Gefährte gesucht: Ein Assistenzhund für Albert

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Lindau
Albert hintere Insel
Steine ins Wasser zu werfen ist eine von Alberts Lieblingsbeschäftigungen.
Foto: Susanne Dietrich

Der sechsjährige Albert aus Reutin lebt mit einem seltenen Gendefekt, der unter anderem Epilepsie und Autismus verursacht. Ein Assistenzhund könnte seinen Alltag erleichtern. Aber die Hundeausbildung wird nicht von der Krankenkasse bezahlt – deswegen haben seine Eltern eine andere Idee. Von Susanne Dietrich

Der sechsjährige Albert sitzt am Kiesufer und wirft verschieden große Steine ins tiefblaue Wasser. Stein um Stein. Immer wieder. Ganz versunken in die sich wiederholende Bewegung.

Er lebt mit seiner Familie in Reutin und kommt oft mit seinen Eltern und der anderthalbjährigen Schwester auf die Insel zum Steinewerfen. Der Herbstwind weht an diesem Nachmittag stark vom See her und es wird langsam kühler, aber es wirkt, als hätte der blonde Junge mit dem strahlenden Lächeln die Welt um sich herum vollkommen vergessen.

Albert hat einen seltenen Gendefekt, der Sprach- und Entwicklungsstörungen, Epilepsie und Autismus mit sich bringt. Seine sogenannte Autismus-Spektrum-Störung zeigt sich zum Beispiel daran, dass ihn Sinneseindrücke schnell überfordern, sagt Alberts Vater Martin Hailer. „Beispielsweise hält er es nicht lange in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen aus.“

Stattdessen verbringe er lieber Zeit im Freien, brauche viel Bewegung und widme sich gerne seinen sogenannten Stereotypien. Das sind repetitiven Verhaltensweisen wie dem Steinewerfen, die Menschen mit Autismus dabei helfen können, Stress abzubauen und sich zu beruhigen. „Albert kann lange Zeit einfach nur am Wasser sitzen und vor sich hinwerfen, ohne dass er daran interessiert wäre, etwas Neues zu entdecken, wie gesunde Kinder es vielleicht tun würden“, so Martin Hailer.

Der Sechsjährige braucht immer jemanden in seiner Nähe

Was Albert noch von anderen Kindern unterscheidet: Er spricht kaum. Wenn, dann sind es wenige Worte. Und: „Er braucht immer jemanden um sich, kann sich nicht alleine beschäftigen“, sagt seine Mutter Theresa Hailer.

Im Alltag kann das zu herausfordernden Situationen führen – zum Beispiel am Morgen, wenn Alberts Eltern gerade das Frühstück zubereiten und kurzzeitig nicht mit ihm spielen können. „Dann kann er ganz schön wütend werden“, erzählt Martin Hailer, „und es kann passieren, dass er seine Spielsachen – wie die Steine hier am Wasser – wild durch das Zimmer schmeißt. Das muss man immer versuchen, auszubalancieren.“

Albert, Martin, Theresa und die anderthalbjährige Paula Hailer (von links) kommen gerne an den Kiesstrand auf der hinteren Lindauer Insel.

Über Alberts Erkrankung ist bislang wenig bekannt

Alberts seltene Erkrankung, ein Defekt des Gens CHD2, ist noch kaum erforscht. „Zum Zeitpunkt seiner Diagnose im Jahr 2021 waren in einer weltweiten Datenbank nur 126 Fälle registriert“, erinnert sich seine Mutter. Die Familie Hailer ist über ein Internetforum im Austausch mit anderen betroffenen Familien, aber da sich die Einzelfälle und Krankheitsausprägungen stark unterscheiden, sind Alberts Eltern oft auf sich alleine gestellt.

Seine Epilepsie ist derzeit medikamentös so gut eingestellt, dass er seit drei Jahren nur noch selten Anfälle hat. Allerdings ist die Liste der Nebenwirkungen des Epilepsie-Medikaments lang und Albert kann nicht berichten, wie es ihm damit geht.

Die Suche nach Therapieoptionen ist herausfordernd

Nach anderen Therapieformen für müssen Theresa und Martin Hailer größtenteils selbst suchen. Manches hat geholfen, wie eine Ergotherapie in Verbindung mit Reiten in Immenstadt, anderes erwies sich als weniger effektiv. „Es war und ist immer wieder mühsam, geeignete Betreuungs- und Therapiemöglichkeiten, aber auch einfach integrative Spielplätze zu finden“, bedauert Theresa Hailer. „Für Kinder mit Einschränkungen gibt es aus meiner Sicht noch zu wenige Angebote.“

Ein Assistenzhund könnte Albert Ruhe schenken

Um Alberts Alltag zu erleichtern, wünschen sich seine Eltern für ihn einen Begleiter, der ihm zur Seite steht, seine individuellen Ausdrucksformen versteht und ihm in kritischen Momenten Ruhe schenkt: einen Assistenzhund.

Wenn beispielsweise beim Anziehen morgens Stress aufkommt und Albert wütend wird, könnte ein speziell geschulter Hund die Situation entspannen, hofft seine Mutter. „Zusammen mit einem Assistenzhund könnte das Anziehen spielerisch ablaufen, man könnte zum Beispiel ein Kleidungsstück gegen ein Leckerli tauschen.“ Auch Spaziergänge durch die Stadt und andere Alltagssituationen könnten sich, so die Hoffnung von Alberts Eltern, mit einem Assistenzhund harmonischer gestalten.

Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für den Assistenzhund nicht

Es gibt verschiedene Wege, wie ein Assistenzhund zu Albert und seiner Familie kommen könnte: Theresa und Martin Hailer haben viel recherchiert und sich für eine sogenannte Fremdausbildung auf einem Hundehof entschieden, bei der der Hund eine Grundausbildung, einen Gesundheitscheck und eine Spezialausbildung, die auf Alberts Fall ausgerichtet ist, erhält. Diese Komplettausbildung kostet rund 25.000 Euro.

Die Krankenkasse der Familie Hailer übernimmt die Kosten für den Assistenzhund nicht. In der Regel finanzieren die gesetzlichen Krankenkassen lediglich Blindenführhunde.

Auf Nachfrage von Kolumna schreibt Claudia Widmaier vom Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband), Assistenzhunde erfüllten nicht die Voraussetzungen eines medizinischen Hilfsmittels, „denn diese müssen die Auswirkungen der Behinderung im gesamten täglichen Leben beseitigen oder mildern und damit ein allgemeines Grundbedürfnis des täglichen Lebens betreffen“.

Es reiche nicht aus, wenn mit dem Hilfsmittel nur Nachteile in ganz bestimmten Lebensbereichen ausgeglichen würden. Hier liege der Unterschied zum Blindenführhund, der als Hilfsmittel gelte und daher von den gesetzlichen Krankenversicherungen bezahlt werden könne.

In einem Urteil vom Oktober 2024 gab das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen einer Krankenkasse recht, die die Kostenübernahme für den Assistenzhund einer Autismus-Patientin abgelehnt hatte.

Eine Online-Spendenaktion soll helfen, die Hundeausbildung zu finanzieren

Alberts Eltern müssen Anschaffung und Ausbildung des Assistenzhundes also selbst finanzieren – und haben sich entschieden, mit der Unterstützung des Fördervereins „Preciousdogs“ einen Online-Spendenaufruf zu initiieren. „Wir versuchen zu helfen, indem wir Anlaufstellen zu Stiftungen oder größeren gemeinnützigen Organisationen vermitteln und Spendenprojekte starten“, erklärt Thomas Brückmann vom Verein „Preciousdogs“.

Für die Finanzierung der Ausbildung von Alberts Assistenzhund läuft seit dem 7. Oktober eine Spendenaktion auf der Plattform betterplace.org. Angesetzt sind 20.000 Euro. Zusätzliche Kosten hoffen Alberts Eltern über Stiftungen aufzubringen. Die Chancen, dass der Betrag von 20.000 Euro bei dem Spendenaufruf zusammenkommt, stehen gut.

Schon am ersten Tag haben sich 2.500 Euro angesammelt, wenig später waren es bereits 10.000 Euro. „Die Aktion hat sich verbreitet wie ein Lauffeuer“, freut sich Alberts Vater. „Wir sind für jede einzelne Spende enorm dankbar.“ Erreicht ist das Spendenziel von 20.000 Euro allerdings bislang noch nicht.

Was einen Assistenzhund auszeichnet: Freundlichkeit und Aggressionslosigkeit

Es gibt Assistenzhunde mit unterschiedlichen Schwerpunkten, etwa für Menschen im Rollstuhl, Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen und eben auch für Menschen mit Epilepsie und Autismus wie den sechsjährigen Albert. An die Tiere werden hohe Anforderungen gestellt, erklärt die Assistenzhundetrainerin Heike Rath, die mit „Preciousdogs“ zusammenarbeitet und vom Deutschen Assistenzhundezentrum geprüft ist. „Ein potenzieller Assistenzhund muss vom Wesen her menschenbezogen, entspannt, freundlich und aggressionslos sein.“

Wichtig sei eine gute Sozialisierung des Hundes, also dass die Trainerin oder der Trainer mit dem Hund beispielsweise vorab Spielplätze oder Kindergärten besuche, wenn sich das Tier später entspannt in dieser Umgebung bewegen soll.

„Assistenzhunde können soziale Brücken bauen“, sagt die Hundetrainerin

Während der verschiedenen Ausbildungsetappen lernen Assistenzhunde unter anderem, nonverbale Signale von Menschen zu lesen und nicht auf Reize wie ein Stück Wurst am Straßenrand oder ein grobes Ziehen an ihrer Rute zu reagieren.

„Hunde, die speziell für die Begleitung von Menschen mit Autismus geschult sind, geben Sicherheit, können in kritischen Momenten beruhigen und soziale Brücken bauen“, sagt die Hundetrainerin. „Viele Betroffene machen durch den Assistenzhund Entwicklungsschübe, kommen beispielsweise über den Hund ins Gespräch mit anderen Menschen, was sonst nicht möglich gewesen wäre.“ Die Ausbildung wird mit einer Prüfung abgeschlossen.

Bei Alberts Familie überwiegt die Zuversicht

Albert und seine Familie erfahren voraussichtlich im Dezember, ob sich im aktuellen Jahrgang des Hundehofs, für den sie sich entschieden haben, ein geeigneter Assistenzhund für Albert befindet. Wenn ja, beginnt Anfang 2026 die Spezialausbildung des Hundes.

Ob der Assistenzhund den Alltag des Sechsjährigen tatsächlich positiv beeinflussen kann, muss die Familie erst noch ausprobieren. Aber eine Situation Anfang dieses Jahres stimmt Theresa und Martin Hailer positiv. Als Albert im Frühjahr mit seinen Eltern den Hundehof besuchte, war ihm zunächst alles zu viel. Geschlossene Räume. Fremde Menschen. Albert wurde wütend und wollte nur noch nach Hause. „Er hat an der Autotür gerüttelt, wollte losfahren und befand sich wirklich schon im roten Bereich“, erinnert sich sein Vater.

Doch dann kam der Hundetrainer mit einem Hund – und alles veränderte sich. „Innerhalb von ein, zwei Minuten war die Stimmung total lustig“, erzählt Theresa Hailer. „Albert hatte so viel Spaß mit dem Hund, das war wirklich erstaunlich. Ich sehe noch heute sein glückliches Gesicht vor mir.“ Dank dieser Begegnung überwiegt bei Familie Hailer die Zuversicht.

Für die Finanzierung der Ausbildung von Alberts künftigem Gefährten kann weiterhin gespendet werden. Wenn genügend Spendengelder zusammenkommen und auf dem Hundehof alles wie erhofft klappt, kann Albert im Frühjahr 2026 seinen neuen vierbeinigen Alltagsbegleiter persönlich kennenlernen.

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