Welches Großprojekt Wolfgang Strohmaier noch angehen will

Wolfgang Strohmaier.
Foto: Susi Donner

Für seine letzte Amtszeit hat der Bürgermeister von Hergensweiler noch einiges vor. Neben dem Kita-Millionenprojekt stehen Sanierungen an. Auf der Wiese neben dem Netto-Markt soll zudem ein besonderes Wohnprojekt entstehen.

Das Hergensweiler Rathaus, in dem wir uns zum Interview treffen, hätte eine Sanierung dringend nötig. Die Genehmigung dafür hat der Bürgermeister in der Schublade. Doch in den kommenden sechs Jahren gibt es Wichtigeres zu tun.

Durchs Fenster ist die Großbaustelle des Kitaneubaus zu sehen. Nur wenige hundert Meter weiter, auf der großen Wiese neben dem Netto-Markt, stehen derzeit die Container, in denen die Kindergartenkinder untergebracht sind. Auch dort ist ein Großprojekt für Jung und Alt geplant.

Wie das aussehen könnte, was Wolfgang Strohmaier sich von seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin wünscht und wie er die hohe Fluktuation in der Verwaltungsgemeinschaft in den Griff bekommen will, erzählt er im großen Kolumna-Interview.

Herr Strohmaier, wie ist Ihre dritte Amtszeit angelaufen?

Wir sind gut reingestartet. Der neue Gemeinderat ist sehr erfreulich und konstruktiv unterwegs. Gerade am Anfang geht es aber auch darum, den neuen Mitgliedern möglichst viele Informationen zu geben. Der Rat hat sich sehr verjüngt, einige waren in der vergangenen Wahlperiode noch nicht dabei und brauchen diese Informationen, um fundierte Entscheidungen treffen zu können.

Sie haben bereits angekündigt, dass diese Amtszeit Ihre letzte sein wird. Was müsste passieren, damit Sie Ihre Meinung noch einmal ändern?

Ehrlich gesagt gar nichts. Ich werde mit 64 in Rente gehen. Ich möchte diese sechs Jahre noch mit voller Energie und Engagement machen und anschließend einen guten Nachfolger oder eine gute Nachfolgerin finden.

Haben Sie schon eine Idee, wer das sein könnte?

Ich habe niemanden konkret im Kopf. Natürlich halte ich die Augen offen und hoffe, dass jemand Qualifiziertes kommt. Ein gewisser Vorteil wäre es sicherlich, wenn jemand schon im Gemeinderat arbeitet oder Verwaltungserfahrung mitbringt. Aber das ist keine Voraussetzung. Und am Ende entscheidet natürlich der Wähler.

Bürgermeister Wolfgang Strohmaier mit seiner Frau nach seinem Wahlsieg. Foto: Susi Donner

 

Was haben Sie sich für diese Amtszeit vorgenommen?

Ein wichtiges Thema ist der Breitbandausbau. Wir haben unsere Außenbereiche bereits über das erste Förderprogramm erschlossen. Ausgerechnet der Innenbereich konnte damals nicht gemacht werden, weil die Förderung ausgelaufen ist. Das ärgert mich bis heute.

Jetzt ist die Ausschreibung für den Innenbereich erfolgt. Ich hoffe, dass wir Verträge dieses Jahr abschließen können. Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollte es mit den Bauarbeiten losgehen. Im Ortskern und in Scheidenweiler müssen noch mehr als 400 Haushalte ausgebaut werden.

Außerdem müssen viele Gemeindegebäude saniert werden: Uns gehören zum Beispiel das Schützenheim, das Haus der Blasmusik, das alte und das neue Feuerwehrhaus, das Rathaus, das TSV-Heim, die Grundschule, die Leiblachhalle… Wir wollen einen Plan für die kommenden Jahre aufstellen und Prioritäten setzen.

Welches Gebäude ist dabei besonders dringend?

Das TSV‑Heim. Dort sind die sanitären Anlagen beispielsweise deutlich veraltet. Da geht es teilweise schon um die Substanz des Gebäudes und nicht nur um optische Dinge. Bei anderen Gebäuden haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder etwas gemacht.

Lange im Gespräch ist ein Rathausneubau. Sie haben die Pläne und die Genehmigung in der Schublade. Wird das noch in Ihrer Amtszeit passieren?

Nein. Vielleicht kommt es anders, aber ich sehe es eigentlich nicht mehr in meiner Amtszeit, weil wir andere Prioritäten haben. Notwendig ist es aber nach wie vor.

Ein großes Projekt wird sicher das auf der Fläche neben dem Netto, auf der derzeit noch die Container der Kita stehen. Was wird dort entstehen?

Ich gehe davon aus, dass wir dort Wohnbebauung schaffen werden. Mir ist aber wichtig, dass es nicht einfach irgendeine Wohnbebauung wird, sondern etwas, das unterschiedlichen Gruppen zugutekommt: Menschen mit weniger Geld, älteren Menschen, größeren Familien. Ich könnte mir ein Mischformat vorstellen, das auch zur Gemeinde und zur Region passt.

Die Container stehen auf der großen Wiese neben dem Netto. Foto: Susi Donner

 

Etwa eine Art generationenübergreifendes Wohnen?

Zum Beispiel, ja. Ich bemerke den schleichenden Rückzug der Stiftung Liebenau in unseren Lebensräumen. (Anmerkung der Redaktion: Die „Lebensräume für Jung und Alt“ sind eine Wohnform für Senioren, für Alleinstehende, Paare, Alleinerziehende oder junge Familien.)

An sich ist das ein tolles Projekt. Aber das Konzept, dass Alt und Jung gemeinsam unter einem Dach leben, stirbt langsam aus. Auch, weil eine neue Generation von Wohnungseigentümern da ist. Die Stiftung Liebenau arbeitet außerdem sehr intransparent.

Wenn wir nachfragen, bekommen wir nur ausweichende Antworten. Ich würde mir wünschen, dass sie irgendwann mal ehrlich sagen, dass sie keine Lust mehr auf das Projekt haben.

Ich könnte mir vorstellen, bei der Entwicklung des neuen Grundstücks wieder ein soziales Wohnkonzept aufzugreifen.

Wie könnte das aussehen?

Noch ist alles offen, das muss noch geplant werden. Wir haben uns vor Kurzem mal studentische Entwürfe an der TU München angeschaut. Ein Planer der Gemeinde ist dort Gastdozent, und seine Studierenden haben sich in einem Architekturkurs mit der möglichen Nachnutzung des Grundstücks beschäftigt. Es ging zum Beispiel darum, wie sich Wohnungen altersgerecht umbauen und anpassen lassen.

Und wenn sich ein Bedarf für Kleingewerbe oder vielleicht Einzelhandel ergibt, sollte man auch darüber nachdenken können. Am Ende muss das Projekt aber vor allem der Gemeinde etwas bringen.

Klingt nach einem Projekt, das Sie gerne noch in Ihrer Amtszeit verwirklichen würden.

Die Grundlagen werden wir legen. Ob die tatsächliche Realisierung noch während meiner Amtszeit kommt, kann ich heute nicht sagen. Das wird schwierig.

Und wie soll das finanziert werden?

Das ist noch offen. Es gibt verschiedene Ideen, aber darüber muss ich zunächst mit dem Gemeinderat sprechen. Die Gemeinde hat aktuell nicht die finanziellen Möglichkeiten, ein solches Projekt einfach selbst zu stemmen.

Damit sind wir bei einem wichtigen Thema: den Finanzen. Die neue Kita kostet inklusive aller Nebenkosten rund 15 Millionen Euro. Das reißt ein Loch in den Haushalt: Hergensweiler wird seit Langem wieder Schulden machen müssen. Wie halten Sie den Haushalt trotzdem solide?

Wir haben eine relativ gute Einnahmesituation, unter anderem durch die Einkommensteuer und die Gewerbesteuer. Bei letzterer würde ich eine Erhöhung nicht ausschließen. 

Wir haben unsere Einnahmesituation schon genauer angeschaut und etwa Friedhofsgebühren erhöht – beziehungsweise auf ein normales Niveau angepasst, so wie es andere Gemeinden auch haben. 

Kitaleitung Martina Müller und Sabrina Obererlacher, zweite Bürgermeisterin Sibylle Englmann, Maria Jäger, Chefin der Verwaltungsgemeinschaft Sigmarszell, Bürgermeister Wolfgang Strohmaier sowie Architekten von Hoffmann und Schneider aus Karlsruhe und Planer haben den ersten Spatenstich gesetzt.

 

Für Diskussionen sorgt aktuell die Ferienbetreuung. Die Gebühren steigen auf 140 Euro pro Woche – das ist mehr als doppelt so viel wie bisher. Die Gemeinde muss die Betreuung jetzt aber auch verpflichtend für alle Erstklässler anbieten. Verstehen Sie die Kritik an der Erhöhung?

Ja, 140 Euro für eine Woche sind viel Geld, und das wissen wir. Man muss aber auch die Ausgangslage betrachten. Die Gemeinde hat bisher freiwillig eine Ferienbetreuung für drei Wochen angeboten. Der damalige Beitrag war nicht auf einer tatsächlichen Kostenkalkulation aufgebaut.

Jetzt sind die Bedingungen völlig andere. Wir müssen künftig acht Wochen Ferienbetreuung anbieten. Wir müssen dafür mehr Personen bereitstellen – unabhängig davon, wie viele Kinder am Ende tatsächlich kommen. Sprich, wir brauchen zusätzlich Personal, und das ist teurer. 

Das Landratsamt hat sogar darauf hingewiesen, dass ein realistischer Beitrag eher bei etwa 250 Euro pro Woche liegen würde. Wir haben versucht, mit 140 Euro deutlich darunter zu bleiben.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen Ihrer Amtszeit?

Für mich geht es vor allem darum, die Lebensqualität in Hergensweiler zu erhalten, auch wenn manches teurer wird für die Menschen. Ein wichtiger Punkt ist die Versorgung im ländlichen Raum – insbesondere die medizinische Versorgung und die verkehrliche Erreichbarkeit.

Viele wünschen sich wieder einen Hausarzt in Hergensweiler. Wie realistisch ist das?

Das ist schwierig. Die Kassenärztliche Vereinigung lässt grundsätzlich keine zusätzliche Zulassung für einen Arzt in Hergensweiler zu. Dafür müsste eine bestehende Zulassung frei werden.

Ich führe immer wieder Gespräche mit Ärzten, die grundsätzlich Interesse haben. Das Problem ist aber: Viele Ärzte wollen heute auf dem Land angestellt sein. Eine Arztpraxis als Gemeinde können wir nicht betreiben. Das können wir mit 2000 Einwohnern schlicht nicht leisten.

Wenn der Arzt nicht nach Hergensweiler kommt, muss die Gemeinde dafür sorgen, dass die Menschen zum Arzt, etwa nach Sigmarszell, kommen können. Wir haben einen stündlichen Busverkehr und mit dem Bürgermobil „Paule“ ein weiteres Angebot. Das sind Schritte in die richtige Richtung.

Glauben Sie, dass der Bahnhof tatsächlich irgendwann noch wiedereröffnet wird?

(lacht) Ich weiß es nicht. Ich würde es mir sehr wünschen, aber die Kommunikation mit der Bahn und dem Land ist nach wie vor schwierig. Und wir haben wenig bis keine Handhabe.

Der Bahnhalt in Hergensweiler. Archiv: Susi Donner

 

Anderes Thema: Bei der Verwaltungsgemeinschaft fällt eine hohe Personalfluktuation auf. Immer wieder werden im Amtsblatt neue Mitarbeiterinnen gesucht. Sie sind jetzt neuer VG-Vorsitzender und tragen damit eine besondere Verantwortung. Wieso ist die Fluktuation so hoch?

Was ich vorweg sagen möchte: Wir haben sehr viele, sehr gute Mitarbeiterinnen. Ich glaube auch, dass diese Mitarbeiterinnen sich wünschen, dass wieder mehr Beständigkeit in die Verwaltungsgemeinschaft kommt.

Es gibt einige Defizite und die sind in meinen Augen in den letzten Jahren entstanden. Aufgabenprofile sind in den letzten Jahren verwässert.

Sie waren unter Ihrem Vorgänger Hans Kern bereits stellvertretender VG‑Vorsitzender. Hat er aus Ihrer Sicht Fehler gemacht?

Das kann ich so nicht sagen. Je mehr ich mich mit dem Personal beschäftige und je mehr Einblicke ich jetzt bekomme, desto mehr sehe ich natürlich, an welchen Stellen wir Strukturen verändern und Dinge neu ordnen müssen.

Was wollen Sie als neuer VG-Vorsitzender konkret anders machen?

Ich bin gerade dabei, mir die Abläufe genau anzuschauen. Zuständigkeiten müssen neu strukturiert werden. Es muss wieder mehr Beständigkeit in die Verwaltung kommen. 

Wenn Sie sich vorstellen, Sie stehen im Jahr 2032 kurz vor Ihrem Ruhestand – wie soll Hergensweiler dann dastehen?

Es soll einfach alles funktionieren. Die Kita soll funktionieren, die Schule und die Mittagsbetreuung sollen funktionieren. Ich möchte, dass wir überall geordnete und geregelte Abläufe haben.

Ich möchte eine funktionierende Gemeinde übergeben, in der der nächste Bürgermeister oder die nächste Bürgermeisterin gut weiterarbeiten kann.

Jemand anderes wird andere Gedanken und Ideen haben. Das ist auch gut so. Meine Aufgabe ist es jetzt, diese sechs Jahre noch mit voller Kraft zu nutzen.

 

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