulnoza hatte Angst, ihre Ausbildung könne gefährdet sein. Schließlich übernahm Ilka Dalibor die Betreuung, absolvierte kurzfristig den Ausbilderschein und begleitete sie durch die restliche Ausbildungszeit.

Gulnoza lernte weiter. Nach der Arbeit, am Wochenende, im Sprachkurs. Im letzten Ausbildungsjahr besuchte sie zusätzlich drei Monate lang dreimal pro Woche einen zweistündigen C1‑Vorbereitungskurs.

Es war ein Pensum, bei dem wenig Raum für Erholung blieb.

„Am leichtesten fielen ihr die Zahlen“, heißt von dem Unternehmen. Kaufmännische Steuerung und Controlling wurde ihr stärkstes Fach. Mathematik war schon in der Schule ihre Stärke gewesen. Zwischen der fünften und elften Klasse hatte sie regelmäßig an Wettbewerben teilgenommen, auf regionaler Ebene mehrfach gewonnen und später auch überregional zu den Besten gehört.

Am Ende schloss sie ihre Ausbildung mit der IHK-Note 1,7 ab.

Heute arbeitet Gulnoza bei Pantopix als Assistenz im Bereich Finanzen und Controlling. Genau dort, wo sie ihre größte Stärke gefunden hat. Sie möchte sich weiterbilden, vielleicht berufsbegleitend studieren oder später eine Weiterbildung zur Bilanzbuchhalterin absolvieren.

In Deutschland ist Gulnoza inzwischen angekommen. Sie geht gern an Seen und in die Berge. Sie mag die Natur, das Grün und die milderen Temperaturen.

Ganz selbstverständlich ist ihr Leben hier trotzdem nicht. Als Nicht-EU-Bürgerin muss sie ihr Bleiberecht immer wieder neu nachweisen.

Pantopix habe den Behörden mehrfach erläutern müssen, weshalb der Ausbildungsplatz und auch der spätere Arbeitsplatz nicht mit einer deutschen oder europäischen Bewerberin besetzt worden waren.

Gulnoza kenne das Gefühl, für dieselbe Chance oft mehr leisten zu müssen. Die Sprache, die Bürokratie, die vielen Absagen – leicht war ihr Weg nicht. Heute sei sie trotzdem froh, damals in den Zug gestiegen zu sein.

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