Dieter Hirlinger aus Nonnenhorn hat im Mai den deutschen Seniorentitel im Geräteturnen gewonnen. Seit 73 Jahren begleitet ihn der Sport – und bis heute gibt er seine Erfahrung weiter.
Dieter Hirlinger durfte bei den Deutschen Seniorenmeisterschaften gar nicht mehr alles zeigen, was er noch kann. Für Turner ab 80 gelten besondere Vorgaben, am Reck etwa ist die Höhe begrenzt. „Da hat man natürlich nicht so viele Möglichkeiten“, sagt Hirlinger.
Im Training sieht das anders aus. Dort geht der 80-Jährige nach wie vor ans hohe Reck. In einer aktiven Mannschaft, deren übrige Mitglieder zwischen 18 und 30 Jahre alt sind, darf es auch von ihm ein Salto beim Abgang sein. Angst? „Angst habe ich nicht.“
Wie fit Hirlinger noch immer ist, hat er gerade bewiesen: Er ist Deutscher Seniorenmeister im Geräteturnen geworden. Der Titel ist ein weiterer Erfolg in einem Sportlerleben, das vor 73 Jahren begann – zunächst allerdings keineswegs aus Begeisterung für Reck, Barren und Boden.
Geboren wurde Dieter Hirlinger in Bad Saulgau, mit drei Jahren kam er nach Nonnenhorn. Die Nachkriegsjahre waren entbehrungsreich, die Ernährung war knapp. Er war sieben Jahre alt, als seine Mutter mit ihm zum Arzt ging. Der Junge hatte eine Hohlbrust, der Brustkorb sollte gekräftigt werden. Der Rat des Arztes: Das Kind müsse in einen Turnverein, den Brustkorb weiten und Muskeln aufbauen. So kam Hirlinger zum TV Wasserburg.
Der Flickflack wird zur Wende
Dort merkte er bald, dass ihm das Turnen lag. Spätestens mit dem ersten Flickflack, einem Überschlag rückwärts, war die Begeisterung geweckt. Bis heute ist diese Übung für ihn etwas Besonderes. „Als mir der erste Flickflack gelang, wuchs mein Selbstvertrauen. Der Flickflack war für mich die Wende“, sagt Hirlinger.
Dieter Hirlinger turnt auch am Boden.
Später wechselte Hirlinger zum TV Kressbronn, weil er dort bessere Trainingsmöglichkeiten und eine bessere Geräteausstattung vorfand. Dort trainiert er bis heute. Er wurde immer besser, turnte später in Stuttgart in der dritten Bundesliga und trainierte auch mit hervorragenden deutschen Turnern wie Eberhard Gienger, der ihm, wie Hirlinger mit sichtbarer Freude erzählt, per Videobotschaft zum 80. Geburtstag im Februar gratulierte.
Von Gienger habe er sich damals einiges abgeschaut. Beide waren für Turner ungewöhnlich groß – am Reck konnte Hirlinger diese Größe nutzen und, wie er sagt, „schön sauber auf Länge turnen“.
Dieter Hirlinger aus Nonnenhorn gewann im Mai in Koblenz den deutschen Seniorentitel im Geräteturnen. Eine der Übungen am Reck, die er dafür zeigen musste.
Den ganz großen Schritt in den Leistungssport machte er bewusst nicht. Dafür hätte er ins Leistungszentrum nach Stuttgart ziehen und den Sport zum Beruf machen müssen. „Das wollte ich nicht.“ Seine Haltung dazu bringt Hirlinger in einem Satz:
Sport sollte für mich immer die schönste Nebensache der Welt sein.
Erfolge gab es trotzdem reichlich. 1972 wurde Hirlinger württembergischer Meister im Deutschen Zehnkampf – mit sechs Turn- und vier Leichtathletikdisziplinen. Oberschwäbischer Meister wurde er nach eigener Erinnerung sechs- oder siebenmal.
Beim Deutschen Turnfest war er in seiner jeweiligen Altersklasse mindestens fünfmal siegreich. „Vielleicht“, sagt er heute, sei es sogar von Vorteil gewesen, dass er nie ganz oben im Spitzensport angekommen sei. Während Leistungsturner auch Elemente beherrschen müssen, die ihrem Körper nicht immer liegen, konnte er stärker danach auswählen, was zu ihm passte.
Größere Verletzungen blieben weitgehend aus. Einmal brach er sich beim Absprung vom Reck den Ellbogen, Gelenkprobleme kennt er bis heute nicht.
Siegerehrung der Deutschen Seniorenmeisterschaft im Geräteturnen in Koblenz im Mai 2026. Dieter Hirlinger steht auf dem ersten Platz.
Für die jüngste Deutsche Meisterschaft trainierte Hirlinger vier Wochen lang täglich an den Geräten. Danach gönnte er sich eine etwas ruhigere Phase. „Man kann nicht ständig auf hohem Niveau turnen.“
Zweimal pro Woche trainiert er auch nach der Meisterschaft weiter. Ganz ohne? „Das geht nicht.“
Im Winter in den Bodensee
Zum Turnen kommt ein zweites sportliches Standbein: das Schwimmen. Es bringe die Ausdauer, die beim Turnen mit seinen kurzen Belastungen fehle, und schone zugleich die Gelenke. Hirlinger ist bei der Wasserwacht aktiv – und geht auch im Winter in den Bodensee. Wenn Sonne und Wetter passen, verabredet sich eine kleine Gruppe. Dann geht es in der Badehose ein Stück hinaus und wieder zurück.
Mit dieser Collage, die das Schwimmen und das Turnen – seine beiden sportlichen Leidenschaften – zeigt, hat Dieter Hirlinger zu seinem 80. Geburtstag eingeladen.
Erfahrung weitergeben
Das Turnen habe ihn als Menschen geprägt, sagt Hirlinger: Konzentration, Körperbeherrschung, Geduld und Teamfähigkeit habe er dabei gelernt. Genau das wolle er an die Jungen weitergeben. Seit seinem Ruhestand 2011 hilft Hirlinger beim Schulschwimmen in Nonnenhorn und nimmt Schwimmabzeichen vom Seepferdchen an ab.
Ebenso lange trainiert er den Turnnachwuchs beim TV Kressbronn. Mit einer seiner Mannschaften gewann er die Oberschwäbische Mannschaftsmeisterschaft.
Auch beruflich hat Hirlinger nie ganz aufgehört. Bis heute übernimmt er Küchenplanungen in der Familienschreinerei. Dass sein Rat weiterhin gefragt ist, macht ihn zufrieden. So bleibe er geistig gefordert, und der Übergang in den Ruhestand sei für ihn ein fließender.
Dass man den Alterungsprozess mit Sport ein Stück weit hinausschieben könne, davon ist Hirlinger überzeugt. Dazu gehörten für ihn frische Luft, regelmäßiges Training, nicht rauchen, wenig Alkohol und geistig aktiv bleiben. Eine Garantie sei all das nicht. „Aber viel mehr kann man wohl kaum dafür tun, möglichst lange gesund und beweglich zu bleiben.“
Mit seiner Frau Roswitha ist Hirlinger seit 54 Jahren verheiratet. Seine Kinder und Enkel gehören für ihn ebenso zu einem glücklichen Leben wie Sport und Gemeinschaft. Stillstand jedenfalls scheint in Dieter Hirlingers Leben nicht vorgesehen zu sein.
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