Albrecht Von Lucke (rechts) ist zu Gast im "Heimspiel" mit Moderator Wolfgang Heim. Schon wieder war das Interesse so groß, dass das Talkformat von der Hinterbühne in den großen Saal des Stadttheaters umgezogen ist.
Normalerweise gibt Albrecht von Lucke seine Analysen in Talkshows wie Maybrit Illner, Maischberger, Markus Lanz oder dem Presseclub zum Besten. Einem Zufall ist es zu verdanken, dass er kurz nach der Wahl ausgerechnet in Lindau ist.
Die GroKo sei das einzige, was Deutschland noch bleibt – auch wenn sie nur ein GroKöchen ist und nicht zuletzt wegen Trump vor enormen Herausforderungen steht. Die FDP habe sich erledigt, ebenso wie Robert Habeck. Auch Sahra Wagenknecht werde die politische Bühne verlassen und die Kanzlerschaft von Olaf Scholz sei ein Irrtum der Geschichte gewesen. Doch „das eigentliche dramatische Ergebnis der Wahl ist ein eklatanter Rechtsruck“. Im Minutentakt wirft Albrecht von Lucke beim „Heimspiel“ im Lindauer Stadttheater mit Thesen und Analysen um sich.
Die einen lassen das Publikum kurz laut auflachen, andere lassen es schlucken. Aussteigen wird in den gut anderthalb Stunden keiner. Denn von Lucke und Moderator Wolfgang Heim schaffen es, immer unterhaltsam zu bleiben – auch wenn die Prognosen düster sind.
Dass von Lucke, der vielzitierte Politikwissenschaftler und Journalist, der unter anderem für verschiedene linksliberale Medien schreibt, nur wenige Tage nach der Bundestagswahl im Lindauer Stadttheater ist, ist Zufall. Der Termin fürs „Heimspiel“ stand schon fest, bevor der Wahltermin vergeben wurde, erklärt Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn am Donnerstagabend. Und dann ging der atemlose Ritt durchs aktuelle Politik-Geschehen auch schon los.
„Die FDP hat sich erledigt“
In Brandenburg sei die FDP hinter der Tierschutzpartei gelandet. Von Luckes Fazit: „Die FDP hat sich erledigt“. Daran könnten auch die „Nachwuchskräfte“ Wolfgang Kubicki und Marie-Agnes Strack-Zimmermann nichts ändern.
Christian Lindner habe den Kurs der Partei „immer weiter radikalisiert“ und „Opposition in der Regierung gegen die Regierung gespielt“. Und Kubicki habe einen „AfD-Softkurs“ gefahren, der bei jungen Menschen ganz gut angekommen sei. „Aber die sind jetzt alle bei der echten AfD.“
Kommt eine Reunion von Linken und BSW?
Ebenso wie Lindner werde auch Sahra Wagenknecht nach der Niederlage des BSW aus der Spitzenpolitik verschwinden, glaubt von Lucke. „Wenn ihr die Bühne fehlt, wird es schwierig.“ Sowieso habe er bis Dato noch nie ein Bündnis aus nur einer Person kennengelernt, scherzt Lucke – und erntet die ersten Lacher des Abends.
Allerdings, und da wird er wieder ernst: Im Osten Deutschlands gebe es einen reformierten Teil des BSW, der genau das Gegenteil von dem mache, was Sahra Wagenknecht wolle. „Dort könnte es eine Reunion mit der Linken geben.“
Das Ergebnis der Linken nicht für möglich gehalten
Deren Aufstieg hat den Politikwissenschaftler offenbar ehrlich überrascht. „Ich dachte, Sahra Wagenknecht schafft das Ding und die Linken sind weg“, gesteht er. Als den „Schöpfer des Erfolges der Linkspartei“ sieht er Unionskanzlerkandidat Friedrich Merz. „Er hat für eine Rechtsverschiebung des gesamten Parlaments gesorgt“, so von Lucke. „Die Linke ist voll in diese Lücke gesprungen.“
Die Kanzlerschaft von Olaf Scholz – Ein Irrtum der Geschichte?
„Olaf Scholz ist uns als ein Irrtum der Geschichte präsentiert worden“ – auch für diese These erntet von Lucke Lacher. Kanzler sei Scholz vor allem aus Mangel an Alternativen geworden.
Die Grünen hätten 2021 mit Annalena Baerbock auf die falsche Kandidatin gesetzt. Und Unionskandidat Laschet habe „im falschen Moment gelacht“ und sei dann noch von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gejagt worden.
Was vom SPD-Kanzler Scholz aus von Luckes Sicht am Ende bleibt: „Das Scholzen und das schlumpfige Grinsen.“
„Aus Habeck wird nichts mehr“
Dass er Robert Habeck – spätestens nach einer gemeinsamen Zugfahrt – sympathisch findet, daraus macht von Lucke kein Geheimnis. Auch, weil er ihn immer als kompromissbereit wahrgenommen habe. Als Wirtschaftsminister hat Habeck aus von Luckes Sicht trotzdem versagt.
Aussagen wie Habecks „Das Angebot war top, die Nachfrage war nicht so dolle“ könne man höchstens im Kabarett bringen. Außerdem sei Habeck wie andere Politiker auch „hochgradig inszeniert“ gewesen. „Aus Habeck wird nichts mehr“, ist von Lucke überzeugt. Da helfe auch keine Online-Petition. Trotzdem dürfe man es „nicht zu gering schätzen“, wenn drei talentierte Spitzenpolitiker wie Habeck, Wagenknecht und Lindner die politische Bühne gleichzeitig verlassen.
Was von Lucke der Ampelregierung vorwirft
„Das eigentliche dramatische Ergebnis der Wahl ist ein eklatanter Rechtsruck“, sagt von Lucke. Dass die AfD ihr Ergebnis im Bund im Vergleich zur vergangenWahl verdoppelt hat, wirft von Lucke „der ganzen Ampel“ vor.
Dass die AfD 10,4 Prozentpunkte zugelegt habe, die CSU hingegen nur vier, sei ein „Desaster sondergleichen“. Und dass die AfD im Osten durchgängig stärkste Partei ist, „ein Ergebnis von drei Jahren Ampel und Friedrich Merz“.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sich die Führungsfiguren innerhalb der Ampel in ihren Stärken, die sie aus von Luckes Sicht alle drei haben, unterstützt hätten. „Aber Habeck wurde nicht nur von der FDP gejagt, dazu kam auch noch der Neid von Olaf Scholz.“ Und so sei die Ampel geprägt gewesen von einer „Kultur des Misstrauens“.
„Merz bringt das Land einer AfD-Koalition näher“
Dem Unionskanzlerkandidaten Friedrich Merz hält von Lucke zwar seine Leidenschaft zu Gute. „Und ich glaube ihm auch, dass er keine Koalition mit der AfD will.“ Allerdings ist der Journalist auch überzeugt: „Er macht die Brücke für diejenigen, die eine schwarz-blaue Koalition wollen, immer größer.“
Dass Merz mit der Migration ein „originäres Thema der AfD“ zum Wahlkampfthema gemacht habe, sei mit eine Erklärung für die rund 21 Prozent, die die AfD im Wahlkampf erreicht habe. Dabei hätte sich die Union auch leicht als Kraft der Wirtschaft inszenieren können.
„Die GroKo ist das Letzte, was noch bleibt“, resümiert von Lucke. Dass man aber eher von einem GroKöchen sprechen müsse, sei aber genau so ein Problem wie die Tatsache, dass große Reformen wegen der Sperrminorität nicht möglich seien.
„Bereitschaft, AfD zu wählen, ist riesig“
Hat die AfD aber jetzt vielleicht ihr Potenzial ausgeschöpft, will Moderator Wolfgang Heim wissen. „Ist sie ausmobilisiert?“ Diese Hoffnung teilt der Politikwissenschaftler nicht. Die Bereitschaft, die Partei zu wählen, sei riesengroß. „Auch von Menschen, die nicht rechtsextrem sind.“
Da spiele es auch überhaupt keine Rolle mehr, ob Alice Weidel fälschlicherweise behaupte, Hitler sei ein Kommunist gewesen, oder ganz unverhohlen mit begriffen wie „Remigration“ um sich werfe. „Die AfD ist sich ihrer Sache sicher.“
Ob das auch daran liege, dass Diskussionen zu Themen wie Migration zu lange zu verhalten geführt wurden, will Moderator Heim wissen. Jedenfalls falsch seien sie geführt worden, glaubt von Lucke. In der Union habe es von Merkels „Wir schaffen das“ bis zu Seehofers Ansicht, die Migration sei die Mutter aller Probleme, alles gegeben. „Die Union hat sich zerrieben und die AfD gestärkt.“
In die Karten der AfD spiele aber auch noch eine andere Entwicklung. „Die amerikanischen Staaten begreifen uns nicht mehr als Alliierte, sondern als Feinde. Das ist eine Zäsur sondergleichen.“ Die AfD behaupte, sie könne das lösen. „Und irgendwann sagen die Leute: Dann geht ran.“
„Wir müssen lernen, unsere Interessen zu vertreten“
„Die transatlantische Wertegemeinschaft ist mit Trump ad acta gelegt“, sagt von Lucke. „Wir müssen endlich wieder selber für unsere Sicherheit sorgen.“ Schließlich sei Deutschland nicht weit weg vom Kriegsschauplatz. „Vergessen sie nicht, es werden harte Zeiten kommen.“
Mit viel Optimismus entlässt von Lucke sein Publikum an diesem Abend nicht. Zumindest aber mit ein bisschen Hoffnung: „Ich komme in friedlicheren Zeiten wieder.“
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