Mit 23 Jahren kämpft sie für die Rechte von Sportlern und prangert Machtstrukturen im DAV an

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Lindau
Vor einem Jahr hat der DAV sie aus dem Perspektivkader gestrichen, mittlerweile darf Sophia Wessling nicht mal mehr auf eigene Faust beim Weltcup starten.
Foto: Jens Lindenmüller

Vor einem Jahr hat der Deutsche Alpenverein die Lindauer Skibergsteigerin Sophia Weßling aus dem Perspektivkader der Nationalmannschaft gestrichen. Weil die heute 23-Jährige nicht mehr gut genug war? Oder weil sie und zwei weitere Athleten Missstände im Verband kritisiert haben? Die Fronten sind verhärtet.

Sie liebt die Berge, sie liebt ihren Sport und sie liebt es, sich auf höchstem internationalen Wettkampfniveau, im Weltcup, mit anderen Athletinnen zu messen. Sophia Weßling ist Skibergsteigerin und zählte im Deutschen Alpenverein (DAV) bis vor einem Jahr zum engsten Kreis jener Sportlerinnen und Sportler, denen gute Chancen eingeräumt wurden, im Februar 2026 für Deutschland bei der Olympia-Premiere der Sportart Skimountaineering (Skimo) an den Start zu gehen. Es sollte anders kommen.

Aktuell kämpft die 23-Jährige, Lindaus Sportlerin des Jahres 2022, nicht mehr um sportliche Meriten, sondern für die Rechte von Sportlerinnen und Sportlern – und dabei auch, so empfindet sie es, gegen Machtstrukturen im DAV.

Seit einem während Olympia ausgestrahlten  Beitrag der ARD, in dem Sophia Weßling und ihr ehemaliger Teamkamerad Felix Gramelsberger schwere Vorwürfe gegen den DAV erhoben haben (den Bericht findet ihr hier), ist ihr Kampf öffentlich. Intern führen ihn Weßling, Gramelsberger und ein weiterer Athlet, der anonym bleiben möchte, schon seit fast zwei Jahren.

Ausgangspunkt waren sportmedizinische Untersuchungen im Rahmen einer Studie, die im April 2024 nach Schilderungen der drei Sportler völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Unter anderem soll Athleten damals für Laktatmessungen in außerordentlich hohem Umfang – bis zu 60 mal innerhalb kurzer Zeit – Blut abgenommen worden sein, und dies zum Teil von ungeschultem Personal und unter Missachtung einfachster Hygienestandards. Felix Gramelsberger sprach in dem ARD-Beitrag von einer „wahnsinnigen Blutpanscherei“.

Was aus ihrer Sicht damals alles schiefgelaufen ist, schildert Sophia Weßling sehr detailliert in einem Interview auf welt.de, das ihr hier nachlesen könnt.

Rauswurf aus dem Kader, Startverbot für Weltcup

Die damaligen Ereignisse sind mittlerweile Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen. Darüber hinaus geht es Weßling und ihren Mitstreitern aber vor allem auch darum, wie der DAV mit der intern geäußerter Kritik in den vergangenen knapp zwei Jahren umgegangen ist.

Vor einem Jahr flogen alle drei aus dem Perspektivkader und damit aus der Nationalmannschaft, seit kurzem dürfen sie an internationalen Wettkämpfen nicht mal mehr dann teilnehmen, wenn sie wie zuletzt alles selbst organisieren.

Fünf Wochen sind seit Veröffentlichung des ARD-Berichts vergangen, als mir Sophia Weßling in einem Café auf der Lindauer Insel gegenübersitzt. Sie lächelt, auch wenn es zuletzt nicht arg viel Anlass dazu gab. „Man legt sich mit der Zeit ein dickes Fell zu. Vor zwei Jahren hätte mich das, was über mich behauptet wird, sicher stärker getroffen“, sagt sie.

DAV spricht von „Angstatmosphäre“ im Team

Vor einigen Tagen hat der DAV angekündigt, dass Sophia Weßling und ihre beiden Mitstreiter vorerst an keinen internationalen Wettkämpfen mehr teilnehmen dürfen. Begründet hat das der Verband damit, dass „sich das Teamklima erheblich verschlechtert“ habe.

Sophia Weßling in ihrem Element: beim Skibergsteigen vor Traumkulisse.

 

In einer Mitteilung verweist der DAV auf die Auswertung von Hinweisen aus dem Team, mit der eine Anwaltskanzlei beauftragt worden sei. Laut Darstellung des DAV steht in dieser Auswertung, dass im Team eine „Verunsicherung“, teils gar eine „Angstatmosphäre“ herrsche, „die auf das Verhalten der Vorwürfe erhebenden Personen zurückgehe“, also Weßling und ihre Mitstreiter.

Weiter heißt es, dass „von Seiten der Athletinnen und Athleten damit gerechnet werde, dass jedes Gespräch durch die Vorwürfe erhebenden Personen aufgezeichnet, jede Kommunikation über Messenger oder im persönlichen Gespräch selektiv (und teils sinnentstellt) an die Presse weitergegeben werde.“

Schon seit April 2025 vom Team isoliert

Harter Tobak. „Vor Veröffentlichung dieser Mitteilung hat der DAV uns nicht mal Gelegenheit gegeben, uns dazu zu äußern“, sagt Sophia Weßling. Die Aussagen bezeichnet sie als absurd. „Wir sind ja schon seit April 2025 völlig isoliert vom Team. Felix und ich durften an keinem Trainingslager mehr teilnehmen, sind in der Weltcup-Saison kein einziges Mal im Teambus mitgefahren, haben kein einziges Mal im Teamhotel übernachtet, waren kein einziges Mal im Team-Zelt und sind längst aus Whatsapp-Gruppen entfernt worden“, sagt Weßling.

Konkrete Beispiele, in denen Medien Athletenaussagen veröffentlicht haben, die auf oben beschriebene Weise von Sophia Weßling beschafft worden sein könnten, nennt der DAV auf Nachfrage von Kolumna nicht. Konkretere Anhaltspunkte dafür, dass die beschriebenen Befürchtungen auf mehr als bloßen Mutmaßungen basieren, liefert er ebenfalls nicht.

Ausschluss vom Weltcup kommt Berufsverbot gleich

Als Leistungssportlerin beziehungsweise Profisportlerin kommt der Ausschluss von Weltcup-Rennen für Sophia Weßling einem Berufsverbot gleich. Wenn sie keine Ergebnisse liefern kann, bekommt sie wahrscheinlich auch keine Förderung als Sportsoldatin der Bundeswehr mehr. Im Frühsommer wird es laut Weßling voraussichtlich so weit sein.

Wirklich wehren kann sich die 23-Jährige gegen den Wettkampfausschluss nicht. „In jedem Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis gibt es klare Rechte für Arbeitnehmer. Das Sportrecht ist aber mehr Verbandsrecht, in dem Sportler kaum Rechte haben. Nach meinen Erfahrungen gibt es keine Regeln, die Sportler ausreichend davor schützen, zum Spielball von Funktionären zu werden.“, sagt Sophia Weßling.

Schon der Rauswurf aus dem Perspektivkader vor einem Jahr, den der DAV offiziell mit ungenügenden sportlichen Leistungen begründete, wirft Fragen auf. „Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass gleichzeitig genau die drei Athleten die sportlichen Ansprüche nicht mehr erfüllen, die in den Monaten davor konstant den Mund aufgemacht und unbequeme Dinge angesprochen haben?“, fragt Sophia Weßling. Bei insgesamt 18 Athleten liege diese Wahrscheinlichkeit bei 0,1 Prozent. „Das muss man sich mal vorstellen“, so Weßling.

Weßling will Strukturen verändern

Zum Zeitpunkt des Ausschlusses aus dem Kader hatten sie und ihre beiden Mitstreiter bereits ein Jahr lang intern versucht, den DAV dazu zu bewegen, aus den Vorfällen im Nachgang der Studie im April 2024 in ihren Augen ausreichende Konsequenzen zu ziehen. „Niemand ist frei von Fehlern. Man sollte halt etwas daraus lernen und es in der Zukunft spürbar besser machen“, sagt Sophia Weßling.

Ihr gehe es vor allem darum, vorhandene Strukturen zu verändern. Konkret: „In meinen Augen braucht es einen Verband, der unabhängigen und neutralen Aufklärungsergebnissen offen, unvoreingenommen und unparteiisch gegenübersteht.“

Über verschiedene Wege habe sie immer wieder versucht, etwas zu erreichen. Den Willen, etwas zu verändern, habe sie aber nur bei sehr wenigen Leuten im DAV erkannt. Was sie auch deshalb sehr frustriert, weil sie im und mit dem DAV aufgewachsen ist und weiß, dass sich in den Sektionen „viele tolle Menschen engagieren“. Und weil sie voll und ganz hinter den Werten stehe, die der DAV nach außen trage.

Erreicht haben Sophia Weßling und ihre Mitstreiter nach dem Kaderrauswurf mit Unterstützung eines Rechtsbeistands immerhin, dass sich der DAV darauf einließ, die Vorgänge in Ruhpolding rechtlich überprüfen zu lassen. Wie dem Bericht der ARD zu entnehmen ist, besagt das daraus resultierende Gutachten, dass es Anhaltspunkte für Körperverletzung, Nötigung und Beihilfe zur Körperverletzung gebe.

Harte Ansage des DAV-Präsidenten

„Wir hatten gehofft, dass im DAV für uns entscheidende und spürbare Veränderungen angestoßen werden. Nach unserem Kenntnisstand wurden zwar Maßnahmen ergriffen. Diese haben jedoch die von uns wahrgenommene Benachteiligung von Hinweisgebern beziehungsweise Athleten bislang nicht beendet“, sagt Weßling.

Zugleich sei bei ihr und ihren Mitstreitern der Eindruck entstanden, dass Aussagen des Gutachtens infrage gestellt wurden. „In diesem Zusammenhang teilte uns der Geschäftsführer der DAV Leistungssport gGmbH mit, es gebe nach seinen bisherigen Recherchen keine Anhaltspunkte dafür, dass das Personal der gGmbH fahrlässig oder vorsätzlich unfair oder unangemessen mit uns umgehen wollte.“

DAV-Präsident Roland Stierle. Foto: DAV/Tobias Hase

 

Aus einem Klärungsgespräch, das im vergangenen Dezember stattgefunden hat, zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung DAV-Präsident Roland Stierle mit dieser Ansage an Weßling und die beiden anderen Sportler: „Wenn ihr euch nicht auf eine Einigung einlasst, dann könnt ihr jahrelang klagen. Das wird ein ewiger Prozess. Am Ende werdet ihr dann sowieso nicht Recht bekommen, und bis dahin werdet ihr in Deutschland sowieso nie wieder Leistungssport machen.“

Von Kolumna mit diesem Zitat konfrontiert, teilt ein Sprecher des DAV mit, dass es in diesem Bericht „aus dem Zusammenhang gerissen worden“ sei. Er verweist auf ein Interview mit Roland Stierle auf web.de, das hier zu finden ist.

Dementiert wird die Aussage darin nicht. Stattdessen konstatiert der Verbandspräsident, dass er in besagtem Gespräch vor einem langwierigen Prozess gewarnt und sich dafür stark gemacht habe, am runden Tisch eine Lösung zu finden.

Genau das hatten die drei Sportler nach eigener Darstellung zu diesem Zeitpunkt bereits eineinhalb Jahre lang vergeblich versucht. Für sie war nun der Punkt erreicht, an dem sie keinen anderen Ausweg mehr sahen, als die Sache gerichtlich klären zu lassen und an die Öffentlichkeit zu gehen.

Im Vordergrund stehen für Sophia Weßling dabei nicht mögliche strafrechtliche Konsequenzen, sondern etwas anderes: „Wir wollen nicht, dass unser Leidensweg umsonst war. Wir hoffen, dass sich wenigstens für die Sportlerinnen und Sportler, die nach uns kommen, etwas positiv verändert“, sagt sie.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ex-Bundestrainer und Sportlichen Leiter

Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat zwischenzeitlich Ermittlungen gegen den ehemaligen Bundestrainer Maximilian Wittwer und den nach Olympia freigestellten Sportlichen Leiter Hermann Gruber eingeleitet.

Im Fall Wittwer geht es um die möglichen Straftatbestände gefährliche Körperverletzung, vorsätzliche Körperverletzung, fahrlässige Körperverletzung und Nötigung, im Fall Gruber um mögliche Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung und Nötigung. Für beide gilt die Unschuldsvermutung.

Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft gegenüber Kolumna ausführt, besteht ein Anfangsverdacht gegen die beiden Beschuldigten, „da es aufgrund zureichender tatsächlicher Anhaltspunkte möglich erscheint, dass sie eine verfolgbare Straftat begangen haben.“ Wie lange die Ermittlungen noch andauern, könne nicht abgeschätzt werden, „allerdings noch mindestens mehrere Wochen“.

Fortsetzung der Karriere ist offen

Ob und wie ihre leistungssportliche Karriere weitergehen kann und weitergehen wird, weiß Sophia Weßling momentan selbst noch nicht. Dass es sie mit gerade mal 23 Jahren, eigentlich noch am Anfang der Karriere stehend, sehr reizen würde zu testen, was mit behutsamer Steigerung von Trainingsumfang und -intensität möglich wäre, daraus macht sie kein Hehl.

Wenn das nicht mehr möglich sein sollte, wird ihr Fokus eben noch mehr dem Medizin-Studium in Innsbruck gelten. Die Liebe zum Sport wird so oder so bleiben. „Momentan trainiere ich nach Lust und Laune. Ohne Trainingsplan“, sagt sie. Nächste Woche will Sophia Weßling mit Freunden ins Aostatal fahren. „Ein paar 4000er machen. Darauf freue ich mich sehr.“

Kolumna hat dem Bundesverband des DAV verschiedene Fragen geschickt, die teils mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen, teils mit Verweis auf andere Veröffentlichungen nicht oder nicht konkret beantwortet wurden. Darüber hinaus hat Kolumna auch die DAV-Sektion Lindau, sozusagen die sportliche Heimat von Sophia Weßling, um eine Stellungnahme gebeten. Dort verweist man auf den Bundesverband und bittet um Verständnis, „dass sich die DAV Sektion Lindau derzeit nicht inhaltlich zu Details äußern kann“. Unabhängig davon sei es „selbstverständlich unser Anspruch, dass mögliche Vorwürfe transparent aufgearbeitet und – sofern erforderlich – entsprechende Konsequenzen gezogen werden“.

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Monika Schwendinger
    31.03.2026 20:37

    Wie fast überall im Sport, alte Männer an der Macht, den jungen Athleten wird kein Gehör geschenkt. Klar jeder versteckt sich hinter dem anderen. Bis Köpfe rollen, haben die Jungen aufgegeben. Sehr schade

  • Tobias Francomano
    01.04.2026 07:39

    Die Frage die sich mir stellt, warum ein Verband wie der DAV die Heimat des SkiMos ist. Diese Sportart wäre sehr viel besser beim Deutschen Skiverband und dessen professionellen Strukturen aufgehoben. Schade für Sophia und größten Respekt für ihren mutigen Weg.

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